Begabtenförderung Holpriger Start für Schavans Stipendienprogramm

Annette Schavan will in Deutschland eine Stipendienkultur etablieren. Doch die Unternehmen halten sich zurück. Zum Auftakt des Programms sind nur 1000 Stipendien sicher.

Zum Auftakt fiel das Geld vom Himmel. Im Audimax der Humboldt-Uni warfen Studierende selbst gestaltete 300-Euro- Scheine mit dem Bild von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) von der Empore. Dazu riefen sie: "Bafög für alle." Hundertfach flog die Kritik den Gästen der Auftaktveranstaltung zum "Deutschlandstipendium" am Dienstag in den Schoß: Von dem Begabtenstipendium profitierten vor allem Studierende aus bildungsnahen Elternhäusern, erklären die Aktivisten. Die Beteiligung der Wirtschaft werde dazu führen, dass vorrangig wirtschaftsnahe Fächer gefördert werden.

Wer kann das Stipendium bekommen?

Wer kann das Stipendium bekommen?

Im Prinzip jeder. Es ist unabhängig vom Einkommen der Eltern oder des Studenten, wird aber nur an Bewerber mit herausragenden Leistungen vergeben. Entscheidend sind dabei unter anderem die Noten in Studium oder Schule. Auch Fachpreise oder Auszeichnungen bei Wettbewerben wie "Jugend forscht" können berücksichtigt werden. Zudem spielen Kriterien wie Engagement in einem Verein, die Erziehung eigener Kinder oder die Pflege von Angehörigen bei der Auswahl eine Rolle.

Wieviel Geld gibt es?

Studierende werden mit 300 Euro monatlich gefördert. Die Hälfte des Geldes stellt der Bund zur Verfügung. Die andere Hälfte kommt von privaten Stiftern.


Wie funktioniert die Vergabe?

Wie und wo können sich Interessierte bewerben?

An ihren Hochschulen. Studienanfänger beantragen das Stipendium an der Universität, an der sie ihr Studium aufnehmen werden. Die einzelnen Hochschulen geben auch bekannt, wie viele Stipendien sie in welchen Studiengängen vergeben werden. Ein Drittel der Stipendien an jeder Hochschule sind aber nicht an bestimmte Fächer gebunden. Das Deutschlandstipendium soll ab dem im April beginnenden Sommersemester an den Hochschulen starten.

Wer entscheidet über die Vergabe?

Eine Auswahlkommission der einzelnen Hochschulen entscheidet darüber, wer von den Bewerbern die Förderung erhält.

Wie lange wird das Stipendium gezahlt?

Wer ausgewählt wurde, bekommt die Unterstützung für mindestens zwei Semester und höchstens bis zum Ende der Regelstudienzeit.

Sind weitere Förderungen neben dem Stipendium möglich?

Das Deutschlandstipendium wird zusätzlich zu Bafög-Leistungen gezahlt. Wer allerdings schon eine begabungs- und leistungsabhängige Förderung von mehr als 30 Euro pro Monat erhält, kann das neue Stipendium nicht bekommen. Das trifft zum Beispiel auf Stipendiaten der Begabtenförderungswerke zu.

Wie viele Studenten sollen gefördert werden?

Im ersten Jahr sollen bis zu 10.000 Studierende ein Stipendium erhalten. Mittelfristig ist geplant, dass bis zu acht Prozent aller Studierenden Unterstützung bekommen. Das wären etwa 160.000 junge Menschen. Die Zahl der Stipendiaten an den einzelnen Hochschulen wird sehr unterschiedlich sein.

Weitere Informationen: www.deutschlandstipendium.de

afp

"Ein attraktiver Hochschulstandort wie Deutschland kann nicht nur mit dem Bafög auskommen", hielt Schavan Kritikern entgegen. Es brauche eine Stipendienkultur. Schavan berief sich auf die soziale Komponente des Programms. Es gehe nicht nur um die besten Studienleistungen, sondern darum, "interessante, engagierte junge Leute zu fördern, die ihre Möglichkeit zur Gestaltung der Gesellschaft wahrnehmen". Die Hochschulen sollen bei der Auswahl neben guten Noten auch soziales Engagement oder "besondere familiäre Umstände" wie einen Migrationshintergrund berücksichtigen. Doch das ist eine Kann-Bestimmung.

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Für ihren Anteil von 150 Euro monatlich pro Stipendium, für den sie zudem eine kräftige Steuerentlastung bekommen, haben Unternehmen ein gewichtiges Wort bei der Platzierung. Sie können bestimmen, in welchen Fächern ihre Stipendiaten studieren sollen. Die Telekom etwa, die 360 Stipendien stiftet, investiert in Mathematik, Informatik und Technik.

Doch die Wirtschaft reagiert zurückhaltend. Das Ziel von 10.000 Stipendiaten bis zum Jahresende erscheint unrealistisch. Stipendien sagten am Dienstag zwar auch BASF (100) und Allianz (25) zu. Laut Stifterverband liegen derzeit aber erst rund 1000 feste Zusagen vor, und nur die Hälfte der Hochschulen hat sich bislang mit dem Thema befasst – was nicht heißt, dass sie auch Stipendien anbieten. "Schavans Stipendienprogramm krankt am Geiz der Unternehmen", erklärte die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke (Die Linke). Ernst Dieter Rossmann (SPD) kritisierte, dass die Hochschulen alle Risiken tragen müssten. Kai Gehring (Grüne) sagte, die geringe Stipendienzahl sei die "Quittung für ein handwerklich schlecht gemachtes Gesetz". Förderzeiten von zwei Semestern und der Verlust des Stipendiums beim Hochschulwechsel widersprächen dem Studienalltag.

In Berlin startet nur die HU – mit 15 Stipendien. Fünf kommen von der Bayer AG, je fünf von der Stiftung und der Universitätsgesellschaft der HU. FU und TU wollen sich erst zum Wintersemester beteiligen, ebenso die Beuth-Hochschule. Andere Fachhochschulen lassen noch offen, ob sie überhaupt mitmachen. Die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) hat dagegen mit 60 Zusagen bereits ihre Jahresquote von 0,45 Prozent Stipendiaten pro Uni überschritten.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. eine "Stipendiumskultur" nicht als Vorwand genommen werden würde, um die Befög-Förderung einzuschränken.

    • joG
    • 02.02.2011 um 12:29 Uhr

    ....und man ist endlich im 20sten Jahrhundert angekommen. Jedes gesunde Bildungssystem braucht eine starke Stipendienkultur. Wieso man nicht schaut, wo die besten Ergebnisse damit erreicht werden und dann versucht das Instrument entsprechend einzuführen, ist mir seit vielen Jahren unverständlich zumal das hiesige System der Bildung die mit am schlechtesten sozialen und qualitativen Resultate einfährt, die man mit Geld kaufen kann.

    • kinnas
    • 02.02.2011 um 13:06 Uhr

    So wie das BAFÖG and das Gehalt der Eltern gekoppelt ist, sollte man auch Stipendien an ebendieses koppeln.

    Es ist einfach sinnlos einem Studenten, der schon 500000Euro auf der hohen Kante hat, noch zusätzlich monatlich Geld in den Arsch zu schieben. Dabei spielt auch überhaupt garkeine Rolle, wie gut seine Leistung ist.

    Weil um Leistung zu zeigen, braucht man auch beim Studium ZEIT, und das haben vor allem solche Studenten nicht, die nebenbei Arbeiten müssen, um nur mal ein Beispiel zu nennen.

    Ich halte also von diesem Gesetz überhaupt garnix.

    Leider haben viele der Entscheidungsträger offenslichtlich schon einen gewissen Realitätsverlust erlitten, denn sonst würde man einfach mal mit mehr Sachverstand an die Dinge rangehen.

    Begabtenförderung ja, aber bitte diejenigen, die zusätzlich auch "bedürftig" sind, genauso wie BAFÖG auch nur diejenigen bekommen, die "bedürftig" sind.

    • zYcx
    • 02.02.2011 um 13:26 Uhr

    Es ist einfach nur eine Schande, sowas als Stipendienprogramm zu verkaufen. Die 1000 Stipendien reichen nicht mal für die besten aus allen Fachbereichen meiner Uni..
    Der bürokratische Aufwand, um das "Stipendienprogramm" umzusetzen, dürfte die Stipendienkosten um ein vielfaches übersteigen.
    Und für sowas soll man dann einer Politikerin noch dankbar sein..Lachhaft, Frau Schavan!

  2. In Sachen Begabtenförderung muss in Deutschland dringend mehr getan werden. Die Ideen der Zukunft kommen von den High Potentials

  3. Ohja die Stipendien sind sehr "Sinnvoll",besonders das sie auch noch unabhängig von der Finanziellen Lage der Studenten sind. Was soll es bringen ? Die Sieger des Bildungsystems, die die besten Abschlüsse bekommen mit Geld zu überschütten?

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