Wissenschaftsgeschichte Wie deutsche Ärzte die Medizin in Japan reformierten

Vorbild Deutschland: Vor 140 Jahren wurden zwei deutsche Militärärzte nach Japan entsandt, um die moderne Medizin ins Land zu bringen. Die Reform der Heilkunde in Japan.

1869, vor der Medizinreform durch deutsche Ärzte: Ein japanischer Heiler untersucht einen Patienten nach einem traditionellen Verfahren

1869, vor der Medizinreform durch deutsche Ärzte: Ein japanischer Heiler untersucht einen Patienten nach einem traditionellen Verfahren

Den beiden Ärzten bot sich ein für Mitteleuropäer ungewöhnliches Bild. Beim Besuch der Medizinschule Tokio im Jahr 1871 trafen sie 300 Studenten an, die in mehreren Sälen an großen Tischen versammelt waren, Pfeife rauchten und laut aus verschiedenen Büchern und Kapiteln lasen. "Alle gleichzeitig, in der bekannten, psalmodierenden Weise, so dass man etwa den Eindruck hatte, als träte man in eine Synagoge", notierte der preußische Militärarzt und Chirurg Leopold Müller (1824–1893). Mit dem Marinearzt und Internisten Theodor Hoffmann (1837–1894) war Müller nach Japan geholt worden, um die Medizin nach deutschem Muster umzuformen.

Es war nicht selbstverständlich, dass ausgerechnet Deutsche den Zuschlag als Medizinalreformer erhielten. Das weitgehend isolierte Japan war Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber den politisch, wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich führenden Nationen Europas deutlich zurückgefallen. Nach der erzwungenen Öffnung des Landes begann eine Aufholjagd, bei der man sich des Rates der Besten versichern wollte. Als "erstklassige Staaten" galten den Japanern die USA, Großbritannien und Frankreich, Deutschland dagegen war zweitklassig – mit Ausnahme der Medizin.

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Bis weit ins 19. Jahrhundert dominierten spekulativ-magische Vorstellungen die japanische Medizin. Sie beruhten wesentlich auf der Gleichgewichtslehre des Yin und Yang, sagt der Japanologe Frank Käser von der Freien Universität Berlin. Der japanische Arzt absolvierte seine Ausbildung als Schüler im Haus des Meisters, dieser führte die geheim gehaltene Heilkunst schweigend am Patienten vor.

Eigentlich war eher zu erwarten, dass die Gunst der Japaner bei der Medizinreform wegen der engeren Kontakte den Niederländern oder Engländern gelten würde. Aber ihre Nachforschungen hatten unzweifelhaft ergeben, dass die deutsche Medizin in ihrer Verbindung von Klinik und Naturwissenschaft, wie sie der Münchner Hygieniker Max von Pettenkofer und der Berliner Physiologe Johannes Müller verkörperten, an der Spitze stand.

Und so wurde am 1. Oktober 1869 offiziell beschlossen, sich der deutschen Medizin zuzuwenden. Man bat die preußische Staatsregierung, zwei "Obermilitärärzte" zu entsenden, weil diese als Angehörige der "Kriegerkaste" höheres Ansehen genießen würden. 1871 machten sich die Militärärzte Hoffmann und Müller in Tokio ans Werk und hielten zunächst eine strenge Musterung ab. Die 300 Medizinschüler reduzierten sich im Lauf der Zeit auf 59 und das Diplom nach acht Jahren Ausbildung – angelehnt am Studium an der Berliner Universität – erhielten 1879 zunächst lediglich 18 Schüler.

Aber ihnen folgten noch viele, die nach deutschem Vorbild Medizin studierten, denn die Schlüsselpositionen für Innere Medizin und Chirurgie an der Medizinischen Fakultät Tokio waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von deutschen Ärzten besetzt. Zudem brachen bereits um 1870 die ersten Japaner zum Medizinstudium gen Westen auf. Ein Studium in Deutschland war für Japaner Voraussetzung, um an der Tokioter Medizinfakultät Karriere zu machen, sagt Käser.

Bald brachten die Japaner selbst namhafte Wissenschaftler hervor. Einer von ihnen war Shibasaburo Kitasato, der von 1885 an bei dem Bakteriologen Robert Koch in Berlin forschte, bahnbrechende Ergebnisse zu Tetanus und Diphtherie erzielen konnte und 1892 nach Japan zurückkehrte. Sein Schüler Sahachiro Hata entwickelte als Assistent des Immunforschers Paul Ehrlich in Frankfurt am Main gemeinsam mit diesem Salvarsan, das erste Antibiotikum.

Den beiden knorrigen preußischen Militärärzten Müller und Hoffmann haben die Japaner bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Ihre Bronzebüsten finden sich im Garten der Medizinischen Fakultät der Universität Tokio. Mit Pickelhaube, Schnurrbart und Ordensbrust.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. Das einzige wirklich Nützliche der modernen Medizin ist die Notfallmedizin.

    Auch wenn mindestens 80% der Operationen unnötig sind, sind die technischen Möglichkeiten der chirurgischen Erstversorgung einfach enorm.

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    • Welken
    • 31.01.2011 um 15:49 Uhr

    Ihr Kommentar für sich allein ergibt leider wenig Sinn.

    Zumindest eine Begründung wäre empfehlenswert, sonst wirken Sie wie ein typischer vom Wohlstand unserer Zivilisation verwöhnter Technikfeind. Desweiteren hoffe ich Sie unterliegen nicht dem vollkommen ahnunglosen und furchtbar arroganten Glauben an die Überlegenheit jeglicher Art von urzeitlicher Lebensform.

    • Homsa
    • 01.02.2011 um 20:52 Uhr

    Das kann man sagen, solang man gesund ist und nur Angst vor Unfällen hat. Werden Sie mal ernsthaft krank und dann sterben Sie ohne Antibiotikum mit einem "ach die moderne Medizin ist so schröcklich" auf den Lippen........

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    • 31.01.2011 um 15:49 Uhr

    Ihr Kommentar für sich allein ergibt leider wenig Sinn.

    Zumindest eine Begründung wäre empfehlenswert, sonst wirken Sie wie ein typischer vom Wohlstand unserer Zivilisation verwöhnter Technikfeind. Desweiteren hoffe ich Sie unterliegen nicht dem vollkommen ahnunglosen und furchtbar arroganten Glauben an die Überlegenheit jeglicher Art von urzeitlicher Lebensform.

    • Homsa
    • 01.02.2011 um 20:52 Uhr

    Das kann man sagen, solang man gesund ist und nur Angst vor Unfällen hat. Werden Sie mal ernsthaft krank und dann sterben Sie ohne Antibiotikum mit einem "ach die moderne Medizin ist so schröcklich" auf den Lippen........

  2. Ich finde es eigentlich ganz angenehm, dass die Diagnose von Krebs heutzutage kein Todesurteil bedeutet. Ich bin mir auch sicher, dass Diabetes-Kranke über Insulinspritzen recht erfreut sind.
    Wie man soetwas als unnütz ansehen kann ist mir schleierhaft, aber so lange Sie niemanden davon abhalten wollen, die moderne Medizin in Anspruc zu nehmen, bitte sehr.

    • Welken
    • 31.01.2011 um 15:49 Uhr

    Ihr Kommentar für sich allein ergibt leider wenig Sinn.

    Zumindest eine Begründung wäre empfehlenswert, sonst wirken Sie wie ein typischer vom Wohlstand unserer Zivilisation verwöhnter Technikfeind. Desweiteren hoffe ich Sie unterliegen nicht dem vollkommen ahnunglosen und furchtbar arroganten Glauben an die Überlegenheit jeglicher Art von urzeitlicher Lebensform.

    Antwort auf "Schrecklich!!"
    • Atan
    • 31.01.2011 um 16:18 Uhr

    nützlich wäre, so ist diese heute eine interdisziplinäre Angelegenheit, und keinesfalls Domäne der
    Chirurgie. Die meisten Notfälle sind allein schon medizinischer Art, und auch historisch ist der "schneidende" Chirurg vom Feldscher, Wundarzt und Barbier kommend, erst im 19. Jh. wirklich in die akademische Ausbildung aufgenommen worden.
    Im Prinzip öffnete Japan sich somit zu einem sehr günstigen Zeitpunkt der westlichen Medizin, denn erst im 19. Jh. erarbeitete diese sich ihre modernen pathologischen Grundlagen (Zellforschung, Hygiene, Bakteriologie etc), und war somit der traditionellen chinesischen Heilkunst (jap: kampô), welche Müller und Hoffmann in Tokio damals vorfanden, wirklichen überlegen.

    • yhamm
    • 31.01.2011 um 18:43 Uhr

    Wundstarrkrampf und Tetanus sind Synonyme, die Aufzählung beider Wörter ist redundant.

    "bahnbrechende Ergebnisse zu Wundstarrkrampf, Tetanus und Diphtherie erzielen konnte und 1892 nach Japan zurückkehrte. "

    • yhamm
    • 31.01.2011 um 18:49 Uhr

    Übrigens heißt das Antibiotikum Salvarsan, nicht etwa "Salavarsan".

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    Freier Autor

    Liebe/r yhamm,

    vielen Dank für Ihre richtigen Hinweise. Wir haben die entsprechenden Stellen geändert.

    Mit freundlichen Grüßen
    aus der Wissensredaktion

    Freier Autor

    Liebe/r yhamm,

    vielen Dank für Ihre richtigen Hinweise. Wir haben die entsprechenden Stellen geändert.

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  3. Der deutsche Einfluss auf die moderne japanische Medizin hat tiefere Wurzeln und reicht in die Zeit vor die erzwungene Oeffnung Japans. Der in hollaendischen Diensten stehende Wuerzburger Arzt Philipp Franz von Siebold, weilte in den 1820er Jahren in Nagasaki und gruendete dort die erste auf modernen europaeischen Prinzipien basierte medizinische Ausbildung, die grossen Einfluss auf die weitere Entwicklung der japanischen Medizin haben sollte. Die Entscheidung, die deutsche Medizin als Vorbild der Modernisierung zu nehmen, duerfte zu nicht unbedeutendem Anteil auf das Ansehen Siebolds zurueckzufuehren sein. (Sein umfangreiches Wirken ist in Japan unvergessen)

    Deutschlan, insbesondere nach der Reichsgruendung 1871, war mitnichten eine fuer Japan zweitrangige Nation; wesentliche Bereiche der Reformen orientierten sich an Berlin: die erste moderne Verfassung Japans war von der preussischen Verfassung inspiriert, deutsche Berater waren am Aufbau des Heeres beteiligt, das deutsche buergerliche Gesetzbuch wurde in grossen Teilen uebernommen etc etc.

    Eine Leser-Empfehlung
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    genau, Siebold war hochverehrt, und zwar einige Zeit bevor Hoffmann und Müller ins Land kamen. Sein Haus in Nagasaki steht noch und ist heute ein angesehenes Museum.
    Siebolds Tochter aus einer VErbindung mit einer Japanerin wurde übrigens Japans erste Ärztin.

    genau, Siebold war hochverehrt, und zwar einige Zeit bevor Hoffmann und Müller ins Land kamen. Sein Haus in Nagasaki steht noch und ist heute ein angesehenes Museum.
    Siebolds Tochter aus einer VErbindung mit einer Japanerin wurde übrigens Japans erste Ärztin.

  4. Freier Autor

    Liebe/r yhamm,

    vielen Dank für Ihre richtigen Hinweise. Wir haben die entsprechenden Stellen geändert.

    Mit freundlichen Grüßen
    aus der Wissensredaktion

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