Sie haben sich entschlossen, diesen Artikel zu lesen. Vermutlich, weil Sie etwas Neues über das Gehirn erfahren wollen. An dieser Stelle sind allerdings bereits Zweifel angebracht. Genauer: an Ihrem Entschluss. Denn nicht Sie haben sich vorgenommen, diesen Beitrag zu lesen, sondern Ihr Gehirn. Zumindest ist das so, wenn man neuen Ergebnissen der Neurowissenschaft Glauben schenkt. Das Gehirn hat Sie nur beiläufig über seine Entscheidung informiert, den Artikel lesen zu wollen, es Sie gnädig wissen lassen. Gut möglich, dass der freie Wille sich als Illusion erweist.

John-Dylan Haynes , 39, ist einer von den Wissenschaftlern, die den freien Willen in Frage stellen. Haynes’ Arbeitsplatz ist ein unscheinbares Backsteingebäude auf dem idyllischen, parkähnlichen Nordcampus der Humboldt-Universität in Berlin. Hier residiert das Bernstein-Zentrum für Computational Neuroscience, eine Einrichtung von Charité und Humboldt-Universität. 2008 veröffentlichte Haynes eine Untersuchung, in der er deutliche Hinweise darauf fand, dass das Gehirn längst entschieden hat, bevor das bewusste Ich glaubt, dies zu tun. "Der Mensch denkt – das Gehirn lenkt" lautet Haynes Pointe.

Kaum verwunderlich, dass seine Forschung weltweit Aufsehen erregt. Der Wissenschaftler bleibt dennoch gelassen. Wenn es um große Fragen wie die nach dem freien Willen geht, hält er den Ball flach. Er lässt ganz einfach die Ergebnisse seines Experiments sprechen. "Ich bin Pragmatiker", sagt er, während er einen Espresso aus dem Automaten serviert.

Der Versuchsaufbau für das Experiment zum freien Willen ist typisch für Haynes’ Arbeit. Die Teilnehmer mussten sich dazu in einen Hirnscanner legen. Dieses Gerät misst mit einem Verfahren namens funktionelle Kernspintomografie anhand des Sauerstoffgehalts im Blut, welche Gehirnregion gerade aktiv ist. Viel Sauerstoff spricht danach für ein besonders munteres Areal.

Jeder Teilnehmer des Experiments sollte sich frei entscheiden, die linke oder rechte Taste einer Computermaus zu drücken. Während des Entscheidungsprozesses sahen die Versuchspersonen wechselnde Buchstaben auf einem Bildschirm und mussten später angeben, bei welchem Buchstaben sie sich entschieden hatten, welche Taste sie drücken wollten.

Anhand der charakteristischen Durchblutungsmuster des Gehirns konnten Haynes und seine Mitarbeiter schon vor einer "freiwilligen" Entscheidung für rechts oder links bestimmen, wie sich die Versuchsperson entscheiden würde.

Haynes vergleicht dieses "Gedankenmuster" mit einem Fingerabdruck. Hat man ihn einmal gespeichert, so ist es möglich, neue Abdrücke auf das gespeicherte Rillenmuster der Fingerbeere zurückzuführen. Auch ein einmal registrierter typischer "Gedankenabdruck" lässt sich bei erneutem Auftreten herausfinden. Das Denken ist lesbar geworden.