Die Meute hetzt die Beute – keuchend flüchtet ein Mann durch den Wald. Eine von Hunden geführte Verfolgergruppe ist ihm dicht auf den Fersen – den Duft des Flüchtigen in ihren Nasen. Wer kennt derartige Szenen nicht aus Film und Fernsehen. Aber was ist dran an solchen Szenen? Was hat es auf sich mit Düften und dem Geruchssinn – und lassen sich Menschen tatsächlich über ihren spezifischen Geruch identifizieren?

"Ja", sagt die Biologin und Spezialistin für menschlichen Körpergeruch Elisabeth Oberzaucher von der Universität Wien . "Trainierte Hunde erkennen einen Menschen in mehr als 90 Prozent der Fälle." Der Individualgeruch eines Menschen gleicht einem Fingerabdruck und setzt sich aus mehr als 400 Komponenten zusammen. Spezifische Moleküle lassen dabei Rückschlüsse auf genetische Eigenschaften zu – was wichtig bei der Partnerwahl (siehe Infokasten) ist. Einem trainierten Polizeihund ist die spezielle Genetik eines Verfolgten egal, ihm reicht eine kleine Geruchsprobe, um einem Menschen auf der Spur zu bleiben.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR führte ein ganzes Archiv von Duftproben, die seit Beginn der 1970er Jahre standardmäßig sowohl offiziell, als auch konspirativ von Dissidenten genommen wurden. Berge von Stasi-Akten beschäftigen sich mit der korrekten Abnahme der Proben, deren Aufbewahrung und Nutzung. So etwa in der "Vertraulichen Verschlusssache VVS-0001".

In den Unterlagen für das Hochschulfernstudium der Rechtswissenschaften des MfS finden sich detaillierte Ausführungen zum Aufbau der größten bekannten Geruchsproben-Datenbank weltweit: Einmachgläser, in denen ordentlich gefaltete, bräunlich-gelbe Staubtücher mit dem Duft der Dissidenten lagern neben rund 120.000 Akten-Regalmeter mit den schriftlichen Zeugnissen der alltäglichen und allgegenwärtigen Bespitzelung durch den Staat.

Heute befindet sich ein Großteil der Gläser im Archiv der Zentralstelle der BstU (Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) in Berlin – besser bekannt als Gauck-Behörde. Ein kleinerer Teil wurde zu Demonstrationszwecken an Behörden und Institutionen ausgeliehen. Ob die Proben der Stasi-Duft-Datenbank im erkennungsdienstlichen Alltag tatsächlich Verwendung fanden, ist urkundlich nicht belegt. Die Katalogisierung der einmaligen DDR-Hinterlassenschaften steht noch aus.

Die Stasi konservierte ihre Geruchsproben auf Staubtüchern in Einmachgläsern. Heute lagern sie in der Gauck-Behörde © BStU

Brauchbar wären sie wohl noch. "Richtig aufbewahrt, lassen sich Düfte problemlos über Jahre konservieren", sagt der Zellphysiologe und Geruchsforscher Hans Hatt von der Ruhr Universität Bochum . Die Forscher nutzen Gläser mit einer Stickstoffatmosphäre zur Konservierung ihrer Duftproben. Der Stickstoff soll die Oxidation – und damit den Zerfall der Duftstoffe verhindern. "Entsprechend behandelt und gelagert könnten die Proben der ehemaligen DDR-Staatssicherheit auch heute noch nutzbar sein", meint der Wissenschaftler.

Allerdings galten die Duftspuren in der DDR nicht als gerichtlich verwertbare Beweise. Sie dienten dazu, mithilfe speziell trainierter Hunde den Täterkreis näher einzugrenzen. Doch eine eindeutige Zuordnung des Geruchs ist nicht immer möglich. "Bei eineiigen Zwillingen wird es auch für die Hunde sehr schwierig", sagt Oberzaucher. Selbst die Hightech-Nachweismethode der Gaschromatografie zeigt im Duftprofil von eineiigen Zwillingen nur minimale Unterschiede. Die Methode sei technisch lange nicht so weit wie eine echte Nase, erklärt Geruchsforscher Hatt: "Selbst eine menschliche Nase ist in der Lage, zwischen mehr Duft-Nuancen zu unterscheiden, als es heutige Gaschromatografen können."