ZEIT ONLINE: In einem Reaktor vom Typ "Tokamak" versuchen Sie hier auf der Forschungshalbinsel in Hefei die Kernfusion. Was versprechen Sie sich von dieser Technologie, die bisher nur in der Theorie funktioniert?

Jiangang Li:China benötigt Unmengen an Energie und ist bisher noch vom Rohstoff Kohle abhängig. Alternative Energien, wie Solar- oder Windkraft werden die steigende Nachfrage in den nächsten Jahrzehnten nicht decken können. Da wäre die Energiegewinnung durch Kernfusion die ideale Lösung.

ZEIT ONLINE: Nur, dass dies bisher noch niemandem gelungen ist. Was ist denn eigentlich das Schwierige an der Kernfusion?

Li: Wir versuchen, in unserem Reaktor nachzuahmen, was auf der Sonne passiert. Dort verschmelzen Wasserstoffatome unter gigantischer Hitze zu Helium – dabei wird viel Energie frei. Da die Abstoßungskräfte zweier Wasserstoffatome allerdings zu gewaltig sind, um sie unter irdischen Bedingungen verschmelzen zu lassen, nutzen wir Deuterium, ein Isotop des Wasserstoffs. Damit eine Fusion gelingen kann, müssen wir die Isotope im Reaktor auf mindestens 100 Millionen Grad Celsius erhitzen, sodass sie den Plasma-Zustand erreichen.

ZEIT ONLINE: Und gleichzeitig müssen Sie die Supraleiter im Inneren des Reaktors auf minus 269 Grad Celsius herunterkühlen…

Li: Das ist richtig. Die supraleitenden Magnetspulen, die wir für unseren Reaktor brauchen, werden auch hier am Institut für Plasma-Physik in Hefei hergestellt. Die Forschung an Supraleitern ist auch unser Hauptbeitrag zum internationalen Kernfusionsprojekt Iter.

ZEIT ONLINE: In Europa wird darüber heftig diskutiert. Alle an Iter beteiligten Länder scheinen das Rad neu erfinden zu wollen. Jeder will seine eigenen Reaktoren betreiben, anstatt nur einen Teil zum Ganzen beizusteuern. Auch deswegen sind die Kosten enorm: Inzwischen werden sie auf 15 Milliarden Euro geschätzt. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

Li: Nach meiner Kenntnis entfallen auf jedes Iter-Mitglied rund 1,9 Milliarden Euro – und das auf zehn Jahre verteilt. Das ist wenig für ein solches Forschungsprojekt. Und obwohl Deutschland ein viel reicheres Land ist als China oder Indien, investieren wir und die Inder mehr Geld in die Fusionsforschung. Aus einem einfachen Grund: Wir brauchen diese neue Energie dringend für unser Wachstum und für die Zukunft. China und andere Länder, die in einer ähnlichen Lage sind, würden die Reaktorentwicklung sicherlich auch ohne Deutschland weiterführen.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht riskant für ein Land wie China so stark auf eine Zukunftstechnologie zu setzen, von der heute noch nicht klar ist, ob sie jemals funktionieren wird?

Li: Sie dürfen nicht vergessen, dass Chinas Regierung zehn Mal mehr Geld in die Entwicklung und den Ausbau erneuerbarer Energien, wie Solar- oder Windenergie, steckt als in die Kernfusion. Außerdem versucht unser Land, die Nutzung der Kohle als Rohstoff effizienter zu machen. China braucht in Zukunft all diese Energiequellen, um seinen steigenden Bedarf zu decken. Erst kürzlich hat die Regierung beschlossen, bis zum Jahr 2050 insgesamt 500 Atomkraftwerke zu bauen – und auch die werden voraussichtlich nur zehn bis zwölf Prozent des Energiebedarfs decken.