LebenswandelPsychisch gestresster in der City

Metropolen machen Menschen anfällig für Depressionen und Angststörungen. Warum? Forscher vermuten, dass die Hirne von Städtern anders arbeiten als die von Dorfbewohnern. von 

Großstadtleben: Fußgänger im Stadtteil Shibuya der Megacity Tokyo

Großstadtleben: Fußgänger im Stadtteil Shibuya der Megacity Tokyo.  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Stadtluft macht frei – aber auch überdurchschnittlich oft krank. Mehrere Studien haben gezeigt, dass etwa Depressionen oder Angststörungen bei Städtern häufiger auftreten als bei Menschen, die auf dem Land leben. Warum das so ist, konnten Wissenschaftler bisher nicht erklären. Einen wichtigen Hinweis präsentieren jetzt Forscher vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit . Sie fanden heraus, dass bei Städtern zwei Hirnregionen, die für die Verarbeitung von Stress und Emotionen zuständig sind, verändert sind. Das berichten Psychiater und Psychologen um Florian Lederbogen im Fachblatt Nature .

Für die Studie unterzogen sich 32 freiwillige gesunde Testpersonen dem "Mist"-Test (Montréal Imaging Stress Test). Mithilfe eines funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) verfolgten die Wissenschaftler die Hirnaktivität ihrer Probanden, während diese schwere Rechenaufgaben unter Zeitdruck lösten. Um den Stress für die Versuchsteilnehmer zu erhöhen, bekamen sie über Kopfhörer auch noch kritische Bemerkungen des Versuchsleiters zu hören. Das ließ verständlicherweise nicht nur ihren Blutdruck und den Gehalt des Stresshormons Cortisol steigen, sondern kurbelte auch die Aktivität in Hirnarealen an, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig sind.

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Allerdings nicht bei allen in gleichem Ausmaß. Das Ergebnis, das sich auch in anschließenden Kontroll-Untersuchungen bestätigte: Bei denjenigen Versuchspersonen, die aktuell in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern leben, war der Mandelkern ( Amygdala ) deutlich aktiver. Damit wird eine Hirnstruktur bezeichnet, in der unter anderem negative Affekte verarbeitet werden. Vom Großstädter über den Kleinstädter bis zum Dorfbewohner nahm dessen Aktivität ab.

Die Forscher interessierten sich auch dafür, wo die Versuchsteilnehmer ihre Kindheit und frühe Jugend verbracht hatten – und wie sich das in den Köpfen niederschlägt. Dafür multiplizierten sie die Größe der Heimatorte mit der Anzahl der dort verbrachten Jahre und erhielten so eine individuelle Kennzahl. Je höher sie war, desto "städtischer" waren die Versuchspersonen geprägt. Und desto aktiver war bei ihnen ein anderes Hirnareal namens perigenuales anteriores Cingulum (pACC). Von hier aus wird die Aktivität des Mandelkerns entscheidend gesteuert. Das Zusammenspiel beider Hirnregionen war zudem bei den ehemaligen Stadtkindern schwächer. Hier schließt sich der Kreis. Älteren Untersuchungen zufolge kann das mangelhafte Zusammenspiel der beiden Hirnareale ein Hinweis auf erhöhte psychische Labilität sein.

Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen, dass sowohl das Aufwachsen als auch das Leben in Großstädten die Verarbeitung von sozialem Stress im Gehirn erkennbar beeinflussen. Bei anderen, mit weniger Stress verbundenen Aufgaben zeigten sich zwischen den Gruppen keine Unterschiede.

Das Ergebnis ist schon deshalb wichtig, weil die Zukunft der Menschheit wohl in den Städten liegt: Bereits heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Regionen, im Jahr 2050 werden es wohl um die 70 Prozent sein. "Je weiter der Mensch sich von seinem natürlichen Biotop entfernt, desto höher könnte der Preis sein", kommentiert der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin . Einen echten Beweis dafür, dass die Größe des Herkunftsortes die Stressverarbeitung direkt beeinflusst, sei mit der jetzt vorgestellten Studie noch nicht erbracht, sagt der FU-Forscher. Dafür seien zu wenig Probanden herangezogen worden, die zudem ausschließlich aus Deutschland kommen – was einen internationalen Vergleich erschwert.

Leserkommentare
  1. Der Papalagi wohnt wie die Seemuscheln in einem festen Gehäuse. Er lebt zwischen Steinen wie der Skolopender zwischen Lavaspalten. Steine sind rings um ihn, neben ihm und über ihm. Seine Hütte gleicht einer aufrechten Truhe aus Stein. Einer Truhe, die viele Fächer hat und durchlöchert ist.
    ...
    Ein Samoander würde in solcher Truhe bald ersticken, denn nirgends geht ein frischer Luftzug hindurch wie in jeder Samoahütte. Dann auch suchen die Gerüche des Kochhauses nach einem Ausgang. Zumeist ist aber die Luft, welche von draußen hereinkommt, nicht viel besser; und man kann schwer begreifen, daß ein Mensch hier nicht sterben muß, daß er nicht vor Sehnsucht zum Vogel wird, ihm keine Flügel wachsen, damit er sich aufschwinge und dahin fliege, wo Luft und Sonne ist. Aber der Papalagi liebt seine Steintruhen und merkt ihre Schädlichkeit nicht mehr.
    ...
    Auf diese Weise leben in Europa so viele Menschen, wie Palmen in Samoa wachsen, ja noch viel mehr. Einige haben wohl viel Sehnsucht nach Wald und Sonne und viel Licht; aber dies wird allgemein als eine Krankheit angesehen, die man in sich niederkämpfen muß. Ist jemand mit diesem Steinleben nicht zufrieden, so sagt man wohl: er ist ein unnatürlicher Mensch; was so viel heißen soll: er weiß nicht, was Gott für den Menschen bestimmt hat.

    Der Papalagi ist ein Mensch mit besonderen Sinnen. Er tut vieles, das keinen Sinn hat und ihn krank macht, trotzdem preist er es und singt sich selber ein schönes Lied darauf.
    http://papalagi.de.vu/

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • guiri
    • 23. Juni 2011 13:36 Uhr

    "Einige haben wohl viel Sehnsucht nach Wald und Sonne und viel Licht;"
    Genau deshalb ist es gut dass die meisten Menschen in Städten wohnen. Würden im dicht besiedelten Europa alle "im Wald" wohnen, gäbe es bald keinen Wald mehr sondern nur noch Siedlungsbrei. Also, dankt dem Städter und lasst den Wald Wald sein.

    • vmue
    • 23. Juni 2011 18:35 Uhr

    Der 'Papalagi' (Steinmensch), eine wunderbar authentisch
    klingende Sicht aus dem Blickwinkel seines Gegenparts, hat jedoch nicht nur die in den Himmel wachsende steinerne Truhe sowie das Hasten und Jagen nach dem 'runden Metall' entwickelt, sonder Welten wie die der Musik, der Schönen Künste und der philosophisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die dem reinen Naturmenschen verschlossen bleiben.
    Wer aber von diesen Geistern durchdrungen ist, wird sich zwangsläufig aufmachen, ihren Widerhall in den Schauspielen und der alle Sinne erfassenden Offenheit der Natur zu suchen.
    Eine solche Synthese, die den Mammon und die urbane Steintruhe nicht ausschließt, aber auf das notwendige Maß beschränkt(!), wäre für mich lebenswert.
    Stadtneurotikern und Natureremiten fehlt jeweils etwas, das sie selbst vermutlich gar nicht vermissen.

  2. Ich habe lange in einem relativ abgelegenen Dorf gewohnt und fand es dort unheimlich trist. Seit ich in einer Großstadt wohne, geht es mir deutlich besser.

    Im Übrigen gibt es positiven und negativen Stress (Eu- und Distress). In einer Großstadt tritt beides häufiger auf.

  3. Selbst die beste und genaueste Studie wird nur bedingt hilfreich sein, um Aussagen über die eigene Situation zu treffen. Die Anzahl der individuellen Faktoren ist unermesslich.
    Unterm Strich geht es einem dort am Besten, wo man sich wohlfühlt. Geht dann noch das Lebenskonzept auf, stimmt's überhaupt.
    Man sollte also herausfinden und berücksichtigen, was einem gerade gut tut. Als Kind fand ich's super, draußen im Grünen spielen zu können. Als Jugendlicher wäre ich in einem kleinen Dorf eingegangen. Heute wohne ich in der Natur und genieße das kulturelle Angebot und die sozialen Kontakte der nahen Großstadt...

    • mik28
    • 23. Juni 2011 13:31 Uhr

    fragt doch mal die Hühner.

    • guiri
    • 23. Juni 2011 13:36 Uhr

    "Einige haben wohl viel Sehnsucht nach Wald und Sonne und viel Licht;"
    Genau deshalb ist es gut dass die meisten Menschen in Städten wohnen. Würden im dicht besiedelten Europa alle "im Wald" wohnen, gäbe es bald keinen Wald mehr sondern nur noch Siedlungsbrei. Also, dankt dem Städter und lasst den Wald Wald sein.

  4. was schon lange klar ist. Insgesamt geht es in der Großstadt deutlich stressiger zu.

    AUf dem Land gibt es auch nicht lange nicht so große Unterschiede im Einkommen, der kulturellen Herkunft und des Bildungsstandes. Die meisten sind dort halt einfache Leute, denen es materiell gesehen recht gut geht. Natürlich erzeugt das dann auch weniger sozialen "Stress", das Leben ist dafür auch deutlich lanweiliger.

    • Ende
    • 23. Juni 2011 14:11 Uhr

    Es fehlt vollkommen die Herkunft und Bildungsniveau und Anspruch der Eltern.
    Es ist doch ein Unterschied ob Jemand seit 500 Jahren
    in dieser ländlichen Gegend lebt und da von Land/Waldwirtschaft/Handwerk u.ä. lebt Jeder sein Ein/Auskommen hat seinen "Grund und Boden".
    in dem Fall dürften ihm Stress bei Matheaufgaben oder
    Prüfungsdruck im allgemeinen weniger ausmachen.
    Oder ob Jemand zufällig in ein Dorf verschlagen worden ist
    in dem "alle im Gefühl gehen" sich gegenseitig kennen und einschätzen können - die dafür weniger Wert auf Verhalten
    und Sprache und stimmige Aussagen legen.
    Aber auch das kann sich angleichen wie wir in den letzten 20 Jahren in Deutschland gesehen haben.
    Wenn "ganz Deutschland ist ein Dorf" sein soll so Kohl 1995
    dann werden eben alle "egal" ohne Zeitgefühl ohne Gefühl für Sinn / Unsinn - wahr/unwahr usw.> Wahnsinnig!
    Es hängt davon ab aus welchem meist ländlich strukturierten Land man kommt in das einst die Eltern aus einer Großstadt verschlagen worden sind um auch in Städten im Stress zu sein
    Denn: Sich feindlich gegenüber stehende Länder bestehen nur aus Dummheit/en und Vorurteilen größtmöglichen Frechheiten hier wie da wie dort. Mit "schizophren" sind sie überall eher vorsichtig. Nur im Falle von Bewegung/Wechsel/ weg sein - da "wissen" alle alles ganz genau.
    1. BEGRIFFE müssen neu definiert werden.
    Die werden nur noch benutzt und niemand weiss was sie
    bedeuten und wenn dann wird der Sinn verfälscht/
    ent/verfremdet! Was Neues ...

  5. den man nicht zu lesen braucht, denn Depressionen und Ängste gibts auf dem Lande und in der Stadt.

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