MuttermilchdebatteBabys sollen frühzeitig Brei bekommen

Eine neue Studie widerspricht der Stillempfehlung der WHO. Forscher fordern, Säuglinge bereits ab dem vierten Monat mit Brei zu füttern – zusätzlich zur Muttermilch.

Ein Säugling wird gestillt. Ab wann sollen Babys nicht mehr nur die Brust der Mutter bekommen?

Ein Säugling wird gestillt. Ab wann sollen Babys nicht mehr nur die Brust der Mutter bekommen?

Kein Zweifel: Stillen ist gut, Muttermilch ist in den ersten Monaten das beste Lebensmittel. In die Frage, wie lange Babys ausschließlich davon leben sollten, ist in den letzten Jahren allerdings Bewegung gekommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, den Nachwuchs ein halbes Jahr lang nur mit Muttermilch zu ernähren. Diese Empfehlung stellen Forscher um Mary Fewtrell vom University College in London nun in Frage.

Zumindest in Ländern, in denen sauberes Wasser verfügbar ist und kaum lebensbedrohliche Magen-Darm-Infektionen auftreten, sollte ab einem Alter von vier Monaten zusätzlich ab und zu ein Brei gegeben werden, schreiben sie im British Medical Journal (Band 342, 5955) .

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Die Erkenntnisse, auf die sich die Kinderernährungsexperten stützen, lagen größtenteils noch nicht vor, als die WHO ihre Stillempfehlung 2001 aussprach. Inzwischen zeichnet sich ab, dass Kinder keineswegs durch langes Meiden bestimmter Nahrungsmittel vor Allergien geschützt werden. "In Ländern wie Israel, in denen Erdnüsse während der Entwöhnungsphase genutzt werden, gibt es weniger Erdnussallergien", argumentiert Fewtrell. Offenbar gebe es ein Zeitfenster, das für den ersten Kontakt mit den Allergenen günstig sei. Natürlich solle in dieser Zeit weitergestillt werden. "Wir sind extrem für das Stillen", stellt Fewtrell klar.

Offensichtlich hilft das zusätzliche Füttern von festerer Nahrung – die zu Recht den Namen "Beikost" führt – aber auch, die Stoffwechselkrankheit Zöliakie zu verhindern. Einer schwedischen Studie zufolge konnte diese Unverträglichkeit des Klebereiweißes Gluten, das in vielen Getreidesorten enthalten ist, fast um die Hälfte gesenkt werden, wenn Kinder zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensmonat Brei mit Getreide bekamen.

Gerade in westlichen Ländern, in denen Allergien zunehmen und Infektionskrankheiten das Leben von Babys nur noch extrem selten bedrohen, fällt die Güterabwägung deshalb zugunsten der frühen Beikost aus. Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ist dem veränderten Erkenntnisstand bereits im letzten Jahr gefolgt. Seitdem empfiehlt sie genau das, was die neue Studie nahelegt: Babys nur vier Monate lang ausschließlich zu stillen . Schutz vor Allergien ist dabei nicht das einzige Argument. "Die vielseitigere Kost schützt auch vor Eisenmangel, der langfristig zu Entwicklungsproblemen führen kann", sagt der Kinderarzt Frank Jochum vom Waldkrankenhaus Spandau, der zudem zur Ernährungskommission der Fachgesellschaft gehört.

Leserkommentare
  1. Gähn, mal wieder die anderen Kulturen, die für den Naturalismus herhalten müssen. Etwa die, die noch näher an der Natur leben? Wenn man mit anderen Kulturen argumentieren möchte, dann bitte mit genauem Beispiel. Also nicht à la "in Afrika" oder "in vielen Entwicklungsländern". Dazu könnte ich als Ethnologin nämlich verraten, dass in "vielen Entwicklungsländern" sehr früh zugefüttert wird, z.B. in Indien Neugeborene Honig und Ghee bekommen. Außerdem wäre zu untersuchen, wo die vermeintlich "anderen Kulturen" zwar von stillen sprechen, nicht aber ausschließliches stillen meinen. Ein Beispiel aus meiner eigenen Geschichte: meine Mutter sprach noch immer, davon, dass sie mich natürlich vier Monate gestillt hatte, sie erwähnte nicht, dass sie nach 14 Tagen auch die Flasche gab, da zu ihrer Zeit in der DDR stillen, nicht ausschließliches stillen hieß.
    Das Argument der "anderen Kulturen" finden wir immer wieder im Stilldiskurs, ähnlich beliebt wie Primaten und beides taugt bei näherem hinschauen eben auch nur bedingt. Wenn man "andere Kulturen verwendet, dann bitte etwas genauer". Wir wollen ja auch nicht "die Europäer" genannt werden.
    Ganz persönlich meine ich nicht, dass man "umbedingt stillen muss", aber das ist eine private Entscheidung. Ich habe in der Beziehung mit meiner Tochter sehr vom Abstillen nach 11 Monaten profitiert (durchschlafen können, weniger Nähe mit Hintergedanken....)und habe noch keinerlei überzeugendes Argument für kindgeleitetes Abstillen finden können.

    Antwort auf "Säugling vs. Breiling"
  2. 42. Belege

    Ich erlaube mir mal Quellenkritik zu üben:
    1.) Der Wikipediaartikel ist alles andere als neutral und von der Stilllobby höchstpersönlich verfasst, den werde ich demnächst mal korregieren
    2.) die meisten Dinge, die sie da behaupten, werden an vielen Stellen schlampig zitiert, sind so aber gar nicht nachgewiesen.
    3.) Kleines Beispiel: die Untersuchung, die dazu führt, dass man überall liest, gestillte Kinder seien schlauer, wurde ihrer Zeit in den USA ohne Beachtung des Bildungsniveaus und Einkommens der Eltern durchgeführt. Noch Fragen?
    4.) Bei dem Atemwegserkrankungsrisiko stellen Wissenschaftlerinnen (siehe Knaak, Stephanie: The Problem with Breastfeeding Discourse) zu recht die Frage: was das größere Risiko für Atemwegserkrankungen darstelle: nicht stillen oder das Geschwisterkind im Kindergarten. Risiken im Stilldiskurs werden oft verzerrt dargestellt.
    5.)Was ich sehr verwunderlich finde, ist dass Frauen anderen Frauen Egoismus vorwerfen, weil sie nicht dem gesellschaftlichen Bild der Maria lactans, der stillenden Gottesmutter, der 'guten' Mutter entsprechen wollen. Ist es wirklich eine Schande 40 Jahre nach der Frauenbewegung, das erste Jahr meines Kindes nicht alleine gestalten zu wollen, weil Papa ohne Brüste geboren worde? Ein bisschen mehr Toleranz für andere Ernährungsformen bitte! Und ja, ich denke Mütter haben auch Rechte und die wissenschaftliche Fiktion über den eventuellen Gesundheitszustandes meines Kindes in 40 Jahren überschreibt diese nicht insgesamt.

  3. lt. einer Lobby-unabhängigen kandischen Langzeit-Studie:

    "Jetzt gibt es handfeste Hinweise auf einen weiteren Vorteil der Muttermilch: Kinder, die gestillt werden, sind später fitter im Kopf..."

    http://www.tagesspiegel.d...

    Antwort auf "Aha ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zur "kanadischen" Langzeit-Studie, über die im amerikanischen Fachblatt „Archives of General Psychiatry“ berichtet wurde.
    Ergebnis:
    Muttermilch mache zwar keine Genies. Doch sie hülfe dem Kind, seine Fähigkeiten später intelligenter zu nutzen. Außerdem hat sie keine Nachteile, sondern sei perfekt auf das Baby und seine umfassenden Bedürfnisse abgestimmt.

    zur "kanadischen" Langzeit-Studie, über die im amerikanischen Fachblatt „Archives of General Psychiatry“ berichtet wurde.
    Ergebnis:
    Muttermilch mache zwar keine Genies. Doch sie hülfe dem Kind, seine Fähigkeiten später intelligenter zu nutzen. Außerdem hat sie keine Nachteile, sondern sei perfekt auf das Baby und seine umfassenden Bedürfnisse abgestimmt.

  4. zur "kanadischen" Langzeit-Studie, über die im amerikanischen Fachblatt „Archives of General Psychiatry“ berichtet wurde.
    Ergebnis:
    Muttermilch mache zwar keine Genies. Doch sie hülfe dem Kind, seine Fähigkeiten später intelligenter zu nutzen. Außerdem hat sie keine Nachteile, sondern sei perfekt auf das Baby und seine umfassenden Bedürfnisse abgestimmt.

  5. Zu den von Ihnen genannten Vorteilen des Stillens

    1.Höherer Schutz vor Infektionen
    Das ist nur die halbe Wahrheit. Da in einigen Metaanalysen auch Daten aus weniger entwickelten Länder (in denen die Trinkwasserqualität deutlich niedrieger ist) eingeflossen sind, wurden die Daten leicht verfälscht. In Deutschland haben nicht gestillte Babys kein nennenswert erhöhtes Risiko an Infektionen zu erkranken.

    2. "Stillen vermindert die Säuglingssterblichkeit erheblich"
    Ja, stimmt. In erster aber nur in Ländern, in denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser fehlt (inklusive Zugang zu unverseuchter Babynahrung).
    Auf Deutschland trifft das nicht zu.

    3. "Der Säugling bekommt durch das Stillen Antikörper und Immunzellen des mütterlichen Immunsystems."
    Das ist korrekt. ABER: Magensäure denaturiert die Antikörper. Selbst wenn wenig/keine Magensäure gebildet wird, so gelangen mütterliche Antikörper nicht in größerer Zahl ins Blut des Babys - die Darmschleimhaut nimmt sie schlicht nicht auf (nachzulesen bei Janeway, im Löffler/Petrides, im Silbnagl etc.). Wie sie das Baby dann vor Infektionen schützen sollen, müssen sie mir erklären.

    3. "Gestillte Kinder haben eine reduzierte Wahrscheinlichkeit an Neurodermitis, Asthma bronchiale oder Heuschnupfen zu erkranken."
    Seit der PROBIT-Studie wird das für Asthma angezweifelt. Ein Schutz über die Stillzeit hinaus ist nicht ausreichend belegt. Es gilt also lediglich für die Stillzeit.

    Eine Leserempfehlung
  6. 4. "Das Risiko, alkoholabhängig zu werden, ist für Kinder, die nur kurz die Brust bekommen, fast um 50 Prozent höher als das von Kindern, die länger gestillt werden."
    Wurden in der Studie Confounder berücksichtigt? Der Hang zum Alkoholismus kann veerbt. Eine Alkoholikerin wird nicht stillen. Ihr Kind hat ein erhötes Risiko alkoholabhängig zu werden. Ob das auch am fehlenden Stillen liegt, ist zu hinterfragen. Den größeren Einfluss haben die Erbanlagen und die Sozialisation des Kindes.

    5. "positiven Zusammenhang von Stillen und Intelligenzentwicklung"
    ... in Höhe von ca. + 2-7 IQ Punkten. Erscheint fürs Alltagsleben wenig relevant. Ob jemand 103 oder 96 hat, ist kaum zu merken. Man den IQ übrigens durch bloßes üben in kurzer Zeit um bis zu zehn Punkte steigern.

    Ich finde, dass es genau zwei Gründe für eine deutsche Mutter gibt zu stillen:
    1. Sie möchte stillen.
    2. Sie hat wenig Geld zu Verfügung.

    Eine Leserempfehlung
    • HorFe
    • 28.04.2012 um 14:00 Uhr

    wenn Allergien und andere Misslichkeiten seit ca 20 Jahren ansteigen , warum hören wir nicht auf unsere Großmütter und noch davor ? Dann könnten wir evtl. wieder zur logischen und natürlichen Herangehensweise zurückfinden und uns nicht mehr verunsichern lassen. Es gäbe sicher nicht 7 Milliarden Menschen auf der Welt und davon lebt min. 70 %" nicht in den von großen wissenschaftklichen Erkenntnissen durchfluteten Gesellschaften, wenn die Herangehensweise an die Ernährung der Kinder so problematisch wäre. Im Hinblick auf den Umgang mit Neugeborenen , Säuglingen und Kindern , waren unsere Vorfahren und sind o. g. Gesellschaften"souveräner.

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