MillenniumszieleMit alten Mikroskopen Leben retten

Um die Müttersterblichkeit in Afrika zu senken, lehrt Ulrich Bonk Afrikanern auf dem Land einfache Krebsdiagnose-Verfahren. Ein Interview mit dem Pathologen im Ruhestand. von 

ZEIT ONLINE: Herr Bonk, eines der drei UN-Millenniumsziele im Bereich Gesundheit für das Jahr 2015 ist die Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern. Sie engagieren sich seit einigen Jahren in Äthiopien, wo Sie Ärzten und Pflegern beibringen, wie man mit einfachen Mikroskopen Gebärmutterhalskrebs diagnostizieren kann. Haben Sie Gelder aus den Fördertöpfen der Millenniumsprojekte erhalten?

Ulrich Bonk: Nein. Es ist eine Eigeninitiative, unterstützt von deutschen Bürgern und Rotary International, insbesondere vom Rotary Club Osterholz.

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ZEIT ONLINE: Seit 2008 haben Sie sechs Kurse an Krankenhäusern im Landesinneren in Äthiopien gegeben. Etwa einhundert Teilnehmern haben sie das zytologische Diagnose-Verfahren beigebracht. Wie sind Sie darauf gekommen, dass diese Hilfe dort gebraucht wird?

Ulrich Bonk
Ulrich Bonk

Ulrich Bonk war von 1976 bis 2006 Direktor des Zentrums für Pathologie der Hansestadt Bremen. Er ist Mitglied der American Society of
Cytopathology
und war Professor für Pathologie, Onkologie und Public Health an der Universität Göttingen und in Bremen. Nach der Pensionierung studierte er Ethik im Gesundheitswesen, wurde Mitglied des General Medical Council in London und engagiert sich für die Menschen in Afrika. 2009 wurde er in den Bundesvorstand des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes gewählt

Bonk: Befreundete Augenärzte aus dem Rotary-Club, die in Afrika im Einsatz sind, haben mich darauf gebracht. 30 Jahre lang habe ich an der Universität Bremen gelehrt und das Institut für Pathologie der Hansestadt geleitet. Seit meiner Pensionierung habe ich Zeit, mich um Menschen in Afrika zu kümmern. Ein äthiopischer Pfarrer hat mir dann den Kontakt zu den Gesundheitszentren vermittelt, in denen am dringendsten Hilfe gebraucht wird.

ZEIT ONLINE: Wie kann ein Pathologe denn in einem afrikanischen Krankenhaus helfen?

Bonk: Ich bin vor allem darauf spezialisiert, anhand von Zellausstrichen mit einer einfachen preiswerten Färbung Krebszellen zu erkennen. In den Armenkrankenhäusern, die ich in Äthiopien und auch in Ghana im Landesinneren bisher gesehen habe, wird dieser Krebs überhaupt nicht diagnostiziert. Dort werden nur Notfälle behandelt – zum Beispiel Frauen, die bereits fortgeschrittene Tumore haben oder hochschwanger mit Komplikationen in die Klinik kommen. Dagegen wollte ich etwas tun.

ZEIT ONLINE: Und was kann man tun?

Bonk: Zur Diagnose von Gebärmutterhalskrebs braucht man eigentlich gar keine High-Tech-Geräte. Es genügen einfache Mikroskope, unter denen sich luftgetrocknete Zellausstriche mit der preiswerten Giemsa-Färbung begutachten lassen. Mit den Kollegen von Rotary-Club haben wir in ganz Norddeutschland bei Pathologen und in Arztpraxen ausrangierte Mikroskope gesammelt, die hierzulande niemand mehr braucht. Mit Spenden konnten wir dann 2008 eine ganze Schiffsladung voll Mikroskope nach Äthiopien transportieren. Seither gebe ich regelmäßig Zytologie-Kurse.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Teilnehmer Ihrer Kurse?

Bonk: Dazu gehören Ärzte, aber vor allem Medizinisch-technische Assistenten, Krankenpfleger, Hebammen, Health Officer und die neue Berufsgruppe der Emergency Surgeons – also Barfußärtzte mit Bachelor-Abschluß. Sie werden ausgebildet, um in den Gesundheitszentren der Dörfer eine solide Grundversorgung aufzubauen. Die Krankenhäuser sind im Landesinneren in Äthiopien im Schnitt 300 Kilometer voneinander entfernt.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn in Äthiopien keine Spezialisten für Zytologie?

Bonk: Ein großes Problem in dem bis 1991 kommunistisch geführten Land ist die starke Schere zwischen Arm und Reich, das Gefälle zwischen Stadt und Land – und natürlich die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nachbarland Somalia. Vor zwei Jahren genehmigte die Regierung Fachärzten die Eröffnung privater Praxen, um der Landflucht Herr zu werden. Seither lassen sich immer mehr gut ausgebildete Ärzte in der Hauptstadt nieder, wo sie zahlende Kunden nach westlichem Standard behandeln. Für den Rest der Bevölkerung ist die Behandlung rudimentär. Im Verhältnis zu seinen gut 80 Millionen Einwohnern hat Äthiopien nur sehr wenige staatliche Krankenhäuser. Dort werden fast nur Notfälle behandelt. Noch schlimmer ist die Lage in den Gesundheitszentren auf dem Land, wo es keine Fachärzte gibt. Dort sollen die Health Officer und Emergency Surgeons helfen, die jetzt verstärkt ausgebildet werden.

ZEIT ONLINE: Unter welchen Bedingungen finden die Kurse statt?

Bonk: Zum Teil haben die Teilnehmer Entfernungen von bis zu 400 Kilometern auf sich genommen, um an meinen Kursen teilzunehmen. Gehalt erhalten sie in dieser Zeit nicht. Verpflegung und Unterkunft haben wir deshalb aus Spendengeld finanziert.

ZEIT ONLINE: Es klingt vielleicht böse, aber haben die Frauen in Äthiopien nicht größere Sorgen als die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs? Und selbst wenn Tumorgewebe diagnostiziert würde, gäbe es dort überhaupt eine Behandlung mit Heilungschance?

Bonk: So sehe ich das nicht. Die Barfußärzte in den Gesundheitszentren berichten von Frauen mit fortgeschrittenem Gebärmutterhalskarzinom, die unter höllischen Schmerzen vor den orthodoxen Kirchen liegen und auf Erlösung warten. Krebs in einem solchen Stadium kann nur noch durch Bestrahlung oder Chemotherapie behandelt werden. Nur eine staatliche Klinik in der Hauptstadt ist dazu ausgestattet. Bei Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr, sterben die meisten Frauen, bevor sie behandelt werden. Leider erhalten die leidenden Frauen kein Morphium und höchstens Diclo-Tabletten, die bei starken Schmerzen kaum Linderung bringen. Dass in Äthiopien das gesamte Gesundheitswesen marode und mittelalterlich ist, kann aber kein Grund sein, nicht an irgendeinem Ende mit der Hilfe anzufangen. Nicht zuletzt ist der Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs eines der Millenniumsziele Äthiopiens.

Leserkommentare
    • olarch
    • 22. September 2010 10:56 Uhr

    Die Arbeit und Initiation von Herrn Bonk finde ich großartig!

  1. Da "lehren" bekanntlich mit dem doppelten Akkusativ steht,
    muß es im ersten Satz der Einleitung statt "Afrikanern"
    "Afrikaner" heißen.

    • mamor
    • 22. September 2010 12:06 Uhr

    ICh habe größten Respekt vor Menschen, wie Herrn Dr. Ulrich Bonk!

  2. Was sind die MDGs und wie können sie erreicht werden:

    http://www.youtube.com/wa...

  3. "Um die Müttersterblichkeit in Afrika zu senken, lehrt Ulrich Bonk Afrikanern auf dem Land einfache Krebsdiagnose-Verfahren."
    Bonk lehrt Afrikaner, grammatikalisch wen etwas! Genauso kosten manche Katastrophen nicht vielen Menschen, sondern viele Menschen das Leben. Und bevor müde abgewunken wird, dass das nichts mit dem Artikel zu tun habe, "ab-/winken" war vor der Rechtschreibreform ein regelmäßiges Verb...

  4. Seit 2013 gibt es "One World Medical Network e.V." www.owmn.org
    Professor Bonk ist Gründungsmitglied dieses Vereins.

    Wer sich in diesem Verein engagiert, unterstützt die Arbeit von Professor Bonk und hilft die Gesundheitsversorgung von Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verbessern.

    Zur Zeit bauen wir Früherkennungsprojekte für Gebärmutterhals- und Brustkrebs in Afrika auf. In Entwicklungsländern gibt es nahezu keine Untersuchungen bezüglich dieser Erkrankungen.

    Mit Hilfe von Expert-Ärzten und Telemedizin unterstützen wir diese Untersuchungen und erstellen Diagnosen.

    Um diese Projekte durchzuführen benötigen wir noch mehr Experten-Ärzte und noch mehr Spenden.

    Melden Sie sich bei uns [...] und beziehen Sie sich auf den Artikel von Professor Bonk.
    Gekürzt. Bitte verstehen Sie, dass wir auf E-Mail-Adressen an dieser Stelle nicht verlinken wollen. danke, die Redaktion/se

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