Die Studierenden sehen sich in den neuen Bachelor-Studiengängen einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt: So lautete unlängst das Fazit einer Studierendenstudie. Jetzt kommt ein neues Gutachten zu dem Schluss, dass auch die Dozenten unter einem verschärftem Druck leiden. Die Reformen an den Hochschulen seien ausschließlich durch die erhöhte Arbeits- und Einsatzbereitschaft des wissenschaftlichen Personals realisiert worden, heißt es da: "Dieses Personal weist jedoch inzwischen erhebliche Burnout-Symptomatiken auf."

Diese Bilanz zieht das Jahresgutachten des "Aktionsrat Bildung", das am Dienstag in München vorgestellt wurde. In dem von der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft unterstützten Aktionsrat haben sich mehrere Bildungsforscher, darunter der Präsident der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, zusammengefunden. Sie geben seit mehreren Jahren Empfehlungen zum deutschen Bildungssystem. Dieses habe in der letzten Dekade seine Reformfähigkeit "mit und ohne politische Unterstützung" unter Beweis gestellt, erklärte Lenzen. Jetzt brauche es einen "spürbaren finanziellen und strukturellen Anstoß der Politik". Handlungsbedarf sieht Lenzen auch bei der Lehrerbildung und im vorschulischen Bereich.

Das wissenschaftliche Personal muss mehr in Lehre und Forschung leisten, aber für zusätzliche Mitarbeiter gibt es kein Geld: Das ist die Hauptkritik des Aktionsrats für den Hochschulbereich. Die "deutlichen Reformschritte" in den vergangenen Jahren seien im wesentlichen "kostenneutral" durchgeführt worden. Das wissenschaftliche Personal würde nicht nur durch zusätzliche Lehranforderungen, sondern auch durch "kontinuierlichen Evaluationsdruck" und "Wettbewerbskämpfe um Forschungsmittel" belastet. Inzwischen hätten "die Anstrengungen ihre Grenze erreicht". Der Aktionsrat fordert eine "entschlossene Entbürokratisierung" an den Hochschulen, um die Motivation der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter zu erhalten. Zu den "Zukunftsfragen" des deutschen Unisystems gehöre es auch, die Bachelor-Studiengänge zu reakademisieren. Sollte sich herausstellen, dass Bachelorabsolventen keine adäquaten Jobs finden, warnen die Wissenschaftler vor "zunehmendem Widerstand" der Studierenden.

Deutliche Verbesserungen fordert der Aktionsrat in der Lehrerbildung. Das Lehramtsstudium bereite angehende Pädagogen kaum auf die künftigen Erfordernisse des Lehrerberufs vor. Praxisphasen müssten intensiviert und in hochschuldidaktische Konzepte eingebaut werden. Sollten die Studierenden nicht besser auf neue Formen des Unterrichtens – wie etwa in einer jahrgangsübergreifenden Schuleingangsphase – vorbereitet werden, drohe eine "mentale Verabschiedung von nennenswerten Teilen des pädagogischen Personals aus dem Reformgeschehen". Dies gelte für den Primar- wie den Sekundarbereich.

Der Schulbeginn sollte im Alter von vier bis sechs Jahren flexibler gestaltet werden, schlagen die Wissenschaftler vor. Großen Handlungsbedarf sehen sie im Kita-Bereich. In der Erzieherausbildung müssten fachliche Mindeststandards eingeführt werden, das Curriculum der "rasant und unkoordiniert" zunehmenden Studiengänge in der Frühpädagogik vereinheitlicht werden.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich das Bildungssystem aber auch entscheidend verbessert, heißt es. Anders als früher werde die "Leistungsorientierung" von Lernenden und Lehrenden nicht mehr zerstört. Das in den vergangenen Jahren entwickelte "Modernisierungsbewusstsein" habe eine "durchschlagende Wirkung" auf Lehrpläne und Unterrichtsmethoden. Bestehen bleibe die massive Unterfinanzierung, die sich durch das Kooperationsverbot von Bund und Ländern verschärft habe.

Erschienen im Tagesspiegel