Diplom-Ingenieur statt Master: In Mecklenburg-Vorpommern kehrt der alte Titel zurück

Für die einen ist es der Tag des Triumphes. Für die anderen ist es eine traurige Posse mit unabsehbaren Folgen für die Bologna-Reform. Am gestrigen Mittwoch reanimierte Mecklenburg-Vorpommern den Abschluss Diplom. Das Land verabschiedete eine Novelle seines Hochschulgesetzes, die vorsieht, dass Absolventen nach ihrem Masterabschluss auf Antrag nicht den Mastergrad, sondern stattdessen den Diplomgrad verliehen bekommen können. Der Angriff auf die Bologna-Reform geht aber noch weiter: Absolventen von Fachhochschulen sollen auch den Bachelorgrad in das Diplom umtauschen können, solange sie im Umfang von 240 Leistungspunkten (also acht Semester) studiert haben.

Die Bachelor-Kritiker sind euphorisch: Mecklenburg-Vorpommern gehöre jetzt "zur Avantgarde im europäischen Hochschulraum", jubelt der Hochschulverband, die konservative Vertretung von 25.000 Wissenschaftlern. Und die TU9, der Zusammenschluss der großen TUs, attestierte Mecklenburg-Vorpommern begeistert eine "Vorreiterrolle gegen die Nivellierung von Hochschulabschlüssen". Die TU9 engagieren sich seit Jahren für die Rettung des Titels "Diplom-Ingenieur", der ein Qualitätssiegel sei und darum auch nicht durch Bachelor und Master ersetzt werden dürfe. Im Bachelor sehen die TU9 ohnehin keinen berufsbefähigenden Abschluss für Ingenieure, sondern nur eine Zwischenprüfung.

Zutiefst entsetzt sind hingegen die Hochschulrektorenkonferenz und Wirtschaftsverbände wie BDA und BDI, Gesamtmetall, der Verein Deutscher Ingenieure, die IG Metall oder der Stifterverband. Es werde zu einem "Flickenteppich" von Abschlüssen kommen, die Mobilität von Studierenden und Absolventen werde beeinträchtigt, Abschlussgrade "beliebig". Ginge es dem Land nur darum, die Gleichwertigkeit der neuen Abschlüsse mit dem alten Diplom darzustellen, könnten seine Hochschulen auch den von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgesehenen Weg wählen: eine Erklärung im Anhang des zertifizierten Grades, im "Diploma supplement".

In Deutschland wünschen sich keineswegs alle Hochschulen das Diplom zurück, auch durch die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten geht ein tiefer Riss, ist zu hören. In Mecklenburg-Vorpommern ging der Vorstoß dem Vernehmen nach von den Schiffsbauern der Universität Rostock aus, denen es gelang, zwei Abgeordnete für ihr Anliegen zu gewinnen – nicht aber, wie zu hören ist, den Wissenschaftsminister Henry Tesch.

Der Vorstoß entfaltete eine Dynamik, die die Fachhochschulen (FHs) des Landes auf den Plan rief. Wenn die Unis den Dipl.-Ing. wiederbekommen, dürfen die FHs nicht leer ausgehen, hieß es. Weil der Bachelor an den FHs nicht wie an den Unis nach sechs, sondern wie das alte FH-Diplom nach sieben oder acht Semestern erreicht wird, setzten die FHs für die Novelle den Grad "Dipl.-Ing." für den FH-Bachelor durch – aus Sicht der Kritiker eine verhängnisvolle Vernebelung von Qualifikationen. Zwar gehe der Gesetzgeber davon aus, dass die FH-Absolventen auch in Zukunft hinter ihr "Dipl.-Ing." ein "(FH)" setzen. Doch werde diese aus dem alten Gesetz stammende Pflicht schon bei der ersten Klage kippen. Die alte Vorschrift werde in der Welt von Bachelor und Master keinen Bestand mehr haben. Dann könnten FH-Bachelor auf ihre Visitenkarte "Dipl.-Ing." schreiben – wie die Masterabsolventen von Mecklenburg-Vorpommerns Unis.

Die TU9 sehen sich jedenfalls im Aufwind. Womöglich auch Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Frankenberg, der unlängst mit einem ähnlichen Vorstoß in der KMK gescheitert war.

Zuerst erschienen im Tagesspiegel