Der Psychohistoriker Aby WarburgIn Bildern versteckte Symbole waren seine Leidenschaft

Aby Warburg gilt als Vater der modernen Ikonologie. Günter Grass fordert die Rückkehr der 1933 nach London verlegten Warburg-Bibliothek nach Hamburg. von Bernhard Schulz

Edouard Manet Frühstück im Freien Gemälde

In dem Gemälde "Frühstück im Grünen" (Le Déjeuner sur l'herbe) von Edouard Manet erkannte Aby Warburg antike Symbole in modernem Gewand  |  © Charles Platiau/Reuters

In dem berühmten Text von Aby Warburg zum "Schlangenritual" über des Verfassers "Indianische Reise" nach Neu-Mexiko findet sich ein erstaunlicher Satz: "Ein paar tausend jüdische Offiziere mehr und wir hätten vielleicht die Schlacht an der Marne gewonnen." In diesem Satz aus dem Frühjahr 1923 bündelt sich die ganze Tragik seines Autors. Aby Warburg (1866-1929), Sohn einer wohlhabenden Hamburger Bankiersfamilie, war Jude und deutscher Patriot zugleich. Er selbst bezeichnete sich als "Hamburger im Herzen, Jude von Geburt, Florentiner im Geiste". Die Niederlage im Krieg hat er, wie so viele seiner Zeitgenossen, nicht verkraftet. Eine psychische Erkrankung zwang ihn nach Kriegsende für fünfeinhalb Jahre in Sanatorien, aus denen er erst 1924 "zur Normalität beurlaubt wurde", wie er selbstironisch anmerkte.

"Normal" aber war Warburg nun gerade nicht. Als Kunsthistoriker bewegte er sich auf neuem Gelände, irrlichternd zwischen den etablierten Disziplinen bis hin zu Psychologie und Biologie. Er wurde zum Begründer eines neuen Wissenschaftszweiges, der Ikonologie als Deutung der symbolischen Formen von Bildern gleich welcher Art. Er hat den Begriff erstmals 1912 benutzt, doch sprach er am Ende seines Lebens von sich als "Psychohistoriker", der eine umfassende Kulturgeschichte zu begründen suchte.

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Der Name Aby Warburg ist in den Kulturwissenschaften längst inflationär gebräuchlich. Seine Schriften hingegen sind noch immer wenig bekannt. Zu Lebzeiten gab es von ihm nur drei schmale Bücher. Den Großteil seines Oeuvres hingegen bilden Vorträge, Notizblätter, vielfach korrigierte Versionen. Allein schon deshalb bedeutet es einen Meilenstein, dass nun mit der von Martin Treml, Sigrid Weigel und Perdita Ladwig am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung erarbeiteten Ausgabe der Werke in einem Band ein Korpus von 25 textkritisch edierten Schriften zur Verfügung steht. Der Band ist geeignet, solide Kenntnisse an die Stelle der bislang meist raunenden Erwähnung des Namens Warburg zu setzen und seine Forschungsanliegen unverstellt in den Blick zu rücken. "Wir wollten Warburgs Texte ohne die Bearbeitungen durch fremde Hand lesbar machen", sagt Sigrid Weigel.

Mit dem iconic turn, der Hinwendung zu einer allgemeinen Bildwissenschaft anstelle der herkömmlichen Kunstgeschichte, hat sich das Interesse in neuer Weise auf Aby Warburg fokussiert. Sein Vorhaben gebliebener Bilderatlas, dem er den Namen Mnemosyne nach der Göttin der Erinnerung gegeben hatte, versammelt genau das, was die Bildwissenschaft interessiert: visuelle Beispiele verschiedener Zeiten und Gattungen, die motivische Ähnlichkeiten aufweisen. Warburg sammelte Bilddokumente bis hin zu Briefmarken und Zeitungsausschnitten. Die im Bildteil des Sammelbandes gezeigten originalen 179 Illustrationen seien ein Novum, sagt Weigel. In früheren Publikationen waren sie kaum erkennbar, weil es sich um Reproduktionen von Reproduktionen der Mnemosyne-Tafeln handelte.

Es ging ihm jedoch vom Anfang seiner Arbeit an um das "Nachleben der Antike". Warburgs Dissertation von 1891 über die Hauptwerke Sandro Botticellis, Frühling und Geburt der Venus, sollte ihrem Untertitel gemäß gelesen werden: "Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance". Mithin als Studie über einen der Anfangsmomente der Renaissance, die Wiederaufnahme der römischen Literatur und ihre Verwandlung in Malerei. Schon damals interessierte es Warburg, versteckte Bildmotive aufzudecken, die sich aus antiken Vorbildern über die Zeiten hinweg bis in Botticellis Formenvorrat hinein erhalten hatten.

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