Ägypten Notlager in Kairo

Deutsche Wissenschaftler sitzen in Ägypten fest. Vor dem DAAD-Büro wird geschossen, Archäologen können das Land nicht verlassen.

Der Samstag war der schlimmste Tag für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Kairo. 50 Stipendiaten und Lektoren hatten sich bereits in die Außenstelle des DAAD geflüchtet: In ein großes Haus, einen Kilometer Luftlinie vom Tahrir-Platz, dem Zentrum der Demonstrationen, entfernt. Dann wurde auf einmal direkt vor der Außenstelle geschossen. "Alle flüchteten in den Keller, eine sehr bedrohliche Situation, anarchische Zustände." Atemlos erzählt das Christian Hülshörster, Gruppenleiter Nordafrika beim DAAD.

Dienstagnacht erst ist Hülshörster mit einer Sondermaschine der Lufthansa nach Deutschland zurückgekehrt. Fünf Tage hat er zuvor in Kairo verbracht. Eigentlich wollte er dort nur umsteigen – nach einem Aufenthalt im Jemen, wo Hülshörster sich ebenfalls um die Sicherheit der DAAD-Mitarbeiter kümmern musste. Doch dann war sein Krisenmanagement in Kairo gefragt. Ägypten ist für den DAAD genauso wie für viele deutsche Unis und Institute ein wichtiges Partnerland. An Wissenschaft ist in Ägypten derzeit allerdings nicht zu denken.

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So riefen die DAAD-Mitarbeiter alle Stipendiaten zusammen, die meisten davon deutsche Studierende, die gerade Arabisch in Kairo lernen. Auch den Lektoren und ihren Familien riet Hülshörster, sich in der Außenstelle zu sammeln. "Viele hatten Angst, nachdem in ihren Vierteln geschossen wurde", sagt Hülshörster. Es war gleichwohl ein schwieriges Unterfangen, alle zu erreichen, nachdem die Regierung das Internet und die Handynetze abschaltete. "Denn das Festnetz funktioniert nur unzuverlässig", erzählt Hülshörster. Rund 50 Studierende und Wissenschaftler finden schließlich beim DAAD Unterschlupf. Sie schlafen auf eilends organisierten Matratzen und Decken, die Mitarbeiter kaufen Lebensmittel für mehrere Tage, "ein richtiges Notlager", wie Hülshörster sagt. Hautnah bekommen sie die Proteste mit. Demonstranten ziehen vorbei, Bürgerwehren patrouillieren vor der Außenstelle, bewaffnet mit Besenstielen und Küchenmessern. Die ganze Zeit versucht der DAAD die Ausreise seiner Leute zu organisieren. Zwei Drittel der Stipendiaten und Mitarbeiter konnten inzwischen nach Deutschland zurückkehren, sagt Hülshörster.

Ähnlich wie dem DAAD ergeht es den anderen deutschen Wissenschaftseinrichtungen. Die "German University in Cairo" (GUC), mit 8000 Studierenden die größte deutsche Auslandsuni, ist geschlossen. "Die Mitarbeiter kommen gar nicht zum Campus durch", heißt es im GUC- Deutschlandbüro in Ulm. Die Uni liegt in einer reichen Vorstadt Kairos, 25 Kilometer vom Zentrum entfernt. Aus Kairo hätte man tagelang nur wenig gehört, heißt es im Deutschlandbüro. Immerhin funktioniere seit Mittwochmittag die Webseite wieder.

Auch die Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Ägypten ruhen. Doch einige Archäologen sitzen an den Grabungsorten fest. In Luxor, wo es in der Stadt vereinzelt zu Plünderungen kam und eine Ausgangssperre verhängt wurde, wartet der stellvertretende Direktor der DAI-Abteilung Kairo darauf, dass sich die Lage beruhigt. Daniel Polz wolle zurück in die Zentrale, weil es aber keine nationalen Flüge und Zugverbindungen mehr gibt und die Straßen zu unsicher sind, harre er in Luxor aus, sagt DAI-Sprecherin Nicole Kehrer.

Leser-Kommentare
    • K.hP
    • 03.02.2011 um 11:29 Uhr
    1. oh...

    ...- die deutschen wissenschaftler in kairo. stimmt. von deren lage hat bis jetzt noch niemand berichtet.

    • Ironia
    • 03.02.2011 um 11:31 Uhr

    Deutsche Studenten, Dozenten und Zivilisten sitzen in Ägypten fest. Inwiefern dies Paßdeutsche sind, läßt sich noch nicht verifizieren. Gewaltexzesse sind an der Tagesordnung. Die angeblich friedlich Revolution nimmt nun den erwarteten Lauf.

    Viele euphorische Kommentatoren und Journalisten wollten die unterschiedlichen Mentalitäten nicht zur Kenntnis nehmen. Der Flashmob schlachtet sich nun ungehemmt selbst ab. Für jeden in den Medien frei zugänglich: Ägyptische Lynchjustiz. Unbewiesen die These, daß hier nur Regimegegner und Befürworter aufeinander prallen.

    Die revoltierende Mob scheint selbst in viele Lager gespalten zu sein, welche sich selbst uneins sind. Eine Führungsfigur ist nicht in Sicht. Das Motto unserer Bundespräsidentenwahl scheint hier zu greifen: Wer als erstes ins Gespräch kommt, erhält den Posten sicher nicht.

    Von einer friedlichen zivilisierten Demokratisierung kann nicht mehr die Rede sein. Die Träume einer freien und gerechten Welt scheinen an den Grenzen der Realität zu scheitern. Zu hoffen bleibt nur, daß das Militär hart durchgreift und den Mob, egal welcher Fraktion, auflöst. Augenscheinlich kann die Stabilität nicht anders gewährt werden.

    2 Leser-Empfehlungen
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    • GDH
    • 03.02.2011 um 13:00 Uhr

    Ihre offenkundige Frustration über die (in vieler Hinsicht) rechtlosen Zustände teile ich voll und ganz.

    Wie aber ist Ihre Hoffnung gemeint, das Militär möge "den Mob" auflösen? Neue Ausgangssperren? Vielleicht wieder Kommunikationswege sperren, damit man sich nicht mehr so einfach zu Demonstrationen (oder irgendwelchen Ausschreitungen) verabreden kann?

    Damit dies Aussicht auf Erfolg hat (in dem Sinne, dass die Menschen ohne extreme Repression darauf verzichten, den Konflikt weiter auf der Straße auszutragen), muss zunächst ein klare Bekenntnis zu kurzfristigen Neuwahlen (einer Übergangsregierung, einer verfassunggebenden Versammlung, wie auch immer) her. Höchstens mit einem Bekenntnis von der Art "In drei Wochen ist Wahl, die Meinungsfreiheit wird gewährleistet, jeder darf antreten und Wahlwerbung verbreiten, Massenversammlungen unter freiem Himmel sind bis dahin aber verboten." könnte ein hartes Durchgreifen auf Akzeptanz stoßen.

    Wenn jetzt das Militär als quasi letzte Instanz auch noch jede Glaubwürdigkeit verspielt (z.B. indem für "Ordnung" gesorgt wird ohne eine Perspektive auf Wandel zu bieten) könnte Anarchie (oder Diktatur) in Ägypten noch sehr viel länger anhalten...

    Friedlich wars ja,schon vergessen?
    Friedlich wars bis knüppelnde Mubarakgetreue den Platz überfielen um die Mubarakkritiker mit Gewalt vom Platz zu treiben.Wie soll Stabilität aufkommen wenn der Herrscher seine Marodeure aussendet um Andersdenkende mundtot zu machen.
    Ihr Zynismus zu der Situation der Menschen in Ägypten spricht schon eine eigene Sprache.

    • GDH
    • 03.02.2011 um 13:00 Uhr

    Ihre offenkundige Frustration über die (in vieler Hinsicht) rechtlosen Zustände teile ich voll und ganz.

    Wie aber ist Ihre Hoffnung gemeint, das Militär möge "den Mob" auflösen? Neue Ausgangssperren? Vielleicht wieder Kommunikationswege sperren, damit man sich nicht mehr so einfach zu Demonstrationen (oder irgendwelchen Ausschreitungen) verabreden kann?

    Damit dies Aussicht auf Erfolg hat (in dem Sinne, dass die Menschen ohne extreme Repression darauf verzichten, den Konflikt weiter auf der Straße auszutragen), muss zunächst ein klare Bekenntnis zu kurzfristigen Neuwahlen (einer Übergangsregierung, einer verfassunggebenden Versammlung, wie auch immer) her. Höchstens mit einem Bekenntnis von der Art "In drei Wochen ist Wahl, die Meinungsfreiheit wird gewährleistet, jeder darf antreten und Wahlwerbung verbreiten, Massenversammlungen unter freiem Himmel sind bis dahin aber verboten." könnte ein hartes Durchgreifen auf Akzeptanz stoßen.

    Wenn jetzt das Militär als quasi letzte Instanz auch noch jede Glaubwürdigkeit verspielt (z.B. indem für "Ordnung" gesorgt wird ohne eine Perspektive auf Wandel zu bieten) könnte Anarchie (oder Diktatur) in Ägypten noch sehr viel länger anhalten...

    Friedlich wars ja,schon vergessen?
    Friedlich wars bis knüppelnde Mubarakgetreue den Platz überfielen um die Mubarakkritiker mit Gewalt vom Platz zu treiben.Wie soll Stabilität aufkommen wenn der Herrscher seine Marodeure aussendet um Andersdenkende mundtot zu machen.
    Ihr Zynismus zu der Situation der Menschen in Ägypten spricht schon eine eigene Sprache.

  1. nachvollziehen. Gestern und vorgestern gab es Fluege der
    portugiesischen Luftwaffe mit C130,die fuer alle EU-Buerger
    offen waren. In jedem Flug kamen nur etwa 40 Pax.
    Von Luxor kommt man leicht auf dem Landweg nach Hurghada,
    die Transporte werden vom Militaer kontrolliert. Von Hurghada gibt es jede Menge Fluege - kein Problem.

    • voge42
    • 03.02.2011 um 12:54 Uhr

    Die Deutsche Universität in Kairo hat (noch?) keinen Expatriate-Status und uns ist es nur über Tuchfühlung und das Engagement Einzelner gelungen das Land zu verlassen. Das Problem sich zum Flughafen durchzuschlagen stellte sich vor allem durch die Ausgangsperren und den Transit zum Flughafen. Von den dort arbeitenden Mitarbeitern der Botschaft habe ich den allerhöchsten Respekt, wenngleich sie einen auch deutlich den Unterschied zwischem blauem, roten und bordeauxfarbenem Reisepass spüren lassen.

    Ich hoffe sehr, dass die Vorteile eines eskortierten Konvois aus dem Stadtzentrum heraus und den umliegenden Bereichen auch Urlaubsdeutschen gewährt wird. Plünderungen sind ausserhalb des militärisch kontrollierten Bereich immer noch an der Tagesordnung und bei Überlandfahrten besteht die höchste Gedahr von Gewaltbereiten überfallen zu werden. Warum also die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes und die Gefahrenstufe nicht erhöht wird kann ich leider nicht ganz nachvollziehen Frau Merkel und Herr Westerwele...

    • GDH
    • 03.02.2011 um 13:00 Uhr

    Ihre offenkundige Frustration über die (in vieler Hinsicht) rechtlosen Zustände teile ich voll und ganz.

    Wie aber ist Ihre Hoffnung gemeint, das Militär möge "den Mob" auflösen? Neue Ausgangssperren? Vielleicht wieder Kommunikationswege sperren, damit man sich nicht mehr so einfach zu Demonstrationen (oder irgendwelchen Ausschreitungen) verabreden kann?

    Damit dies Aussicht auf Erfolg hat (in dem Sinne, dass die Menschen ohne extreme Repression darauf verzichten, den Konflikt weiter auf der Straße auszutragen), muss zunächst ein klare Bekenntnis zu kurzfristigen Neuwahlen (einer Übergangsregierung, einer verfassunggebenden Versammlung, wie auch immer) her. Höchstens mit einem Bekenntnis von der Art "In drei Wochen ist Wahl, die Meinungsfreiheit wird gewährleistet, jeder darf antreten und Wahlwerbung verbreiten, Massenversammlungen unter freiem Himmel sind bis dahin aber verboten." könnte ein hartes Durchgreifen auf Akzeptanz stoßen.

    Wenn jetzt das Militär als quasi letzte Instanz auch noch jede Glaubwürdigkeit verspielt (z.B. indem für "Ordnung" gesorgt wird ohne eine Perspektive auf Wandel zu bieten) könnte Anarchie (oder Diktatur) in Ägypten noch sehr viel länger anhalten...

    Antwort auf "Stabilität?"
  2. Gestern abend in der ARD-Sendung „Hart aber fair“:
    Günter Förschner, Lehrer an der deutschen Schule in Alexandria. Bis Dienstag war Förschner mit Ehefrau und Tochter im Land. Seine Schilderung der Lage:
    In Alexandria sind alle Polizeistationen ausgebrannt.
    Sicherheit für die Bevölkerung gibt es nicht, deshalb haben sich Bürgerwehren gebildet. Die Straße, in der Förschner mit seiner Familie wohnt, wird von einem Gynäkologen bewacht – bewaffnet mit einem Küchenmesser, unterstützt von zwei weiteren Helfern, einer hat einen Baseball-Schläger, der andere ein kleines Gewehr.
    „Die Bürgerwehren auf den Straßen können nicht verstehen, warum die deutsche Regierung keine Position bezieht“ sagte Förschner.
    Und noch etwas, etwas sehr Wichtiges:
    Die deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt hätten bisher für die Situation der Deutschen in Ägypten wenig Verständnis gezeigt – während die türkische und die griechische Regierung Flugzeuge schickten, um ihre Landsleute auszufliegen, blieben die Deutschen hilflos und schutzlos im Chaos sitzen.

    http://pnp.de/nachrichten...

  3. Unter folgenden Adressen könne sie direkt die Nachrichten die über Twitter laufen einsehen.

    Tag's sind Worte denen folgendes Zeichen forangestellt ist "#"
    Twittert ordnet Nachrichten anch diesen Tags:

    Englisch und arabisch
    #jan25
    http://twitter.com/#searc...

    Englisch
    #egypt
    http://twitter.com/#searc...

    Spanisch
    http://twitter.com/#searc...

    Deutsch
    #aegypten
    http://twitter.com/#searc...

    Deutschland schweigt ?

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    Ägypten hat noch nicht getwittert

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  4. 8. Werte

    Friedlich wars ja,schon vergessen?
    Friedlich wars bis knüppelnde Mubarakgetreue den Platz überfielen um die Mubarakkritiker mit Gewalt vom Platz zu treiben.Wie soll Stabilität aufkommen wenn der Herrscher seine Marodeure aussendet um Andersdenkende mundtot zu machen.
    Ihr Zynismus zu der Situation der Menschen in Ägypten spricht schon eine eigene Sprache.

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