GesundheitsfolgenWie viele Opfer forderte Tschernobyl wirklich?

Der Streit um die Gesundheitsfolgen des Tschernobyl-GAUs wird nie enden. Was ist Fakt, was Fiktion? Nicht zuletzt aus politischen Motiven werden Opferzahlen übertrieben. von Hartmut Wewetzer

Eine Besuchergruppe besichtigt im April 2011 das Gelände um das AKW Tschernobyl

Eine Besuchergruppe besichtigt im April 2011 das Gelände um das AKW Tschernobyl  |  © Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 barst nach einem missglückten Sicherheitstest die Hülle der Reaktoreinheit 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. Im Reaktor entzündete sich Graphit, der Brand schleuderte Tonnen von radioaktivem Material in die Atmosphäre, zehn Tage lang. Die strahlenden Atome, vor allem Jod-131 und Cäsium-137, gelangten in mehr als 15 Kilometer Höhe, eine radioaktive Wolke verunreinigte ein Areal von 150.000 Quadratkilometern auf dem Gebiet der Sowjetunion, in dem fünf Millionen Menschen lebten. Spuren des Fallouts waren überall in der nördlichen Hemisphäre nachweisbar.

Betrachtet man die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe, sind dabei nur zwei Dinge wirklich gewiss: Wie viele Menschen durch den schlimmsten Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu Schaden kamen, wird niemals genau geklärt werden. Und es wird weiter über Opferzahlen gestritten werden, nicht zuletzt aus politischen Motiven.

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Am härtesten traf es die Arbeiter, die unmittelbar nach der Havarie am Reaktor eingesetzt wurden. 134 von ihnen wurden akut verstrahlt. 28 starben kurz darauf an den Folgen der Strahlenkrankheit. Bis 2006 starben 19 weitere Techniker, wobei die Todesursache meist nicht mit Radioaktivität in Verbindung zu bringen war. Als Spätschäden trugen viele der Verstrahlten Hautschäden davon oder erkrankten an einer Linsentrübung (Katarakt, grauer Star).

Die Strahlenkrankheit ist ein deterministischer Schaden, eine direkte Verbindung von Ursache und Wirkung ist möglich. Anders sieht es bei zufälligen "stochastischen" Strahlenschäden aus. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Jahre später an bestimmten Leiden zu erkranken. Im Vordergrund steht hier Krebs. Allerdings gibt es in der Regel kaum eine Möglichkeit, in diesen Fällen die Erkrankung auf einen Strahlenschaden im Erbgut zurückzuführen. Man sieht den Krebszellen nicht an, was sie hat genetisch entgleisen lassen. Stochastische Schäden lassen sich nur abschätzen.

Der mit Abstand größte stochastische Effekt durch Tschernobyl war ein dramatischer Anstieg von Schilddrüsenkrebs in der weiteren Umgebung des Kernkraftwerks – in erster Linie bei Personen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe noch Kinder waren. 6848 Fälle von Schilddrüsenkrebs traten zwischen 1991 und 2005 bei Menschen auf, die 1986 unter 18 waren, fasst der aktuelle Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) zusammen. Kinder, die nach 1986 geboren wurden, sind nicht betroffen.

Als wahrscheinlichste Ursache für die Zunahme an Schilddrüsenkrebs gilt das Trinken von Milch, die mit kurzlebigem radioaktivem Jod-131 verunreinigt war. Die wachsende Schilddrüse der Kinder könnte das Jod "wie ein Schwamm" aufgesogen haben.

Gesundheitsfolgen nach Tschernobyl

In Tschernobyl starben infolge des Reaktorunfalls unmittelbar 28 Menschen nach einer erhöhten Strahlenbelastung. 19 weitere Menschen starben zwischen 1986 und 2005 nachweislich an den gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe. Das ist das Ergebnis eines Berichtes der Vereinten Nationen, der zuletzt Ende Februar aktualisiert worden ist. Insgesamt könnten langfristig bis zu 4000 Menschen an der Radioaktivität sterben, die durch die Explosion des Reaktors freigesetzt wurde, schätzt das internationale Wissenschaftskonsortium. Die meisten von ihnen gehören zu den rund 500.000 Arbeitern, die an den Rettungsmaßnahmen zwischen 1986 und 1987 auf dem Gelände beteiligt waren.

Schilddrüsenkrebs

Für den überwiegenden Teil der Menschen ist das Unglück eher glimpflich verlaufen. 6000 Menschen sind in den zwei Jahrzehnten nach Tschernobyl an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Das ist der einzige Tumor, der sich empirisch eindeutig als Folge von Tschernobyl nachweisen lässt. Diese Art von Krebs gilt als gut behandelbar und verläuft in den allermeisten Fällen nicht tödlich. "Die Wahrscheinlichkeit mit der Diagnose die nächsten 20 Jahre zu überleben, liegt bei etwa 90 Prozent über alle Altersgruppen hinweg", sagt Christoph Reiners, der das WHO-Kollaborationszentrum für medizinische Vorsorge und Hilfe bei Strahlenunfällen leitet.

Das leichtflüchtige Jod kann über die Luft und die Nahrung aufgenommen werden. Das radioaktive Jod hat dieselben chemischen Eigenschaften wie sein stabiles und für die Gesundheit unbedenkliches Isotop. In der Schilddrüse strahlen die radioaktiven Teilchen und belasten das umliegende Gewebe. Besonders für Kinder kann das schwerwiegende Folgen haben, weshalb in diesem Fall die Einnahme von Jodtabletten empfohlen wird.

Der Blick in die Geschichte soll die Gefahr nicht kleinreden. Er soll nur deutlich machen, wie wichtig es ist, zwischen echter und unechter Bedrohung zu unterscheiden. (ska)

Kritiker haben angemerkt, dass die hohe Zahl von Krebsfällen dadurch mitbedingt sein könnte, dass bei den Reihenuntersuchungen Tumoren entdeckt wurden, von denen vermutlich keine Gefahr ausging und die ohne Untersuchung nie eine Rolle gespielt hätten – ein Effekt, wie er auch bei der Suche nach Brust- und Prostatakrebs von Bedeutung ist. Dafür spricht, dass trotz Tausender von Schilddrüsen-Tumoren bis 2005 "nur" 15 Todesopfer durch den Krebs zu beklagen waren. Damit summiert sich die Zahl der weitgehend gesicherten Todesfälle durch Tschernobyl laut UNSCEAR auf 62.

Zu den am stärksten der Strahlung ausgesetzten Personen gehören rund 530.000 Menschen, die als "Liquidatoren" eingesetzt waren, um die Folgen der Havarie zu bekämpfen. Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten, sagt der Medizinphysiker Christoph Hoeschen vom Helmholtz-Zentrum München. "Das Risiko an einer strahlenverursachten Krebserkrankung zu sterben kann mit 1,2 Prozent pro 100 mSv angegeben werden", teilt das Bundesamt für Strahlenschutz dazu mit.

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

Laut UNSCEAR-Bericht gibt es Hinweise auf das vermehrte Auftreten von Blutkrebs und grauem Star bei Liquidatoren, die einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt waren. Überzeugende Belege für weitere strahlenbedingte Effekte in der Allgemeinbevölkerung sehen die Experten nicht. Die große Mehrheit brauche nicht in Furcht vor ernsthaften Konsequenzen durch Tschernobyl zu leben, das gelte umso mehr für Länder, die anders als Weißrussland, die Ukraine und Russland nicht direkt betroffen waren. Laut Bundesamt für Strahlenschutz betrug die Belastung in Deutschland im ersten Jahr maximal 50 Prozent der jährlichen natürlichen Hintergrundstrahlung von durchschnittlich 2,1 mSv. "Es gibt bisher keinen Nachweis, dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl-Unfall verursacht wurden", heißt es aus dem Amt.

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Was wissen wir wirklich über die Situation in Fukushima? Fünf Experten geben einen Überblick  |  © Jiji Press/AFP/Getty Images

In starkem Widerspruch dazu stehen die Hochrechnungen durch atomkritische Gruppen wie Greenpeace, Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz , die nicht selten von Hunderttausenden von Opfern ausgehen. So behauptet IPPNW Deutschland, bis 2056 würden in Europa "knapp" 240.000 zusätzliche Krebsfälle auftreten, Greenpeace spricht von 200.000 zusätzlichen Todesfällen in der Region im Zeitraum von 1990 bis 2004 und ein Vertreter der Gesellschaft für Strahlenschutz behauptet, dass aufgrund der Strahlenbelastung 800.000 Kinder nicht geboren wurden.

"Solche Zahlen sind wissenschaftlich nicht haltbar", kontert der Medizinphysiker Hoeschen und führt das auf erhebliche methodische Schwächen in den Studien zurück. Ein Mangel besteht darin, den potenziellen Schaden durch eine kleine Strahlendosis in Berechnungen aufzublähen. Das wird damit begründet, dass es keine Grenze nach unten gibt, ab der Strahlung unschädlich ist. Diese Annahme ist zwar sinnvoll für den Strahlenschutz, aber taugt im Bereich geringer Strahlendosen nicht als Basis für Modellrechnungen. Wegen "nicht akzeptabler Unsicherheiten in den Vorhersagen" haben die Experten von UNSCEAR auf solche Kalkulationen für niedrig belastete Bevölkerungen verzichtet.

Auf einem anderen Blatt stehen die enormen seelischen und sozialen Belastungen der Bevölkerung im Umkreis von Tschernobyl. Mehr als 300.000 Menschen wurden umgesiedelt, Millionen leben in Furcht vor Strahlenschäden und litten oder leiden unter psychischen und psychosomatischen Störungen bis hin zum Suizid. Auch die Angst fordert ihren Tribut.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. >>Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten, sagt der Medizinphysiker Christoph Hoeschen vom Helmholtz-Zentrum München. <<

    117 mSv pro was? Pro h, pro a, pro d, pro min, pro s???

    Die einfache Angabe von 117 mSv ist ohne die Angabe eines Zeitraumes völlig wert- und sinnlos (Vergleich: Eine Geschwindigkeitsangabe in km ohne Erwähnung des Zeitraums ist keine schlicht und ergreifend keine Geschwindigkeitsangabe. Ich frage mich, was daran so schwer zu verstehen ist).

    Ansonsten: Ja, Zahlen lassen sich so oder so deuten, dass ist richtig. Das ist eben immer eine Frage der Interpretation und des Standpunktes. Ja, man kann auch mit Zahlen lügen, wenn man das unbedingt will.
    Wie so häufig dürfte das wahre Ausmaß irgendwo in der Mitte angesiedelt sein. Wobei ich auf dem Standpunkt stehe: Egal ob "nur" wenige Hundert oder viele Tausend Menschen nun direkt oder indirekt durch Folgen der Strahlung zu Tode gekommen sind, Fakt ist und bleibt, dass Rund um den den alten Meiler die Gegend (die im übrigen einem Kleinstaat in Europa entspricht) für viele Generationen unbewohnbar ist und bleibt. Diese Verhältnisse auf Deutschland übertragen hieße, dass ein Großteil Deutschlands schlicht unbewohnbar werden würde. Das können auch Organisationen nicht in Abrede stellen, die die Opferzahlen gerne sehr klein reden wollen.

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    Man kann schon sinnvoll von 117 mSv ohne eine Angabe eines Zeitraum schreiben. Es ist dann eine integrierte Dosis gemeint. In diesem Fall die gesamte zusätzliche Strahlendosis die die Arbeiter abgekommen haben.

    Oder um bei ihren Analogon zu bleiben:
    Es macht schon Sinn eine Wegstrecke in km anzugeben. Man bekommt dann aber keine Informationen wie schnell man diese zurück gelegt hat.

    Auf die Strahlendosis bezogen ist natürlich jetzt die Frage, ob es für die Gesundheitsauswirkungen einen Unterschied macht kurz und intensiv bestrahlt worden zu sein oder lang und nicht so intensiv.
    Aber ich denke doch das hier eine Angabe der gesamten Dosis mehr Sinn macht als eine auf eine Zeiteinheit bezogene. Denn dann müsste man immer dazu angeben wie lange die Arbeiter der Strahlung ausgesetzt waren.

    > 117 mSv pro was? Pro h, pro a, pro d, pro min, pro s???
    Insgesamt während des Einsatzes akkumuliert. Zugegeben, es macht einen Unterschied ob man 117 mSv in einer Sekunde oder über 60 Jahre verteilt abbekommt, aber für moderate Zeiträume ist eine absolute Angabe durchaus üblich.

    Nur ganz kurz:

    Die genannte Zahl ist die geschätzte DOSIS !!!, nicht die Dosisleistung, die in mSv pro Zeiteineinheit angegeben wird.

    • makk
    • 24. Mai 2011 17:56 Uhr

    Sievert als Einheit ist eine absolute Belastung.
    Die akkumulierte Lebensbelastung ist also im
    Vergleich zu "anderen" um 117mS höher.

  2. Auch Umweltverbände sind nur Lobbyisten, die mehr oder weniger erfolgreich Marketing betreiben, um ihre Ziele durchzusetzen. Leider merken die Menschen dies nicht, da sich derartige Verbände immer mit dem Heiligenschein des moralisch Erhabenen umgeben.

    Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen von dem, was Industrie und Regierungen auf der einen Seite und Umweltverbände auf der anderen Seite behaupten.

    Irgendwie ist mir die Industrie sogar sympatischer. Da weiss ich wenigstens, dass es vor allem um Profite geht, so dass ich bei diesen Leuten wenigstens weiss, wo ich dran bin und mir keine auf falschen Tatsachen beruhende Pseudomoral anhören muss.

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    "Auch Umweltverbände sind nur Lobbyisten, die mehr oder weniger erfolgreich Marketing betreiben, um ihre Ziele durchzusetzen. Leider merken die Menschen dies nicht, da sich derartige Verbände immer mit dem Heiligenschein des moralisch Erhabenen umgeben."
    Das ist so dumm wie falsch. Natürlich wissen die Menschen, dass Auch Umweltverbände 'Lobbyarbeit' betreiben. Die Frage ist nur wofür? Die Industrie gibt Millionen dafür aus, demokratische Entscheidungen dahingegend zu unterwandern, ihre eigenen Vorteile zu erzielen, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern und die teils katastrophalen Folgen anderen aufzuzwingen. Sie handelns somit asozial und antidemokratisch zu Lasten der Menschen.
    Umweltverbände hingehen verfolgen Ziele, die nicht auf die Gewinne einiger weniger zu Lasten aller Anderen bedacht sind und die praktisch jedem Menschen zugute kommen.
    DAS ist der Unterschied ... den einige offenkundig nicht erkennen können oder wollen.
    Nicht die Überzeugungarbeit ansich ist verschieden, sondern die Intention. Die Industrie möchte für eine wenige Vorteile, die allen anderen Schaden und die Umweltverbände, wollen für alle Vorteile, ohne jemandem zu Schaden ... insofern man nicht die Eindämmung der haltlosen Gier als 'Schaden' für Profiteure betrachtet.
    Wer das als 'Pseudomoral' bezeichnet, ist einfach nur zu bedauern ... und leider lässt es sich nicht verhindern, dass jene auch von einer lebenfähigen Umwelt und einem lebensfähigen Klima partizipieren.

    • Karl63
    • 21. April 2011 15:30 Uhr

    Fakt ist, die Sowjietunion war eine Diktatur, die keinerlei Wert auf Informationsfreiheit legte, ganz besonders nicht im Kontext der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Es gab seinerzeit seitens der Staatsführung ein klares Interesse, die wahren Folgen der Katastrophe zu verschleiern. Das war hier im "Westen" zu dem Zeitpunkt auch nicht anders, denn allzuviel Transparenz hinsichtich der Folgen wäre ja "schlecht fürs Geschäft".
    Erstens sind inzwischen Dokumente zugänglich, die die Strahlungsintensität direkt nach der Explosion des betreffenden Reaktors sehr präzise dokumentieren - und die erklären sehr deutlich, warum so viele der "Liquidatoren" inzwischen gestorben sind.
    Zweitens wird heute aus verschiedenen Quellen sehr glaubhaft bestätigt, dass man die "Liquidatoren" ganz bewusst über die tatsächlichen Risiken im Dunkeln gelassen hat.
    Drittens haben die, die es bis heute überlebt haben, ein irreversibel zerstörte Gesundheit. Es gibt für diese Menschen weder angemessene Invalidenrenten noch eine entsprechende Gesundheitsversorgung.
    Es geht hier nicht um irgendwelche Zahlenwerte, sondern mehr darum, dass man diese Menschen erst "verheizt" hat und dann mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen hat - und bei 500.000 "Liquidatoren" sind das erschreckend viele.

  3. Die durchschnittliche effektive Dosis, der sie ausgesetzt waren, betrug 117 Millisievert (mSv). Stochastische Effekte durch Strahlung lassen sich etwa ab einer Dosis von 100 mSv beobachten

    Und wieder ein Bericht, der mit Zahlen falsch umgeht. Eine effektive Dosis ohne Zeitangabe ist für gesundheitliche Schäden nahezu unverwertbar. (Wobei man durch die Angabe der Tätigkeit der Liquidatoren eine etwaige Zeitspanne vermuten könnte)

    Das wird damit begründet, dass es keine Grenze nach unten gibt, ab der Strahlung unschädlich ist. Diese Annahme ist zwar sinnvoll für den Strahlenschutz, aber taugt im Bereich geringer Strahlendosen nicht als Basis für Modellrechnungen.

    Absolut richtig erkannt. Zumal es im Bereich der Niedrigstrahlung je nach Lokalisation und Einwirkungsdauer mittlerweile sehr kontroverse Theorien gibt.

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    • seschu
    • 21. April 2011 15:18 Uhr

    Ich lese da aber was anderes raus als sie:
    "Auf einem anderen Blatt stehen die enormen seelischen und sozialen Belastungen der Bevölkerung im Umkreis von Tschernobyl. Mehr als 300.000 Menschen wurden umgesiedelt, Millionen leben in Furcht vor Strahlenschäden und litten oder leiden unter psychischen und psychosomatischen Störungen bis hin zum Suizid. Auch die Angst fordert ihren Tribut.
    "

  4. Man kann schon sinnvoll von 117 mSv ohne eine Angabe eines Zeitraum schreiben. Es ist dann eine integrierte Dosis gemeint. In diesem Fall die gesamte zusätzliche Strahlendosis die die Arbeiter abgekommen haben.

    Oder um bei ihren Analogon zu bleiben:
    Es macht schon Sinn eine Wegstrecke in km anzugeben. Man bekommt dann aber keine Informationen wie schnell man diese zurück gelegt hat.

    Auf die Strahlendosis bezogen ist natürlich jetzt die Frage, ob es für die Gesundheitsauswirkungen einen Unterschied macht kurz und intensiv bestrahlt worden zu sein oder lang und nicht so intensiv.
    Aber ich denke doch das hier eine Angabe der gesamten Dosis mehr Sinn macht als eine auf eine Zeiteinheit bezogene. Denn dann müsste man immer dazu angeben wie lange die Arbeiter der Strahlung ausgesetzt waren.

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    In diesem Fall macht es sehr wenig Sinn, da gerade im Bereich von knapp unter 200-250mSv sehr wohl die Zeiteinheit eine erhebliche Rolle spielt, wenn man sich die derzeitigen verschiedenen Thesen (die ab gewissen Zeitlängen großteils dem linearen Modell widersprechen) anschaut.

    Wenn der Liquidator in einer Gegend wohnt, wo viel Fall Out niederging, hat sich die Strahlenbelastung über die Zeit natürlich noch stark erhöht.

    Bei all denen, die zusätzlich durch Dioxin-, Quecksilber- oder hormonell wirkenden Chemikalien belastet sind, kommen diese Belastungen natürlich noch dazu.

    Die unzähligen Zusatzbelastungen aus Industrie und Landwirtschaft, denen heutige Menschen ausgesetzt sind, summieren sich auf. Entsprechend summieren sich das Risiko bei jedem, der diesen Belastungen ausgesetzt ist.

    Wer dann am nächsten Tag vom Auto überfahren wird, fällt aus der Statistik raus, alle anderen sind natürlich Opfer, weil ihr Erkrankungsrisiko fremdbestimmt erhöht wurde.

    Ich denke, die Tschernobyl-Opfer gehen in die Zig-Millionen. Europa ist nur noch nicht entvölkert, weil wir die Passivrauchergesetze haben!

  5. > 117 mSv pro was? Pro h, pro a, pro d, pro min, pro s???
    Insgesamt während des Einsatzes akkumuliert. Zugegeben, es macht einen Unterschied ob man 117 mSv in einer Sekunde oder über 60 Jahre verteilt abbekommt, aber für moderate Zeiträume ist eine absolute Angabe durchaus üblich.

    • WIHE
    • 21. April 2011 13:51 Uhr

    ich bin angenehm berührt, solch einen Artikel hätte ich der Zeit, der Wochen-Zeitung der grünen Lehrer und sonstiger umweltbewegter Menschen, nicht zugetraut.

    Ganze Weltbilder brechen nun zusammen oder sollten zusammen brechen.

    Ähnliche Zahlen hörte ich vor Jahren mal in einem Vortrag eines angesehenen Strahlenschutzexperten.
    Überrascht von den Daten bin ich daher nicht, wie der schon länger weiß, der meine Beiträge hier liest.

  6. In diesem Fall macht es sehr wenig Sinn, da gerade im Bereich von knapp unter 200-250mSv sehr wohl die Zeiteinheit eine erhebliche Rolle spielt, wenn man sich die derzeitigen verschiedenen Thesen (die ab gewissen Zeitlängen großteils dem linearen Modell widersprechen) anschaut.

    Antwort auf "117 mSv macht Sinn"
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    Kann man von einer durchschnittlichen effektiven Dosis überhaupt Rückschlüsse auf die Anzahl der Krebstoten bzw. Krebsgefährdeten ziehen?
    Nur einen Mittelwert zu nehmen ohne die Verteilung zu kennen wäre wenig hilfreich. Gibt es hinweise auf eine Normalverteilungskurve der durchschnittlichen effektiven Dosis?

    Drei Beispiele:
    600.000 angenommene Personen, mit einer effektiven Dosis von 100 mSv im Mittel.
    Variante A:
    600.000 Personen wurden alle eine Dosis von genau 100 mSv ausgesetzt.

    Variante B:
    eine Person daraus wurde einer Dosis von 600.000 mSv ausgesetzt, die anderen 599.999 Personen wurden 0 mSv ausgesetzt

    Variante C:
    200.000 Personen wurden einer Dosis von 300 mSv ausgesetzt, 400.000 Personen wurden einer Dosis von 0 mSv ausgesetzt.

    Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen, zeigen jedoch die Problematik einer durchschnittlichen Dosis.

  7. Überschrift haben:

    Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen und politischen Motiven werden Opferzahlen UNTERTRIEBEN!.

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