"Ich denke, es wird in der Zukunft Architekten geben, die im Labor mit Zellen arbeiten"
© Christian Kerrigan

Eine Vision von Venedig: Mikroorganismen bauen ein Riff auf, dass die Holzpfähle stützt
An einem Wintermorgen steht Benjamin, groß, schlank, im grauen Anzug vor elf Studenten in einem Stuhlkreis. Louis Koehl stellt gerade sein Projekt vor: "Bäume nehmen viel mehr Wasser auf, als sie brauchen", sagt der junge Mann. "Das wird dann als Baumsaft oder Wasserdampf abgegeben." Koehls Idee: Bäume so zu verändern, dass sie das überschüssige Wasser über eine Art Wasserhahn durstigen Menschen zur Verfügung stellen, eine lebendige Quelle.
"DNS, Gebäude und Innovation im Jahrhundert der Biologie" heißt Benjamins Kurs und er zeigt, dass aus dem Samen von Endys Idee noch ganze andere Dinge wachsen können als ein Haus. In jedem Fall werde die synthetische Biologie einen Einfluss auf die Architektur haben, glaubt Benjamin. "Ich denke, es sollte und es wird in der Zukunft einige Architekten geben, die auch im Labor mit Zellen arbeiten", sagt er.
Rachel Armstrong von der Bartlett School of Architecture in London, ursprünglich Medizinerin, aber inzwischen Vertreterin einer neuen, "lebendigen" Architektur, hat noch größere Ziele. Sie glaubt, Mikroorganismen, die CO 2 fixieren, indem sie Kalkstein absondern, könnten unter den Häusern von Venedig natürliche Riffe bilden und so die bedrohten Holzpfähle, auf die sich die Stadt stützt, versteinern. "Das wird nicht morgen passieren", sagt Armstrong. Aber die ersten Schritte macht sie bereits. Zurzeit arbeitet sie an einer Wandfarbe, die Kohlendioxid in Kalkstein verwandelt.
Architekten und Designer sind nicht die einzigen Künstler, die sich für die Fortschritte der modernen Biologie interessieren. In einem Projekt namens "Synthetic Aesthetics" hat der Soziologe Pablo Shyfter fünf Paare aus Wissenschaftlern und Künstlern gebildet. "Auf die Ausschreibung haben mehr als 200 Menschen geantwortet", sagt er. Wissenschaftler und Ingenieure, aber auch Musiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner seien darunter gewesen. Die Teams (unter den Künstlern sind auch Ginsberg und Benjamin) verbringen 14 Tage im Atelier des Künstlers und 14 Tage im Labor. "Es geht nicht darum, Produkte zu entwickeln", sagt Shyfter. Dafür sei es noch zu früh. Man solle darüber nachdenken, wie die synthetische Biologie, die sich auf der Skala von Mikroorganismen abspielt, auch die Welt des Menschen verändern könnte.
Immer mehr Künstler wagen sich selbst ins Labor. So nahm schon 2009 ein Team indischer Kunststudenten am IGEM-Wettbewerb teil. Ihr Projekt: Ein Bakterium, das den "Geruch des ersten Monsun" produziert . Im Labor lernten die Künstler das Handwerkszeug der Biologie. "Das ist nicht so schwierig, wie man denkt", sagt die Kunststudentin Shreya Kumar, die 2010 mit dem Team "ArtScienceBangalore" am Wettbewerb teilnahm. "Wenn ich das kann, dann kann das jeder."
- Datum 01.03.2011 - 13:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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...und mir wird schon schlecht...
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