Zum Tod von Bernoît Mandelbrot Der Meister der unerhörten Formen
Ihn kannten wenige, sein Apfelmännchen machte Karriere: Benoît Mandelbrot schenkte der Mathematik eine neue Ästhetik – seine Spuren bleiben unauslöschlich. Von C. Drösser
"Bodenlose Wunder entspringen aus einfachen Regeln, die ohne Ende wiederholt werden." Das waren die letzten Worte, die Benoît Mandelbrot bei seinem letzten öffentlichen Vortrag sprach. Das war im Februar 2010 auf einer Konferenz in Kalifornien.
"Entschuldigen Sie, dass ich im Sitzen rede – ich bin sehr alt", hatte er am Anfang seines Vortrags gescherzt.
Sein Körper war wohl schon vom Bauchspeicheldrüsenkrebs geschwächt, am vergangenen Donnerstag ist der 85-Jährige daran gestorben.
Im Jahr 1983 – ich studierte damals noch Mathematik an der Universität Bonn – wurde mein mathematisches Weltbild erschüttert durch eine Diashow des Bremer Professors Heinz-Otto Peitgen: Sie zeigte bunte Computerbilder der Mandelbrot-Menge, die später als "Apfelmännchen" Karriere machen sollte. Eine komplexe Struktur, die immer komplexer wurde, je tiefer man sich in sie versenkte, bodenlos eben. Und entstanden war sie aus einer simplen Abbildung, x auf x
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plus c, ohne Ende wiederholt.
Das war unerhört, aus zwei Gründen: Bilder hatten damals in der reinen Mathematik nichts verloren; deren Ideal war die abstrakte Einsicht, nicht die bildliche Anschauung. Doch Mandelbrots Buch Die fraktale Geometrie der Natur , 1982 auf Englisch erschienen, war ein Bilderbuch: kaum Formeln, keine Beweise, dafür die opulente Optik barocker Formen. Ebenso ungewohnt war die Verwendung des Computers als Werkzeug der Erkenntnis.
Als Rechenknechte waren die Maschinen akzeptiert, aber beim Studium der "Fraktale", wie Mandelbrot seine Strukturen getauft hatte, bekam der Computer eine neue Rolle: Er machte Welten sichtbar, die kein Auge je gesehen und kein Geist sich je vorgestellt hatte. Die Mathematik wurde plötzlich zu einer empirischen Wissenschaft, die neue Dimensionen erkundete. Das Apfelmännchen machte Karriere – kaum ein Laie verstand seine Herkunft, aber Millionen waren von seiner Ästhetik fasziniert. Fraktale Bilder fanden den Weg in Museen und in esoterische Workshops. Sogar Kornkreise in Gestalt eines Apfelmännchens wurden in England gesichtet.
In der Mathematik blieb Benoît Mandelbrot ein Außenseiter, er scherte sich nicht darum, formale Sätze aufzustellen und zu beweisen. Die zentralen mathematischen Grundlagen seiner Theorie stammen von Vorläufern wie dem Franzosen Gaston Julia und dem Deutschen Felix Hausdorff, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungewöhnliche Formen untersuchten. Mandelbrot sah, dass sich mit diesen Formen, die man zuvor als pathologisch bezeichnet hatte, natürliche Phänomene beschreiben ließen. "Wolken sind keine Kugeln, Berge sind keine Kegel, Küstenlinien sind keine Kreise, Baumrinde ist nicht glatt, und Blitze folgen keiner geraden Linie", schrieb er im Vorwort seines Buchs. Mit fraktaler Geometrie hingegen ließ sich die Rauheit der Natur beschreiben.
Benoît Mandelbrot bei seinem letzten öffentlichen Vortrag im Februar 2010
Sicherlich gab es auch einen Fraktal-Hype, der sich etwa in der fraktalen Analyse von Börsenkursen manifestiert (und noch keinen Crash verhindert) hat. Aber Mandelbrot hat unauslöschliche Spuren in der Mathematik hinterlassen – vor allem, weil er ihr die Lust an der sinnlichen Anschauung zurückgegeben hat.
- Datum 18.10.2010 - 22:36 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ist bei TED erhältlich - kostenfrei.
http://www.ted.com/talks/...
Danke dafür, dass Sie auch wenn nur kurz über den Tod von Mandelbrot und dessen Erbe berichten.
Ich habe davon noch in keiner anderen Zeitung oder ähnlichen davon gelesen.
Bedanken möchte ich mich aber auch beim Meister persönlich für seine Arbeit. Auch wenn seine Bücher "Die fraktale Geometrie der Natur" und "Fraktale und Finanzen" für mich recht unschön zu lesen sind.
Diese Erfahrung machte ich erst vor kurzen, da ich zur Zeit meine Diplomarbeit über Fraktale schreibe...
Ein Feld der Mathematik, das leider in der Schule und auch im Studium kaum Beachtung findet... Wirklich schade darum...
Es wäre vielleicht für die ZEIT eine ehrenwerte Aufgabe, mal die Zusammenhänge darzustellen bezüglich Chaos, und Katastrophentheorie/Strukturelle Stabilität etc. Dabei könnte neben Mandelbrots auch Thoms Werk gewürdigt werden.
da mir weder zur programmierung des apfelmännchens - unter windows-bedingungen - noch zu sierpinski-grafiken irgend was mitgeteilt wird, finde ich den beitrag doof ("doof" hängt etymologisch nit engl. "deaf" zusammen: schwerhörig, taub)
Die Leistungen von Mandelbrot sollten meines Erachtens viel stärkere Beachtung in der Öffentlichkeit finden. Die natürliche Welt um uns herum ist durch seine Betrachtungsweise wesentlich besser zu begreifen als durch die Geometrie der alten Griechen. Kein Baum und keine Küste sieht aus wie eine Gerade oder ein Dreieck.
Auch für Nichtmathematiker findet sich hier etwas erhellendes dazu:
http://www.matheprisma.un...
http://www.mathe-online.a...
Vor kurzem war auch ARTE ein guter Bericht zu sehen; leider ist derzeit keine Wiederholung vorgesehen, aber man sollte das für später im Auge behalten.
http://www.arte.tv/de/woc...
Benoît Mandelbrot hat es geschafft, die wissenschaftliche Mathematik von der Grenze zur Philosophie an die Grenze zur Kunst zu verrücken und mehreren Generationen von Schülern und Studenten im buchstäblichen Sinn das "moderne Bild der Mathematik" vor Augen zu führen.
Ein bemerkenswerter Wissenschaftler und ein bemerkenswerter Mensch ist von uns gegangen.
Eigentlich wäre der Tod Mandelbrots ein würdiger Anlass, darüber nachzudenken, ob künftig auch ein "Nobelpreis für Mathematik" vergeben werden sollte. Ein "Mandelbrot-Preis" wäre das respektabelste Denkmal für einen Wissenschaftler, der durchaus in der gleichen Liga spielte wie Albert Einstein.
Ein großes Danke von einer, der der Mathematikunterricht an der Schule jeglichen Zugang zu Mathematik versperrt hat. Dazu ein zynischer Dank an "meine" Lehrer für all die verschwendete Zeit in Mathematik, Geschichte, Physik, Chemie ... für all das stupide Lernen nach Lehrbüchern, Kapitel für Kapitel, Versuchsanordnung für Versuchsanordnung, die im Kleinen nie das Ganze, nie das Spannende sehen ließen, (sondern nur ein geglücktes oder mißglücktes Experiment) ... das sich in einem Artikel wie diesem auftut. Ähnliches ist es mir auch beim Lesen früher im FAZ-Magazin ergangen, wo sich mir in der Schule unzugängliche Welten zumindest ein wenig geöffnet haben. Aber natürlich lassen sich die Defizite aus der Schulzeit, das Fehlen bestimmter Grundlagen nicht aufholen, nur ein wenig ausbügeln, hier und da, durch eigene Anstrengungen, z.B. was Geschichte betrifft. Oder jetzt durch ein kleines Augenmerk auf fraktale Geometrie. Dazu hier ein Link für diejenigen, die auf dem Gebiet auch über null Kenntnis verfügen:
http://www.math.unibas.ch...
Ich finde das schön anschaulich und komplex dargestellt.
Zu dem Seitenhieb an Lehrer und Schule: das sollte niemand hier als absolut verstehen oder persönlich. Ich gehe davon aus, dass es sehr gute Lehrer gibt und das sich auch an den Schulen vieles zum Positiven verändert hat. An meiner Schule waren es leider wenige gute Lehrer, so sehe ich das. Und es kamen viele andere Probleme hinzu: a) viel zu große Klassen mit ca. 30 Schülern, b) damit verbunden kein individuelles Eingehen auf die Schüler, womit dann c) Menschen wie ich in diesem Schulsystem völlig untergegangen sind und sich diesem verweigert haben, durch Nichtbeteiligung am Unterricht z.B., reduziert auf physische Anwesenheit und ein Irgendwie-Durchhangeln mit schlechten Noten. Wenn ich Artikel wie diesen lese, berührt es immer mein Verletztsein und auch meine Scham, wenn ich an die vielen verlorenen, ja destruktiven Jahre denke, die ich lieber eigenständig in einer Bibliothek verbracht hätte.
Kleines Resümee: Man kann, egal bei welchem Thema, Faszination wecken. Das sollten Lehrer in ihrem Fach können.
Lassen Sie man ruhig die Schulen und die Lehrer so weiterarbeiten - mir ermöglicht das ein kleines Zubrot, als privater Nachhilfelehrer Kindern die Welt der Mathematik etwas besser begreifen zu lassen.
Bitte mit Zwinkern lesen ;-)
Lassen Sie man ruhig die Schulen und die Lehrer so weiterarbeiten - mir ermöglicht das ein kleines Zubrot, als privater Nachhilfelehrer Kindern die Welt der Mathematik etwas besser begreifen zu lassen.
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