Synthetische BiologieSpiel mit Genen und Genesis

Häuser aus Zellen. Bakterien, die Riffe bauen. Was für Künstler früher Holz und Metall waren, könnte morgen das Leben selbst sein – mithilfe der synthetischen Biologie. von 

Bild von einer Petrischale mit "E.coli"-Bakterien, die den Farbstoff Volacein produzieren

Bild von einer Petrischale mit "E.coli"-Bakterien, die den Farbstoff Volacein produzieren  |  © University of Cambridge IGEM Team 2009

Es ist ein spektakulärer Terrorakt. Im Jahr 2049 zünden Mitglieder der niederländischen "Orange Liberation Front" eine Antibiotika-Bombe. Der Anschlag soll genetisch veränderte Mikroorganismen zerstören, die den Farbstoff Orange herstellen. Die Aktivisten verleihen so ihrer Wut darüber Ausdruck, dass eine chinesische Firma das Gen für die Nationalfarbe der Niederlande patentiert hat.

Das Szenario ist nicht nur reine Fantasie. Es stammt von den Künstlern Daisy Ginsberg und James King , die sich intensiv mit der synthetischen Biologie beschäftigt haben. 2009 begleiteten sie das Team der Universität Cambridge zum IGEM-Wettbewerb , bei dem in Boston maßgeschneiderte Mikroorganismen um einen Preis konkurrieren. Die Studenten hatten Escherichia coli -Bakterien so verändert, dass sie Farbstoffe produzieren und ausscheiden, die mit bloßem Auge sichtbar sind. Ihr Ziel: billige Sensoren zu ermöglichen, die etwa Arsen im Trinkwasser erkennen. Ginsberg und King machten sich Gedanken darüber, wie diese Technik sich weiterentwickeln könnte.

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In Gesprächen mit den Forschern entwarfen die beiden Designer eine hypothetische Zeitleiste: 2010 gibt es einen ersten Sensor, der Arsen im Trinkwasser nachweist. 2039 ist ein probiotischer Drink mit den E. chromi genannten Bakterien erhältlich. Im Darm detektieren die veränderten Zellen Krankheitserreger und erlauben mit einem kräftigen Farbausschlag im Stuhl die Heim-Diagnose. 2049 kommt es zum Terrorakt in den Niederlanden und 2069 setzt Google Bakterien in der Atmosphäre frei, die Luftverschmutzung oder ein Übermaß an Kohlenstoffdioxid anzeigen, indem der Himmel sich rot färbt.

"E. chromi", ein Film von Alexandra Daisy Ginsberg

"Auch wenn das nicht real ist, sind es doch realistische Möglichkeiten", sagt King. "Das ist ein guter Weg, um auch mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen." King ist ein junger Künstler, dazu ruhig und zurückhaltend. Er arbeitet immer wieder mit Wissenschaftlern zusammen. Ursprünglich war auch die Zeitleiste für die Wissenschaftler gedacht, um ihnen zu helfen, über ihre eigene Arbeit nachzudenken. Inzwischen ist das Video der Aktion online zugänglich und für mehrere Design-Preise nominiert. "Wissenschaft ist ein sehr spannendes Feld für Künstler", sagt King. "Und die synthetische Biologie ist besonders spannend."

Synthetische Biologie
Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher Zellen zu Fabriken machen wollen

Klicken Sie auf das Bild, um zu lesen, wie Forscher Zellen zu Fabriken machen wollen  |  © Desirey Minkoh/AFP/Getty Images

Das liegt auch daran, dass Künstler zu allen Zeiten mit den modernsten Materialien arbeiten wollten. Was früher Holz, Metall, Kunststoff oder die Videokunst waren, das könnte morgen das Leben selbst sein. Schon jetzt erlaubt die synthetische Biologie es dem Künstler zumindest ansatzweise das zu sein, was er im übertragenen Sinne schon immer war: Schöpfer.

Eines der Urmotive vieler Schöpfungsmythen, das Samenkorn, das aufgeht und Leben hervorbringt, hat den Architekten David Benjamin zur synthetischen Biologie gebracht. Wenn auch in einer vom Biologen Drew Endy etwas veränderten Form. Der Vordenker der synthetischen Biologie erzählte im Interview seine Zukunftsvision: Ein Samen, der so programmiert ist, dass er nicht zu einer Pflanze erblüht, sondern zu einem Haus heranwächst. "Der Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen", sagt Benjamin.

Er begann sich mit den Möglichkeiten zu beschäftigen, die die synthetische Biologie der Architektur eröffnen könnte. Inzwischen unterhält sich Benjamin darüber auch mit seinen Studenten, denn er unterrichtet an der Columbia-Universität in New York Architektur .

Leserkommentare
  1. ...und mir wird schon schlecht...

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