Profiler Raimund DrommelDer Sprache des Verbrechens auf der Spur

Seit 25 Jahren jagt der Profiler Raimund Drommel Erpresser, Gauner und Kriminelle. Sein Werkzeug ist die Sprache. Mit ihr entziffert er den individuellen Code des Bösen. von Andin Tegen

Am 11. Oktober 1987 liegt der damalige Ministerpräsident Uwe Barschel tot und vollständig bekleidet in der Badewanne seines Hotelzimmers in Genf. Genau einen Tag bevor er vor dem Untersuchungsausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtages aussagen will. Selbstmord durch Medikamente heißt es nach der Autopsie. Ein Jahr später taucht ein Brief Barschels auf, der hilft diese These zu widerlegen. Es war der wohl spektakulärste Fall von Raimund H. Drommel, der dieses Schriftstück analysierte.



Drommel ist Pionier der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik und seit 1986 Sprachprofiler. Mittlerweile zählt er zu den renommiertesten Sprachsachverständigen weltweit und ist Experte für Erpresserbriefe, Cybermobbing und Morddrohungen. Er untersucht Schriftstücke und Nachrichten auf sprachliche Besonderheiten, um so den Urheber zu bestimmen.

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In seinem kürzlich veröffentlichten Buch Der Code des Bösen gibt er Einblicke in seine Methoden und erzählt von seinen aufregendsten Fällen aus 25 Berufsjahren. 

"Jeder Mensch hat ein sprachliches Individualprogramm, einen individuellen Code, der auch durch Verstellen und bei erzwungenen Geständnissen nicht verändert werden kann", sagt Drommel. Für seine Analysen nutzt er neben anderer Software vor allem die computergesteuerte Konkordanzanalyse, mit der übereinstimmende Wörter, Formulierungen oder ganze Textteile gefunden werden. Aber Drommel geht noch weiter. Kriminalistik, Psychologie und Sprachforschung gehören zu seinen Analysen.

"Michael Ballack oder Louis van Gaal würden wohl nie auf die Idee kommen, jemanden anonym anzurufen und dabei ihre Stimme mit technischen Hilfsmitteln unkenntlich zu machen", sagt er. "Täten sie es dennoch, wären sie vermutlich anhand ihrer Sprache leicht zu erkennen." Allein die Wortwiederholungen würden laut Drommel Aufschluss über die beiden geben. "Der Profifußballer Ballack benutzt ständig die Wendung 'Wie gesagt', wobei er sich meist nicht auf etwas bereits Gesagtes bezieht". Oder Fußball-Trainer van Gaal: "Er könnte sich wahrscheinlich selbst in einem kurzen Text ein 'Ich denke' nicht verkneifen".

Bei dem Schriftstück des ehemaligen schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel stand für Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt fest, dass es sich um eine Fälschung handelte. In dem getippten Schreiben war zu lesen, dass eine Intrige gegen den damaligen Oppositionspolitiker Björn Engholm geplant war. Nicht nur Barschel selbst, sondern der gesamte CDU-Vorstand sollte daran beteiligt gewesen sein. Drommels Analysen ergaben, dass der Brief sprachlich echt war. "Die CDU hatte kein Interesse daran, diese Wahrheit anzuerkennen", sagt Drommel. "Es liegt nahe, dass das Schreiben einer der Gründe ist, warum Barschel sterben sollte".



Drommel verglich private Briefe an Barschels Frau mit dem angeblich gefälschten Schreiben. Neben zahlreichen sprachlichen Überschneidungen, fiel ihm dabei etwas sehr Charakteristisches auf: "Uwe Barschel pflegte gegen Ende seiner Briefe einen erweiterten Infinitiv in Verbindung mit einer Negation zu verwenden. So schloss er einen Brief an seine Frau Freya: "Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, jemals einen so langen Brief geschrieben zu haben." Drommel verglich dies mit der letzten Formulierung im Schriftstück Barschels. "In Erinnerung gemeinsamer Kontakte und weltanschaulicher Prinzipien sowie in der Hoffnung, nicht vergebens an Ihr Herz appelliert zu haben, verbleibe ich als Ihr Uwe Barschel." Ist das bereits ein sprachlicher Fingerabdruck? "Ja", sagt Drommel, "diese Merkmale sind zumindest eine Sprachspur, die man so deuten könnte."

Eigenheiten in Schriftstücken untersucht Drommel nach bestimmten Aspekten: Falsche Verwendung von Redensarten, Fehler im Satzbau, Rechtschreib- und Interpunktionsfehler, regionale Abweichungen von der Hochsprache oder wenn der Verfasser seine Muttersprache direkt in eine Fremdsprache überträgt. 
Dann schaut er, wie die Person gesprochen hat, fragt Zeugen, was die Person für ein Mensch war und welche Motivation sie hatte.

Leserkommentare
  1. Die Beispiele, die hier genannt werden, sind so schlicht und durchsichtig... also auch ein Job für mich? ...oder für meine Oma? Ein bisschen Menschenkenntnis und Lesen können reicht offenbar. Wie so oft in der Psyche-Branche.

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    "...also auch ein Job für mich?.... ."
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    Ihr Beitrag wurde analysiert.
    Ergebnis:

    Es reicht nicht für den Job! :)

    gleich Psychologieprofessor. Da müssen Sie nicht mal mehr selber lesen und Menschenkenntnis kann problemlos durch beliebige Statistiken ersetzt werden.
    Ist auch besser bezahlt.

  2. "...also auch ein Job für mich?.... ."
    -------------------------------------------------------------

    Ihr Beitrag wurde analysiert.
    Ergebnis:

    Es reicht nicht für den Job! :)

    2 Leserempfehlungen
  3. ist jedem Urkundenforscher unter dem Namen "Diktatvergleich" bekannt. Es war ein gewissen Theodor von Sickel, der es im 19. Jahrhundert entwickelt hat.

    • GDH
    • 04. April 2011 13:56 Uhr

    Gibt's eigentlich Software, die besonders verbreitete Erkennungsmerkmale durcheinander bringt? In Frank Schätzings Roman "Limit" hatten chinesische Widerständler sowas.

    Nach meiner naiven Vorstellung sollte es für einen Kriminellen (oder sonstwen), der sich der Gefahr bewusst ist, doch möglich sein, sich etwas zu verstellen.

    Aus dem Artikel: "Jeder Mensch hat ein sprachliches Individualprogramm, einen individuellen Code, der auch durch Verstellen und bei erzwungenen Geständnissen nicht verändert werden kann"

    Gilt das dafür, einen Menschen unter 2 Personen wiederzuerkennen? unter 100 unter 10 Millionen?

    Mit anderen Worten: Eignet es sich zum (ggf sogar automatisierten) Erstellen von Profilen?

    Falls jemand Quellen (oder geeignete Suchbegriffe) zur Hand hat, bitte beisteuern!

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    Wenn ich das richtig verstanden habe, wird immer ein entsprechendes Referenzschreiben benötigt.
    Hier stellt sich die Frage, woher soll man es beziehen, wenn es keinen Bezug gibt?

    dann sind sie sicher nicht öffentlich. Wenn sie es wären, dann könnte man sie dazu benutzen, Text zu erkennen, die damit verändert wurden.

    Genau darin liegt das Problem, diese Techniken beruhen auf Geheimniskrämerei und sind deshalb nicht zuverlässig.

  4. ob Drommel selbst einen Barschelbrief schreiben könnte, den ein anderer Experte dann für echt hält. Wenn er viel Aufwand betreibt, sollte das möglich sein. Es bedeutet aber im Umkehrschluss, dass das Verfahren nicht zuverlässig ist.

    Gegen ALDI-Erpresser kann man es natürlich trotzdem einsetzen...

    Eine Leserempfehlung
  5. Wenn ich das richtig verstanden habe, wird immer ein entsprechendes Referenzschreiben benötigt.
    Hier stellt sich die Frage, woher soll man es beziehen, wenn es keinen Bezug gibt?

  6. dann sind sie sicher nicht öffentlich. Wenn sie es wären, dann könnte man sie dazu benutzen, Text zu erkennen, die damit verändert wurden.

    Genau darin liegt das Problem, diese Techniken beruhen auf Geheimniskrämerei und sind deshalb nicht zuverlässig.

  7. Volker Pispers wuerde sagen " wat is dat denn schon wieder ?"

    "Ein Jahr später taucht ein Brief Barschels auf, der hilft diese These zu widerlegen."

    oder eher

    "Ein Jahr später taucht ein Brief Barschels auf, der hilft, diese These zu widerlegen." ???

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    Das Wort "widerlegen", hier in seiner Grundform, dem Infinitiv, wird mit dem Zusatz "zu" erweitert.

    Vor dem Artikel des Substantivs, auf das sich dieses Verb bezieht, wird ein Komma gesetzt.

    Man kann es sich auch einfach machen: Den Satz leise vor sich hin sprechen, und dort, wo man eine natürliche Sprechpause macht, kommt dann das Komma hin.

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