ArchäologieZahi Hawass, Herrscher über Ägyptens Vergangenheit

Sein Reich ist das Tal der Könige, seine Passion die Nofretete – und das Spiel mit den Medien. Ein Porträt des umtriebigen Archäologen Zahi Hawass von 

Der Archäologe Zahi Hawass in einer Ausgrabungsstätte südlich von Kairo

Der Archäologe Zahi Hawass in einer Ausgrabungsstätte südlich von Kairo  |  © AFP/Getty Images

Zahi Hawass weiß, wie man sich in Szene setzt: Breitbeinig sitzt der Archäologe auf einem Felsbrocken in der ägyptischen Wüste. Seine braungebrannten Arme sind auf die verstaubten Jeans gestützt, die Füße in schweren Lederschuhen fest in den Sand gestemmt. Sein Gesicht liegt im Schatten seines breitkrempigen Hutes als er in akzentreichem Englisch zu sprechen beginnt. Wie immer wenn Hawass sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der Medien sicher ist, widmet er sich seinem Herzensthema: der Nofretete.

"Ich bin nicht hinter jedem Artefakt her, das aus Ägypten stammt. Aber wir wollen alles, was aus Ägypten gestohlen wurde und wofür wir entsprechende Beweise haben. Dazu zählt die Büste der Nofretete", sagt Hawass. Seit fünf Jahren beschäftigt er sich mit dem Fall. "Ich mache das nicht für mich, sondern für das ägyptische Volk", sagt der Archäologe im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Ob seine Briefe dazu führen, dass Berlin das 3300 Jahre alte Kunstwerk aushändigt, ist mehr als zweifelhaft. Die Bundesregierung stellte am Mittwoch unmissverständlich klar, dass sie jegliche Rückgabeforderungen jetzt und in Zukunft ablehnen wird.

Anzeige

Doch wieso fühlt sich der ägyptische Indiana Jones – ein Vergleich, der Hawass durchaus gefällt – überhaupt berechtigt, in Briefen an den ägyptischen Außenminister, an Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und an den deutschen Botschafter in Kairo, um die Rückgabe der Büste der Nofretete zu ersuchen? Sicherlich auch deshalb, weil Bescheidenheit für ihn ein Fremdwort ist.

Streit um Nofretete

Die Büste der Nofretete

Die Büste der Nofretete  |  © Andreas Rentz/Getty Images

1912 entdeckte der Archäologe Ludwig Borchardt die Büste der Nofretete samt anderen Fundstücken in Tell al-Amarna in Ägypten. Nach damals geltendem Recht wurde der Fund geteilt. Ein Jahr später wurde die Büste nach Deutschland gebracht. Die erste Rückgabeforderung Ägyptens erfolgte nach der ersten öffentlichen Ausstellung der Büste im Jahr 1924 im Neuen Museum in Berlin.

Seit dem Jahrtausendwechsel wurde die Büste von unterschiedlicher Seite mehrfach zurückgefordert. 2006 bat zum Beispiel die damalige Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa El-Saddik, um eine Ausleihe. Ein Jahr später wiederholte der Generalsekretär der ägyptischen Antikenverwaltung, Zahi Hawass, die Bitte, den Kopf der Nofretete für eine Ausstellung zu bekommen.

Im selben Jahr startete die Kampagne "Nofretete geht auf Reisen", im Zuge derer die Bundesregierung in einem Brief aufgefordert wurde, die Büste auszuleihen. Alles ohne Erfolg.

Rückgabeersuch von Hawass

Zahi Hawass zweifelt die Echtheit der Dokumente von 1913 an, die die Büste der Nofretete damals Deutschland zusprach. Seine Anschuldigungen: Borchardt habe den wahren Wert der Büste verschleiert, demnach habe sie das Land illegal verlassen. Seine Meinung hat er über die Jahre hinweg mehrfach in der Presse verlauten lassen.

Zuletzt forderte Hawass im Januar 2011 die Rückgabe der Figur – zum ersten Mal in einem offiziellen Schreiben, wie er sagte. Insgesamt drei Briefe hatte er verschickt: Den ersten an den ägyptischen Außenminister, der ihn wiederum an den Botschafter weiterleiten sollte. Den zweiten an den deutschen Botschafter in Kairo, und der dritte Brief ging an Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Da jedoch kein Schreiben an die Bundesregierung gerichtet worden war, gilt Hawass Rückgabeforderung nach Angaben des Auswärtigen Amts nicht als offiziell. Die Forderung wurde daher zurückgewiesen.

Seine Selbstsicherheit fußt dabei auf durchaus bemerkenswerten Leistungen : Der heute 63-Jährige entdeckte zum Beispiel das Tal der goldenen Mumien. Er verfasst zahlreiche Artikel und Bücher, nennt massenhaft Auszeichnungen sein Eigen. Und er ist der Generalsekretär der ägyptischen Antikenverwaltung . Mehr als 30.000 Leute stehen unter seiner Aufsicht.

Damit hat er die Macht über Ägyptens verborgene Schätze. "Die Leute nennen mich oft einen Diktator. Das ist absoluter Unsinn", sagt Hawass. Es sei ihm ein Rätsel, wie dieses Bild entstehen konnte. Tatsächlich gibt es ein internationales Beratungskomitee. "Ich treffe keine Entscheidung allein. Und nur weil mir jemand etwas tut, entziehe ich ihm nicht seine Arbeit." Gerechtigkeit sei seine oberste Prämisse.

Ich habe die Archäologie in die Herzen der Leute gebracht. Das hat vor mir noch niemand geschafft

Zahi Hawass

Doch letztlich benötigt jeder Antrag für eine Grabung seine Unterschrift. Er ist rigoros und urteilt schnell – auch über Großprojekte. "Die meisten Entscheidungen treffe ich innerhalb von fünf Minuten." Dass er manch einem dabei vor den Kopf stößt, gehört halt dazu. "Man kann nicht erfolgreich sein, ohne Feinde zu haben. Und man darf sich ihnen nicht beugen."

Die wichtigste Lektion im Leben habe ihm sein Vater gelehrt: "Als ich zwölf war, sagte er zu mir: Sei ehrlich, füge niemandem Schaden zu und mache deine Arbeit korrekt, dann wirst du aufsteigen." So ist es kaum verwunderlich, dass The Fountainhead ( Der ewige Quell ) von der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand zu Hawass’ Lieblingsbüchern gehört. Rand erzählt darin die Geschichte von Howard Roark, einem jungen Architekten und Individualisten, der keine Kompromisse eingeht. Er ist sich der Richtigkeit seiner Ideen sicher, und akzeptiert keinerlei Kritik an seinen Entwürfen. "Wenn ich einen Fehler mache, korrigiere ich ihn nicht", sagt Hawass. Er hat den Rat seines Vaters befolgt und sich aus eigener Kraft an die Spitze gearbeitet. "Ich habe die Archäologie in die Herzen der Leute gebracht. Das hat vor mir noch niemand geschafft."

Leserkommentare
    • CM
    • 27. Januar 2011 16:05 Uhr

    Wenn ein Sender wie BBC einen Wissenschaftler einlädt, Fachwissen in einer Sendung zu verkünden, medienwirksam auf Ruinen herumzuklettern und viel Zeit zu investieren, dann macht der Wissenschaftler das nicht umsonst, sondern für etwas Geld, das im armen Ägypten viel wert ist. Das sollte man nicht unerwähnt lassen. Ich kann es ihm nicht verdenken, allenfalls, daß so außer ihm nie jemand vor der Kamera steht.

  1. Aber gleichwohl ist es deutsches Eigentum. Da kann der Zahi Hawass, und seine deutschen Untertsützer, so viel krakeelen, wie er mag.

    • Vatanci
    • 27. Januar 2011 16:47 Uhr

    diebesgut.

    Genauso sollten die Türken den Trojaschatz zurückfordern und diverse andere gestohlene und durch Betrug erworbene Kunstgegenstände aus der heutigen Türkei.

    Es ist historisch klar, dass Schliemann durch, Betrug und Korruption diese Schätze ausser Landes geschafft hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dafür müssten die Türken schon bei Herrn Putin anfragen.

  2. Dafür müssten die Türken schon bei Herrn Putin anfragen.

  3. Ernst nehmen kann man ihn, zumindest als Archäologen und Wissenschaftler, wohl kaum. Der Herr mit dem "Indiana-Jones-Hut" (immerhin ohne Lederjacke und Peitsche) ist immer zugegen, wenn eine Kamera irgendetwas aus dem Alten Ägypten zeigt. Omnipräsent; in jeder Reportage über jede beliebige Grabungsstätte ist er da und erklärt - während die ausländischen Forschungsteams, die bereits Dekaden an eben jener Ausgrabungstelle arbeiten, in den Hintergrund treten. Müssen. Denn ohne Herrn Hawass ist der Chef, ohne ihn gibt's keine Grabungskonzessionen.
    Im Fall der Büste der Nofretete wird gerne übersehen, das diese zu "DER NOFRETETE" erst in Deutschland wurde; die besondere Rolle dieser Büste war damals, als sie ausgegraben wurde, noch gar nicht abzuschätzen, geschweige denn zu erwarten. Die damaligen Verträge der Fundteilung sind absolut wasserdicht - das ist ein ganz anderer Fall als die "Elgin Marbles" in Großbritannien. Damals, als die Verträge geschlossen wurden, als die Funde, wie vertraglich geregelt, aufgeteilt wurden, hat sich niemand beschwert, denn für die Büste der Nofretete bekamen die Ägypter ein anderes, gleichwertiges Fundobjekt (man bedenke: damaliger Wert ist nicht heutiger Wert).Evtl. sollte Herr Hawass mal in den Kellern des Kairoer Museums "graben", denn in den dortigen Gängen ist so manches aus den Tagen des Alten Ägypten neuzeitlich erneut "begraben" und verschwunden.
    Die Worte "mediengeil" und "publicityfixiert" kommen mir bei Zahi Haswass in den Sinn.

    Eine Leserempfehlung
  4. ... was er wohl jetzt macht? Doch hoffentlich nicht sein eigenes Museum ausrauben? Das hört sich ja nicht gut an, was da gerade passiert. Ich glaube die Nofretete ist bei uns zur Zeit besser aufgehoben. Unser "Indiana Jones" kämpft hoffentlich gegen den Kleptokraten Mubarak. Ich hoffe ihn immer mal mit Revolver vorm Ägyptischen Museum zu sehen.

    Bitte verzichten Sie auf Polemik und beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/ag

  5. "... Die damaligen Verträge der Fundteilung sind absolut wasserdicht - das ist ein ganz anderer Fall als die "Elgin Marbles" in Großbritannien. Damals, als die Verträge geschlossen wurden, als die Funde, wie vertraglich geregelt, aufgeteilt wurden, hat sich niemand beschwert, denn für die Büste der Nofretete bekamen die Ägypter ein anderes, gleichwertiges Fundobjekt. ..."

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Zwischen wem wurden denn die Verträge geschlossen?

  6. 8. Spitze

    "Der heute 63-Jährige entdeckte zum Beispiel das Tal der goldenen Mumien" - in seinem Fach ist er einsame Spitze!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was nicht bedeutet, dass seine früheren Leistungen ignoriert werden, doch wie es "Der Fragende" in Kommentar Nr.5 richtig ausgedrückt hat, wo immer eine Kamera ist, da müssen die wahren Entdecker zurücktreten, und er tut so als hätte er die Entdeckung gemacht.
    Es gibt einige Szenen in der "Doku" "Chasing Mummies", die für den History Channel produziert wurde, in denen er einfach in ein Grab geht, etwas Sand zur Seite fegt und Artefakte birgt, und es ist offensichtlich dass dieser Sand direkt davor einfach über die Artefakte gestreut wurde. Ich habe die Sendung zusammen mit einigen befreundeten Ägyptologen gesehen und wir waren alle geschockt, wie dreist dieser Mensch auftritt, die billig einige Inszenierungen sind (v.a. die Szene, in der eine seiner Mitarbeiterinnen in einer Pyramide "gefangen" ist, nach einem Einsturz, und dann gerettet wird, wirkt wie in einer schlechten Soap. Der Kameramann, der eigentlich hinter ihr ist, kommt nach kurzer Zeit vor ihr raus und dazwischen fällt einfach für ein paar Sekunden das Licht der kamera aus, um die Spannung zu erhöhen).
    Egal wie man zur Nofretete steht, diesen Menschen kann ich trotz seiner zugegebenermaßen betrachtlichen Leistung für die Agyptologie als Archäologe nicht mehr ernst nehmen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Zahi Hawass | BBC | Bundesregierung | CNN | Archäologie | Medien
Service