Am Neubau der Leipziger Universität prangte über dem Haupteingang der Kopf von Karl Marx, ihres Namensgebers bis 1991. Die Karl-Marx-Universität war neben der Berliner Humboldt-Universität eine der Elitehochschulen der DDR. Die Wende ereilte Leipzig am 13. Februar 1991: An diesem Tag wurde Cornelius Weiss zum Rektor gewählt und das Konzil beschloss den Abschied von Marx. Weiss war ein regimekritischer Naturwissenschaftler, der in der DDR nicht Karriere machen konnte.

Warum hat die Neuorientierung in Leipzig eineinhalb Jahre gedauert? In der Übergangszeit von der DDR zur Bundesrepublik wurde die Chance zur Veränderung nur halbherzig genutzt. Ohne den Druck durch Minister und Gesetzgeber wäre die Reform stecken geblieben. Denn die Mehrheit der Professoren war der DDR durch Mitgliedschaft in der SED eng verbunden. Ihre Karrierewege in der Wissenschaft waren sowohl der staatlichen Planwirtschaft als auch dem marxistisch-leninistischen Erziehungsauftrag zu verdanken.

Wie sollte man eine Hochschulreform gestalten, die nicht bloß aus einer Übernahme westdeutscher Organisations- und Rechtsmodelle bestand? Vor dieser Frage standen Politiker aus dem Osten wie der letzte Wissenschaftsminister der DDR und spätere sächsische Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer ebenso wie der Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt.

Den Geist, der nach der Wende noch an der alten Leipziger Universität geherrscht hatte, schilderte Rektor Cornelius Weiss so: "Die Universität als Ganzes trug leider absolut nichts zur längst überfälligen Wende bei, wie es ihr als geistigem Zentrum der Stadt wohl angestanden hätte. Im Gegenteil, sie wartete ab, hüllte sich in Schweigen, bremste gar, erwies sich wie schon so oft in ihrer Geschichte als vorsichtig, konservativ, ja als reaktionär. Schlimmer noch, auch nach der Wende, als kritische Worte schon nicht mehr gefährlich waren, fehlte der Universität in den meisten Bereichen die Kraft und vielleicht auch der Wille zur Aufarbeitung der Vergangenheit, zur Trauerarbeit, zur geistigen Erneuerung und zur demokratischen Umgestaltung von innen heraus."

Was machte die Wissenschaftler und Studierenden zögerlich? In der DDR waren Studenten und linientreue Wissenschaftler privilegiert. Wer als Studienbewerber den üblichen Weg von den Jungen Pionieren über die FDJ bis zum Wehrdienst in der Volksarmee beschritten hatte, konnte anschließend mit einem Studienplatz rechnen, wenn auch nicht immer in seinem Wunschfach. Nur 12 Prozent eines Jahrgangs hatten die Chance, die erweiterte 12-klassige polytechnische Oberschule und später die Hochschulen zu besuchen. Die Wahl des Studienplatzes war reglementiert. Zum Beispiel sollten nach den Erfordernissen der Planwirtschaft 40 Prozent der Studienbewerber eine technische Wissenschaft wählen. Die einmal akzeptierten Studenten mussten sich der Disziplin von Seminargruppen unter der Leitung zuverlässiger FDJ-Funktionäre unterwerfen und zu Ernteeinsätzen und militärischen Übungen jederzeit bereit sein. Im Gegenzug bekamen fast alle Stipendien und Wohnheimplätze zugewiesen. Den Hochschulabsolventen war ein Arbeitsplatz sicher.

Nach der Wende erschien es vielen Studenten an den DDR-Hochschulen schon als ausreichende Reform, dass das dreijährige Pflichtstudium des Marxismus-Leninismus abgeschafft wurde und die Studenten in den Gremien nicht mehr durch die FDJ, sondern durch Repräsentanten der neu gewählten Studentenreferate vertreten wurden. Der Geist des Aufruhrs, der 1968 an den Universitäten in Paris und der Bundesrepublik oder beim Prager Frühling geherrscht hatte, war in der DDR nicht angekommen. Selbst Lehrverbote für überzeugte und zugleich bei den Studenten beliebte Marxisten wie Robert Havemann an der Humboldt-Universität (HU) oder Ernst Bloch in Leipzig waren kein Anlass zu einem Hochschulstreik.

Der Mut zum Protest zeigte sich erst nach der Wende. Die mehrheitlich linken Studenten der HU stellten sich solidarisch hinter Heinrich Fink, den neu gewählten Rektor. Fink war 1991 von Wissenschaftssenator Manfred Erhardt entlassen worden, weil er trotz seiner Herkunft als Theologe unter dem inzwischen bewiesenen Verdacht stand, als informeller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet zu haben.Vehemente Studentenproteste gab es in Berlin und Leipzig auch gegen die Abwicklung marxistisch indoktrinierter Fächer. Obwohl der Abschluss der Studien in den abzuwickelnden Fächern mit Hilfe neuer, aus dem Westen importierter Dozenten garantiert wurde, sahen die Studenten in der Abwicklung einen Staatseingriff und bereits kurz nach der Wende eine Abkehr von der Verheißung der Autonomie.