Gesundheitsfolgen : Wie viele Opfer forderte Tschernobyl wirklich?

Der Streit um die Gesundheitsfolgen des Tschernobyl-GAUs wird nie enden. Was ist Fakt, was Fiktion? Nicht zuletzt aus politischen Motiven werden Opferzahlen übertrieben.
Eine Besuchergruppe besichtigt im April 2011 das Gelände um das AKW Tschernobyl © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 barst nach einem missglückten Sicherheitstest die Hülle der Reaktoreinheit 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Im Reaktor entzündete sich Graphit, der Brand schleuderte Tonnen von radioaktivem Material in die Atmosphäre, zehn Tage lang. Die strahlenden Atome, vor allem Jod-131 und Cäsium-137, gelangten in mehr als 15 Kilometer Höhe, eine radioaktive Wolke verunreinigte ein Areal von 150.000 Quadratkilometern auf dem Gebiet der Sowjetunion, in dem fünf Millionen Menschen lebten. Spuren des Fallouts waren überall in der nördlichen Hemisphäre nachweisbar.

Betrachtet man die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe, sind dabei nur zwei Dinge wirklich gewiss: Wie viele Menschen durch den schlimmsten Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu Schaden kamen, wird niemals genau geklärt werden. Und es wird weiter über Opferzahlen gestritten werden, nicht zuletzt aus politischen Motiven.

Am härtesten traf es die Arbeiter, die unmittelbar nach der Havarie am Reaktor eingesetzt wurden. 134 von ihnen wurden akut verstrahlt. 28 starben kurz darauf an den Folgen der Strahlenkrankheit. Bis 2006 starben 19 weitere Techniker, wobei die Todesursache meist nicht mit Radioaktivität in Verbindung zu bringen war. Als Spätschäden trugen viele der Verstrahlten Hautschäden davon oder erkrankten an einer Linsentrübung (Katarakt, grauer Star).

Die Strahlenkrankheit ist ein deterministischer Schaden, eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung ist möglich. Anders sieht es bei zufälligen "stochastischen" Strahlenschäden aus. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Jahre später an bestimmten Leiden zu erkranken. Im Vordergrund steht hier Krebs. Allerdings gibt es in der Regel kaum eine Möglichkeit, in diesen Fällen die Erkrankung auf einen Strahlenschaden im Erbgut zurückzuführen. Man sieht den Krebszellen nicht an, was sie hat genetisch entgleisen lassen. Stochastische Schäden lassen sich nur abschätzen.

Der mit Abstand größte stochastische Effekt durch Tschernobyl war ein dramatischer Anstieg von Schilddrüsenkrebs in der weiteren Umgebung des Kernkraftwerks – in erster Linie bei Personen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch Kinder waren. 6848 Fälle von Schilddrüsenkrebs traten zwischen 1991 und 2005 bei Menschen auf, die 1986 unter 18 waren, fasst der aktuelle Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) zusammen. Kinder, die nach 1986 geboren wurden, sind nicht betroffen.

Als wahrscheinlichste Ursache für die Zunahme an Schilddrüsenkrebs gilt das Trinken von Milch, die mit kurzlebigem radioaktivem Jod-131 verunreinigt war. Die wachsende Schilddrüse der Kinder könnte das Jod "wie ein Schwamm" aufgesogen haben.

Kritiker haben angemerkt, dass die hohe Zahl von Krebsfällen dadurch mitbedingt sein könnte, dass bei den Reihenuntersuchungen Tumoren entdeckt wurden, von denen vermutlich keine Gefahr ausging und die ohne Untersuchung nie eine Rolle gespielt hätten – ein Effekt, wie er auch bei der Suche nach Brust- und Prostatakrebs von Bedeutung ist. Dafür spricht, dass trotz Tausender von Schilddrüsen-Tumoren bis 2005 "nur" 15 Todesopfer durch den Krebs zu beklagen waren. Damit summiert sich die Zahl der weitgehend gesicherten Todesfälle durch Tschernobyl laut UNSCEAR auf 62.

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Kommentare

94 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Warum über Zahlen streiten? Es gibt harte Fakten

>>Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten, sagt der Medizinphysiker Christoph Hoeschen vom Helmholtz-Zentrum München. <<

117 mSv pro was? Pro h, pro a, pro d, pro min, pro s???

Die einfache Angabe von 117 mSv ist ohne die Angabe eines Zeitraumes völlig wert- und sinnlos (Vergleich: Eine Geschwindigkeitsangabe in km ohne Erwähnung des Zeitraums ist keine schlicht und ergreifend keine Geschwindigkeitsangabe. Ich frage mich, was daran so schwer zu verstehen ist).

Ansonsten: Ja, Zahlen lassen sich so oder so deuten, dass ist richtig. Das ist eben immer eine Frage der Interpretation und des Standpunktes. Ja, man kann auch mit Zahlen lügen, wenn man das unbedingt will.
Wie so häufig dürfte das wahre Ausmaß irgendwo in der Mitte angesiedelt sein. Wobei ich auf dem Standpunkt stehe: Egal ob "nur" wenige Hundert oder viele Tausend Menschen nun direkt oder indirekt durch Folgen der Strahlung zu Tode gekommen sind, Fakt ist und bleibt, dass Rund um den den alten Meiler die Gegend (die im übrigen einem Kleinstaat in Europa entspricht) für viele Generationen unbewohnbar ist und bleibt. Diese Verhältnisse auf Deutschland übertragen hieße, dass ein Großteil Deutschlands schlicht unbewohnbar werden würde. Das können auch Organisationen nicht in Abrede stellen, die die Opferzahlen gerne sehr klein reden wollen.

117 mSv macht Sinn

Man kann schon sinnvoll von 117 mSv ohne eine Angabe eines Zeitraum schreiben. Es ist dann eine integrierte Dosis gemeint. In diesem Fall die gesamte zusätzliche Strahlendosis die die Arbeiter abgekommen haben.

Oder um bei ihren Analogon zu bleiben:
Es macht schon Sinn eine Wegstrecke in km anzugeben. Man bekommt dann aber keine Informationen wie schnell man diese zurück gelegt hat.

Auf die Strahlendosis bezogen ist natürlich jetzt die Frage, ob es für die Gesundheitsauswirkungen einen Unterschied macht kurz und intensiv bestrahlt worden zu sein oder lang und nicht so intensiv.
Aber ich denke doch das hier eine Angabe der gesamten Dosis mehr Sinn macht als eine auf eine Zeiteinheit bezogene. Denn dann müsste man immer dazu angeben wie lange die Arbeiter der Strahlung ausgesetzt waren.

117 mSv pro Liquidator

Wenn der Liquidator in einer Gegend wohnt, wo viel Fall Out niederging, hat sich die Strahlenbelastung über die Zeit natürlich noch stark erhöht.

Bei all denen, die zusätzlich durch Dioxin-, Quecksilber- oder hormonell wirkenden Chemikalien belastet sind, kommen diese Belastungen natürlich noch dazu.

Die unzähligen Zusatzbelastungen aus Industrie und Landwirtschaft, denen heutige Menschen ausgesetzt sind, summieren sich auf. Entsprechend summieren sich das Risiko bei jedem, der diesen Belastungen ausgesetzt ist.

Wer dann am nächsten Tag vom Auto überfahren wird, fällt aus der Statistik raus, alle anderen sind natürlich Opfer, weil ihr Erkrankungsrisiko fremdbestimmt erhöht wurde.

Ich denke, die Tschernobyl-Opfer gehen in die Zig-Millionen. Europa ist nur noch nicht entvölkert, weil wir die Passivrauchergesetze haben!

Aussagekraft der durchschnittlichen effektive Dosis?

Kann man von einer durchschnittlichen effektiven Dosis überhaupt Rückschlüsse auf die Anzahl der Krebstoten bzw. Krebsgefährdeten ziehen?
Nur einen Mittelwert zu nehmen ohne die Verteilung zu kennen wäre wenig hilfreich. Gibt es hinweise auf eine Normalverteilungskurve der durchschnittlichen effektiven Dosis?

Drei Beispiele:
600.000 angenommene Personen, mit einer effektiven Dosis von 100 mSv im Mittel.
Variante A:
600.000 Personen wurden alle eine Dosis von genau 100 mSv ausgesetzt.

Variante B:
eine Person daraus wurde einer Dosis von 600.000 mSv ausgesetzt, die anderen 599.999 Personen wurden 0 mSv ausgesetzt

Variante C:
200.000 Personen wurden einer Dosis von 300 mSv ausgesetzt, 400.000 Personen wurden einer Dosis von 0 mSv ausgesetzt.

Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen, zeigen jedoch die Problematik einer durchschnittlichen Dosis.

Umweltverbände = Lobbyisten

Auch Umweltverbände sind nur Lobbyisten, die mehr oder weniger erfolgreich Marketing betreiben, um ihre Ziele durchzusetzen. Leider merken die Menschen dies nicht, da sich derartige Verbände immer mit dem Heiligenschein des moralisch Erhabenen umgeben.

Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen von dem, was Industrie und Regierungen auf der einen Seite und Umweltverbände auf der anderen Seite behaupten.

Irgendwie ist mir die Industrie sogar sympatischer. Da weiss ich wenigstens, dass es vor allem um Profite geht, so dass ich bei diesen Leuten wenigstens weiss, wo ich dran bin und mir keine auf falschen Tatsachen beruhende Pseudomoral anhören muss.

Auch Umweltverbände sind nur Lobbyisten

"Auch Umweltverbände sind nur Lobbyisten, die mehr oder weniger erfolgreich Marketing betreiben, um ihre Ziele durchzusetzen. Leider merken die Menschen dies nicht, da sich derartige Verbände immer mit dem Heiligenschein des moralisch Erhabenen umgeben."
Das ist so dumm wie falsch. Natürlich wissen die Menschen, dass Auch Umweltverbände 'Lobbyarbeit' betreiben. Die Frage ist nur wofür? Die Industrie gibt Millionen dafür aus, demokratische Entscheidungen dahingegend zu unterwandern, ihre eigenen Vorteile zu erzielen, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern und die teils katastrophalen Folgen anderen aufzuzwingen. Sie handelns somit asozial und antidemokratisch zu Lasten der Menschen.
Umweltverbände hingehen verfolgen Ziele, die nicht auf die Gewinne einiger weniger zu Lasten aller Anderen bedacht sind und die praktisch jedem Menschen zugute kommen.
DAS ist der Unterschied ... den einige offenkundig nicht erkennen können oder wollen.
Nicht die Überzeugungarbeit ansich ist verschieden, sondern die Intention. Die Industrie möchte für eine wenige Vorteile, die allen anderen Schaden und die Umweltverbände, wollen für alle Vorteile, ohne jemandem zu Schaden ... insofern man nicht die Eindämmung der haltlosen Gier als 'Schaden' für Profiteure betrachtet.
Wer das als 'Pseudomoral' bezeichnet, ist einfach nur zu bedauern ... und leider lässt es sich nicht verhindern, dass jene auch von einer lebenfähigen Umwelt und einem lebensfähigen Klima partizipieren.

Auch Umweltverbände brauchen Geld

Umweltverbände sind Interessenverbände bestimmter Gruppen von Menschen, die durchaus auch persönliche Ziele verfolgen. Um ihre Arbeit zu machen, benötigen auch Umweltverbände Geld, so dass sie Marketing betreiben müssen, um Spenden einzuwerben. Bekanntlich lassen sich mit einer Dramatisierung der Situation und schlimmen Bildern mehr Spenden sammeln als mit einer realistischen, sachlichen Darstellung. Folglich spielen natürlich 100.000 Opfer Greenpeace und Co. mehr in die Hände als 100 Opfer.

Umweltverbände profitieren zudem vom Image der kleinen, machtlosen Leute, die gegen einen Goliath der bösen Industrie kämpfen.

Die Wahrheit über eine Situation dürfte irgendwo in der Mitte der Darstellungen von Industrie und Umweltverbänden liegen.

Wofür

Das ist simpel:
Zum einen leben natürlich Umweltverbände von Spenden, die natürlich dann reinkommen, wenn möglichst viele von einer möglichst großen Bedrohung überzeugt sind.

Desweiteren wird ja auch mit Umweltschutz viel Geld gemacht, es ist ja nicht so, als wäre dieser umsonst. Das Geld, dass der eine Konzern gerne für sich behalten würde, bekäme dann der andere Konzern für die Schutzmaßnahmen.

Letztlich findet da also durchaus eine "Beißerei" um das gleiche Stück Fleisch statt, finanziell gesehen.

Es geht um die Opfer

Fakt ist, die Sowjietunion war eine Diktatur, die keinerlei Wert auf Informationsfreiheit legte, ganz besonders nicht im Kontext der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es gab seinerzeit seitens der Staatsführung ein klares Interesse, die wahren Folgen der Katastrophe zu verschleiern. Das war hier im "Westen" zu dem Zeitpunkt auch nicht anders, denn allzuviel Transparenz hinsichtich der Folgen wäre ja "schlecht fürs Geschäft".
Erstens sind inzwischen Dokumente zugänglich, die die Strahlungsintensität direkt nach der Explosion des betreffenden Reaktors sehr präzise dokumentieren - und die erklären sehr deutlich, warum so viele der "Liquidatoren" inzwischen gestorben sind.
Zweitens wird heute aus verschiedenen Quellen sehr glaubhaft bestätigt, dass man die "Liquidatoren" ganz bewusst über die tatsächlichen Risiken im Dunkeln gelassen hat.
Drittens haben die, die es bis heute überlebt haben, ein irreversibel zerstörte Gesundheit. Es gibt für diese Menschen weder angemessene Invalidenrenten noch eine entsprechende Gesundheitsversorgung.
Es geht hier nicht um irgendwelche Zahlenwerte, sondern mehr darum, dass man diese Menschen erst "verheizt" hat und dann mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen hat - und bei 500.000 "Liquidatoren" sind das erschreckend viele.

Ein Königreich für aussagekräftige Zahlen

Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten

Und wieder ein Bericht, der mit Zahlen falsch umgeht. Eine effektive Dosis ohne Zeitangabe ist für gesundheitliche Schäden nahezu unverwertbar. (Wobei man durch die Angabe der Tätigkeit der Liquidatoren eine etwaige Zeitspanne vermuten könnte)

Das wird damit begründet, dass es keine Grenze nach unten gibt, ab der Strahlung unschädlich ist. Diese Annahme ist zwar sinnvoll für den Strahlenschutz, aber taugt im Bereich geringer Strahlendosen nicht als Basis für Modellrechnungen.

Absolut richtig erkannt. Zumal es im Bereich der Niedrigstrahlung je nach Lokalisation und Einwirkungsdauer mittlerweile sehr kontroverse Theorien gibt.

Zitat

Ich lese da aber was anderes raus als sie:
"Auf einem anderen Blatt stehen die enormen seelischen und sozialen Belastungen der Bevölkerung im Umkreis von Tschernobyl. Mehr als 300.000 Menschen wurden umgesiedelt, Millionen leben in Furcht vor Strahlenschäden und litten oder leiden unter psychischen und psychosomatischen Störungen bis hin zum Suizid. Auch die Angst fordert ihren Tribut.
"

Wahnsinn

ich bin angenehm berührt, solch einen Artikel hätte ich der Zeit, der Wochen-Zeitung der grünen Lehrer und sonstiger umweltbewegter Menschen, nicht zugetraut.

Ganze Weltbilder brechen nun zusammen oder sollten zusammen brechen.

Ähnliche Zahlen hörte ich vor Jahren mal in einem Vortrag eines angesehenen Strahlenschutzexperten.
Überrascht von den Daten bin ich daher nicht, wie der schon länger weiß, der meine Beiträge hier liest.