Forscher in Ägypten "Man muss weiterarbeiten und Präsenz zeigen"

Die Lebensaufgabe von Forschern ist der Schutz von Kulturgütern. Nun müssen sie fliehen. Wie ungern sie das tun, berichtet Ägyptologin Veronica Hinterhuber im Interview.

Eine Ausgrabungsstätte in Luxor, an der erst vor kurzem 650 Sphinxen gefunden wurden

Eine Ausgrabungsstätte in Luxor, an der erst vor kurzem 650 Sphinxen gefunden wurden

ZEIT ONLINE: Frau Hinterhuber, Sie sind endlich wieder in Deutschland, nachdem sie zwei Tage am Flughafen in Kairo festsaßen. Was ist das für ein Gefühl?

Veronica Hinterhuber: Erst jetzt fühle ich mich wieder sicher – und total erschöpft. Noch am Flughafen war die Stimmung sehr angespannt. Es waren viele verzweifelte Leute dort: Kranke, Alte, Familien mit Kleinkindern. Keiner wusste wie und wann man rauskommt. Es gab Versorgungsschwierigkeiten, Streit und sogar Handgreiflichkeiten.

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Veronica Hinterhuber
Veronica Hinterhuber

Hinterhuber hat Ägyptologie und Sudanarchäologie an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Die 29-Jährige ist seit 2006 Mitarbeiterin des Deutschen Archäologischen Instituts und hat die vergangenen drei Jahre in Luxor gegraben. Als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes reiste sie für ihre Dissertation erneut nach Ägypten, musste den Aufenthalt aufgrund der Unruhen jedoch abbrechen.

ZEIT ONLINE: Dennoch fiel Ihnen der Abschied schwer?


Hinterhuber: Natürlich. Als Ägyptologin schätze ich das Land und seine Kultur sehr. Mein Herz hängt an ihrer Bewahrung. Auch meine ägyptischen Kollegen liegen mir sehr am Herzen und ich habe sie nur ungern in solch einer Situation allein gelassen.

ZEIT ONLINE: Wann wussten Sie, dass Sie nicht mehr sicher sind?


Hinterhuber: Als ich auf dem Weg zur Arbeit in Kairo brennende Häuser gesehen habe, das Polizeiaufkommen und die Panzer. Vielen Ägyptern stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Eigentlich hatte ich vor, im Ägyptischen Museum noch Objekte für meine Forschung zu besichtigen.

ZEIT ONLINE: Ansonsten waren Sie nicht direkt im Krisengebiet, sondern in Luxor, in Oberägypten...


Politische Situation

Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak ist seit fast dreißig Jahren an der Macht. Er trat sein Amt am 13. Oktober 1981 an. Seit der Parlamentswahl im vergangenen Herbst hat Mubaraks Regierungspartei NDP (Nationaldemokratische Partei) zwei Drittel aller Sitze im Parlament. Damit können die Abgeordneten auch die Verfassung ändern. Die Opposition ist praktisch ausgeschaltet.

Erfahrungen mit Demokratie hat das ägyptische Volk kaum. Nach dem Sturz von König Faruk im Jahr 1952  wurde das Land zwischen 1954 und 1970 von Revolutionsführer Gamal Abdel Nasser regiert. Er machte aus Ägypten einen sozialistischen Staat, der mehrfach in Konflikt mit dem Nachbarn Israel geriet. Nach Nassers Tod regierte Anwar al-Sadat das Land, er setzte sich für Frieden mit Israel ein. 1981 wurde Sadat von Islamisten ermordet.

Notstandsgesetze

Sadats Nachfolger wurde der damalige Vizepräsident Mubarak. Dieser erließ 1982 Notstandsgesetze, die bis heute bestehen und so dem Präsidenten zum autoritären Herrscher machen. Grund für die Notstandsgesetze war der erfolgreiche Anschlag fundamentalistischer Angehöriger der ägyptischen Streitkräfte auf seinen Vorgänger.

2005 versprach Mubarak erstmals eine politische Öffnung des Landes und die Zulassung von unabhängigen Kandidaten zu den Präsidentschaftswahlen. Als die islamistische Muslimbruderschaft bei den Wahlen an Einfluss gewann, wurde der Liberalisierungskurs wieder gekappt.

Ägypten heute

Heute leben 80 Millionen Menschen in dem nordafrikanischen Staat. Über 90 Prozent von ihnen sind nach Angaben des Auswärtigen Amts Muslime, rund sechs Prozent sind Christen.

Ein Anschlag auf koptische Christen in Alexandria mit mehr als 20 Toten schürte Angst vor aufkeimendem Radikalislamismus. Bei den jetzigen Demonstrationen seien aber keine entsprechenden Tendenzen zu bemerken, berichten Beobachter.

Hinterhuber: Drei Monate war ich dort, um für meine Dissertation zu forschen. Das heutige Luxor ist das antike Theben, eine der wichtigsten Städte des alten Ägyptens. Die architektonischen Hinterlassenschaften zu besuchen war großartig. Auch wenn ich dieses Mal nicht an einer Grabung beteiligt war.

ZEIT ONLINE: Aber sie haben eine besucht...


Hinterhuber: Ich hatte die Erlaubnis vom ägyptischen Antikendienst, mir die Grabung von Richard Fazzini, einem Mitarbeiter des Brooklyn Museums in New York, im Bezirk der Göttin Mut anzusehen. Das war noch vor Ausbruch der Revolution.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie nun noch mal Kontakt mit ihm?

Hinterhuber: Es ist sehr schwierig, die Leute zu erreichen. Die Internetverbindung funktioniert noch immer nicht und die Telefonverbindungen sind schlecht.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe schon den Atem angehalten, als ich sah, dass in der Nähe zum Nationalmuseum Molotow-Cocktails flogen (wegen der Menschen und wegen des Museums). Welche Barabarei wäre es, wenn dieses Museum abbrennen würde.... unfassbar.

    Welcher Tempel wurde denn in Theben West bedroht ?

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  2. Ich gebe Frau Hinterhuber Recht. Gerade jetzt ist es wichtig das Land und die Bevölkerung durch dieses Weiterarbeiten zu unterstützen. Selbstverständlich an Standorten, wo es die Sicherheitslage zulässt.

    Der Großteil der Bevölkerung harrt zu Hause aus und wartet die weitere Entwicklung ab, ohne zu wissen, wann und wie es überhaupt weiter gehen wird. Der Mittelschicht brechen die Einkünfte weg, weil diese häufig mit dem Tourismus in Zusammenhang stehen.

    Die großen Reiseveranstalter haben für die nächsten Monate alle Reisen abgesagt, unabhängig davon, dass es in Badeorten wie Sharm el Sheikh und Hurghada keine Einschränkungen gibt. Viele Hotels mussten bereits schließen. Es wäre eine große Geste gewesen, das Land und somit die Bevölkerung in dieser wichtigen Phase durch den Entzug wichtiger Einkommensquellen nicht im Stich zu lassen. Wer in der nächsten Zeit einen Pauschalurlaub ans Rote Meer buchen möchte wird keine Möglichkeit mehr finden.

    Hut ab vor den Ägyptologen und Archäologen, die sich zum weiterarbeiten entschlossen haben und den Wert des Landes nicht nach dem größmöglichen Profit bemessen.

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