PsychologieKindesanhörung ist nicht schlimmer als Prüfungsangst

Streiten Mama und Papa sich ums Sorgerecht, muss auch das Kind zum Gericht. Das ist traumatisierend, glauben viele. Eine Studie widerlegt die Befürchtungen. von 

Ein Junge wartet auf dem Flur eines Gerichts

Ein Junge wartet auf dem Flur eines Gerichts

Als Eberhard Carl vor fünf Jahren bei einer Konferenz in Lyon berichtete, dass in Deutschland Kinder seit 1980 bei Entführungsverfahren von Richtern angehört werden müssen, da kam er gar nicht bis ans Ende seines Vortrags: "Das ist Kindesmissbrauch!", riefen hohe französische Richter aus dem Publikum. "Sie waren wütend, sie pöbelten und beleidigten mich", sagt Carl. 25 Jahre war er als Familienrichter tätig, heute leitet er im Bundesjustizministerium das Referat Mediation, Schlichtung, Internationale Konflikte in Kindschaftssachen .

Im Auftrag seines Ministeriums hat die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universität Tübingen nun untersucht, ob solche Anhörungen vor Gericht wirklich so traumatisierend für die Kinder sind . Die Studie zeigt: Richterliche Anhörungen wegen Sorgerechts- oder Umgangsstreitigkeiten belasten die Kinder nicht wesentlich; die zu beobachtende Anspannung sei vergleichbar mit der Angst vor einer Prüfung oder vor dem nächsten Zahnarzt-Termin.

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Kindesanhörung in Deutschland

In Artikel 12 der 1990 in Kraft getretenen UN-Kinderrechtskonvention steht: Ein Kind soll seine Meinung frei äußern können und deswegen solle es "in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren" gehört werden.

In Deutschland müssen Richter ein Kind anhören, wenn seine Eltern vor Gericht über das Sorgerecht streiten oder andere familienrechtliche Verfahren anhängen. So schrieb es das Gesetz über die freiwillige Gerichtsbarkeit (FGG) in § 50b vor. Und so steht es auch im Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG), das das FGG am 01.09.2009 abgelöst hat. Das neue Gesetz hat einige Stellen präzisiert: Es wird nun deutlicher, dass die Anhörung Pflicht ist.

Mehr als 10.000 Kindesanhörungen finden in Deutschland pro Jahr statt.

Untersucht wurden dabei 49 Familien, geschulte Verfahrenspflegerinnen befragten die Kinder. Diese sollten zum Beispiel anhand einer Skala aus fünf Smileys mitteilen, wie sie sich gerade fühlten, von der Grinsebacke (eins) bis zum Gesicht mit herabhängenden Mundwinkeln (fünf).

Eine Woche vor der Anhörung betrug der Durchschnittswert 1,9, unmittelbar vor dem Gespräch 2,2, direkt nach dem Termin 1,8 und vier Wochen später 1,5. "Die Kinder sind vor der Anhörung etwas verängstigt, irritiert und erregt. Von Traumatisierung kann aber keine Rede sein", sagt Michael Karle, wissenschaftlicher Studienleiter und Oberarzt in der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie .

Nur einen Ausreißer habe es unter den 49 untersuchten Fällen gegeben: Einer 13-Jährigen ging es vier Wochen nach der Anhörung deutlich schlechter. "Doch das lag nicht an dem Gespräch im Gericht, sondern an der schwierigen Familiensituation", sagt Karle. "Es kann passieren, dass sich die Situation zu Hause wegen der Anhörung hochschaukelt und dies dann das Kind psychisch belastet."

Eigentlich aber würden die Kinder eher entlastet, sagt Karle, wenn sie merkten: "Ich muss mich nicht zwischen Mama und Papa entscheiden. Das macht der Richter. Und dann kann niemand auf mich böse sein." Der frühere Familienrichter Carl sagt, er habe das selbst erlebt: "Wenn ein Richter das Kind fragt: 'Wie geht es dir?', dann spürt das Kind, dass es respektiert und nicht wie ein Koffer hin- und hergeschleppt wird."

Leserkommentare
    • MeIkor
    • 07. März 2011 21:17 Uhr

    Ich selbst stand, gerade 5 Jahre alt, in einer solchen Anhörung. Allerdings wurde ich von dem Richter zu Hause besucht und musste nicht selbst vor Gericht antreten.
    Ich kann mich sehr genau daran erinnern, wie unendlich froh und erleichtert ich war, dass der zu entscheidende Richter meinen Wunsch ernst nahm.

    4 Leserempfehlungen
  1. Das kurzfristige Stressniveau mag vielleicht dem einer Prüfung entsprechen, aber die langfristigen Folgen sind nicht so leicht messbar. Als betroffenes Kind vor fast 40 Jahren empfinde ich diese Szenen vor Gericht bis heute als sehr schmerzlich.

    3 Leserempfehlungen
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    Die Studie kann methodisch als grober Unfug gewertet werden: Verfahrenspflegerinnen leben von 'Kindesanhörungen', sie als Interviewer einzusetzen, produziert 'Einstellungsstruktur-erwartungen' wie es die Interviewforschung nennt, man könnte auch sagen 'selffullfilling prophec:)
    Wie Winterhoff so treffend herausgearbeitet hat, sind solche Anhörungen eine weitere Variante des sog. 'partnerschaftlichen' Umgangs mit Kindern. Die reale Situation stellt sich zudem anders dar: Es werden Kinder angehört in hochstrittigen Fällen, wobei diese von jedem Elternteil vorher intensivst 'bearbeitet' werden, vor Gericht 'die Wahrheit' zu sagen. Diese Kinderaussagen haben zumindest bis zum ca 10 Lj. keinerlei Gültigkeit, sie geben nur wider welcher Elternteil das Kind vor der Anhörung besser manipulieren konnte. Es sollte ausschliesslich das Kindeswohl im Mittelpunkt der Verfahren stehen, keinesfalls ein 'Kindeswille', um den sich ja sonst auch niemand schert.
    Vielmehr werden die Kinder extrem belstet indem sie sich nämlich regelmässig für einen Et 'entscheiden' sollen und damit kann man den französischen Kollegen nur Recht geben: hier handelt es sich um eine Art psychischen Missbrauchs des Kindes im Verfahren.
    Real rekurrieren Richter gerne auf den 'Kindeswillen' da er sie von der ungleich schwierigeren Aufgabe enthebt, den geeigneteren Elternteil herauszufinden.

  2. aber auf eine Anhörung vor Gericht kommt es für das Kind in den meisten Fällen auch nicht mehr an.

    Kinder bekommen sehr wohl mit, was um sie herum geschieht, auch wenn sie natürlich nicht alles bis ins letzte Detail begreifen. Dass eine Aussage vor Gericht für ein Kind schlimmer sein soll als der meistens monate- oder jahrelange Sorgerechtsstreit der Eltern, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Mit Verlaub, allein Stresspegel zu messen, ist und kann nur Augenwischerei sein; man stelle - versuchsweise - einen Blinden einen Fußbreit neben einen abgrundtiefen Abhang, und danach einen Sehenden - welcher der Probanden wird wohl einen höheren Stresspegel aufzeigen!?

    Diese Versuchsanweisung sei unzulässig wird der aufgebrachte Betrachter zu Recht monieren; und in der Tat muß sich der zugrundeliegende Beitrag die Frage gefallen lassen: was soll denn mit diesen Ergebnissen eigendlich ausgesagt werden?

    Ich kann dem geneigten Leser sagen, was zusätzlich Stresshormone auslößt: Wenn eine Richterin im Vorgang zu einer Sorgerechtentscheidung ein Kind hinter verschlossenen Türen befragt (gottlob auf Band aufgezeichnet und in 3. Instanz vorgespielt und aufgelöst) - dann in der Verhandlung verkündet die Kinder seien deshalb unter die Vorsorge des Jugendamts zu stellen, weil sich die Eltern vor den Augen der Kinder schlagen und prügeln würden.

    Nach 7 Jahren andauernden Prozessen wurde das entsprechende Band abgespielt und entsprechende Sequenz lautete:

    Frage Richterin: "Und haut der Pappa die Mama."
    Antwort Kind: " Nein, nie, und damit die sich nicht hauen halt' ich beide ganz viel fest."

    Das Kind war zur Zeit der Befragung 4 Jahre und 3 Monate alt.

    Das das Kind aber bis zu seinem 11. Lebensjahr durch zahlreiche Pflegefamilien gereicht wurde, interessiert natürlich beim Messen des Stresslevels keine Rolle.

    5 Leserempfehlungen
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    • dth
    • 07. März 2011 23:56 Uhr

    Ob die Befragung an sich belastend ist, oder ob sie in sinnvoller Weise durchgeführt und bewertet wird, sind ja zweierlei Fragen.
    Auf irgend einer Grundlage müssen Richter eine Entscheidung fällen, und wenn da auch der Eindruck von Äußerungen des Kindes eine Rolle spielt, ist das sicher besser.
    Die Richter sollten allerdings schon darauf vorbereitet sein, Kinder vernünftig zu befragen. Das von Ihnen beschriebene Szenario begründet eigentlich nur die Forderung des BGHs, dass mindestens die ganze Kammer die Vernehmung sehen können muss.

    • dth
    • 07. März 2011 23:56 Uhr

    Ob die Befragung an sich belastend ist, oder ob sie in sinnvoller Weise durchgeführt und bewertet wird, sind ja zweierlei Fragen.
    Auf irgend einer Grundlage müssen Richter eine Entscheidung fällen, und wenn da auch der Eindruck von Äußerungen des Kindes eine Rolle spielt, ist das sicher besser.
    Die Richter sollten allerdings schon darauf vorbereitet sein, Kinder vernünftig zu befragen. Das von Ihnen beschriebene Szenario begründet eigentlich nur die Forderung des BGHs, dass mindestens die ganze Kammer die Vernehmung sehen können muss.

    • eeee
    • 08. März 2011 5:28 Uhr

    bekannterweise eines der herausragenden Ereignisse im Leben des Kindes, an das es sich noch lange gerne erinnert.

    • outis
    • 08. März 2011 6:15 Uhr

    Gut dass eine Studie nbun klarstellt, meine Gefühle waren falsch. Die Abiprüfung war erwiesenermaßen genauso schlimm. Aber die Eltern wussten instinktiv schon immer: was meiner Selbstverwirklichung und Lebensabschnittsplanung dient, hilft auch meinem Kind.

  4. Ich frage mich, wie:

    1. Ein Vierjähriger zwischen den fünf Abstufungen von lächelnden Smileys differenziert unterscheiden soll. (Es müssen ja auch Vierjährige untersucht worden sein)

    und

    2. Wie man davon den Durchschnitt berechnen (wie groß sind denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Stimmungen, waren die messbar?) und einen Unterschied von 0,3 als signifikant werten kann. Sorry, aber ich zweifle

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