Psychologie der Gewalt"Du darfst nicht immer töten"

Lust auf Gewalt: Der Neuropsychologe Thomas Elbert erforscht, warum manche Menschen Spaß an Gewalt empfinden. Der Mensch sei von Natur aus aggressiv, sagt der Forscher. von 

ZEIT ONLINE: Herr Elbert, ist jeder Mensch dazu fähig, einem anderen den Kopf einzuschlagen?

Thomas Elbert: Ich bin überzeugt, dass der Mensch darauf ausgelegt ist, Gewalt auszuüben. Menschen können Menschen töten, und in primitiven Kulturen tun sie das auch. Die Untersuchungen steinzeitlicher Kulturen zeigen, dass die Hälfte aller Männer erschlagen worden ist. Und von unserer genetischen Zusammensetzung sind wir nicht großartig anders als der Steinzeitmensch. Die Bereitschaft zu töten, war damals keine psychopathologische Variante, die selten auftritt. Es war die Regel.

ZEIT ONLINE: Nun überstehen die meisten von uns den Alltag heute recht unversehrt. Woran liegt das?

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Thomas Elbert
Thomas Elbert

ist Professor für klinische und Neuropsychologie an der Universität Konstanz und erforscht die Psychobiologie menschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft.

Elbert: Schon im Alten Testament steht "Du sollst nicht töten!" oder "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Ich darf einem anderen nur das antun, was er mir zuvor angetan hat – und nicht gleich seine ganze Sippe umbringen. Vor 3.000 bis 4.000 Jahren waren diese Erkenntnisse ein Riesenfortschritt. Im Neuen Testament folgte dann "Dem anderen die Wange hinhalten". Die Sätze haben eines gemeinsam, sie definieren ein friedliches Miteinander. Dass wir heute im Alltag weniger töten, ist eine kulturelle Errungenschaft – von unserer Biologie haben wir uns seitdem kaum verändert.

ZEIT ONLINE: Aber jeder scheint auch das Potenzial in sich zu tragen, ein Mörder zu sein.

Elbert: Unter Säugetieren gibt es innerhalb einer Art bestimmte Mechanismen, die sie davon abhalten, sich gegenseitig zu töten. Ein Hund bringt nicht ohne weiteres andere Hunde um. Ein Programm in seinem Hirn sagt: Das machst du nicht! Das senkt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass ein Hund einen anderen umbringt. Der Mensch hat das nicht, da er keine dieser intraspezifischen Tötungshemmungen hat. Er stammt ursprünglich von Vegetariern ab und ist erst zum Jäger geworden. Ein Tier mit einem Knüppel, einem Stein oder Speer zu erlegen, musste er lernen. Die Jagd ist hart – ein Mensch muss viel entbehren und Schmerzen in Kauf nehmen. Daher ist es gut, wenn sie Spaß macht, und es nicht bloß um die Kalorienaufnahme geht.

ZEIT ONLINE: Warum sind manche Menschen gewaltbereiter als andere?

Elbert: Im Kindergarten bringen wir den Kleinen bei, dass sie anderen Kindern nicht eins mit der Schaufel über den Kopf geben dürfen. Manche Betreuer erziehen durch belohnen und bestrafen, andere erziehen – und das ist der bessere Weg –, indem sie eine positive Lebensweise vorleben. Die Kinder lernen dann durch Nachahmung das richtige Verhalten. Fehlen die Vorbilder, leben die Kleinen das aus, was ihre Biologie ihnen sagt.

ZEIT ONLINE: Was setzt diese Hemmmechanismen für Gewalt außer Kraft?

Elbert: Wenn ein Mensch etwa in der Kindheit extremem Stress ausgesetzt ist. Diese Kinder haben ein reduziertes Arbeitsgedächtnis, lösen viele Aufgaben schlechter und haben ihre Aggressionen weniger im Griff. Sie gehen schneller in den Modus "Kampf-oder-Flucht" über. Kinder mit einem guten Arbeitsgedächtnis haben sowohl ihre Gefühle als auch ihr Verhalten besser unter Kontrolle.

Leserkommentare
    • zacc
    • 18. August 2011 13:01 Uhr

    "Wie ist das, wenn Du tötest? Die meisten sagen dann: Das erste Mal war schrecklich. Ich musste mich übergeben und mir war ganz schlecht. Das zweite Mal ging es schon, und beim dritten Mal spürte ich ein unglaubliches Gefühl der Macht und der Euphorie."

    Da der Mensch laut Interview ja keinen angeborenen Widerinstinkt gegenueber dem Toeten hat, waere es jetzt interessant zu wissen welche Entwicklung hinter dem zitierten Satz genau steckt.
    Sind es anerzogene Hemmungen die da erst beim dritten Toeten ueberwunden sind (vlt im Umfeld von staendiger Gewalt eher weniger wahrscheinlich), oder handelt es sich doch um einen Mechanismus der einen Skrupel vor dem Toeten empfinden laesst ?

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    Stumpft in erster Linie ab. Die Alternatie wäre, verrückt zu werden, wie es ja auch vielen Soldaten ging.

    Zusätzlich kommt es auch auf die Werte an. Wer innerhalb der Ideologie der Nazis von dieser überzeugt aufwuchs, sah zB dadurch Juden und Co schlichtweg nicht mehr als Menschen oder lebenswert an. Und wenn etwas für einen keinen Wert hat, hat man auch kein Problem, es zu zerstören.

    Dass jedes Leben einen wert hat, ist sicherlich mit entsprechender Wertbildung verbunden. Dass kein anderes Leben eine Wert hat, womöglich nichtmal das eigene, aber ebenso.

    Von Natur aus denkt jedes Lebewesen zuerst an sich, dann an sein direktes, im wertvolles Umfeld und der Rest interessiert einfach nicht wirklich, sprich, das wird weder einfach so bedroht, noch wird diesem geholfen.

    Und gerade dieses unbestimmte Desinteresse ist eben durch Zivilisation formbar.

  1. ...wäre der Mensch zwangsweise ausgestorben.

    Die Frage ist doch nicht nach dem "ob", sondern dem "wann/weshalb".

    Welcher Mensch übt schon völlig grundlos Gewalt aus? Das ist ein 0,00000x% Anteil.

    Insgesamt würed ich gerne mal wissen, wie man steinzeitliche Kulturen untersuchen will. Man hat hier und da einzelne Funde, aus denen man sich (auf gut Glück) etwas zusammenreimen kann. Aber ich weiß nichts, von hundertausenedn Leichenfunden, an denen man das klar festmachen könnte.

    Dass der Mensch sich nicht dermaßen groß von seinen weit entfernten Vorfahren unterscheidet, ist sehr wahrscheinlich, aber das Gespinst des sich aus blankem "Spaß" oder "Trieb" abschlachtenden Urzeitmenschen halte ich für ein Hirngespinst, solange es da nicht klare Beweise für gibt.

    Ein paar uralte Funde oder Aufzeichnungn reichen dafür nicht annähernd aus.

  2. "Die Untersuchungen steinzeitlicher Kulturen zeigt, dass die Hälfte aller Männer erschlagen worden ist."

    Ich bin überzeugt davon, die Archäologie wird nach diesem Interview nicht mehr dieselbe sein, vermutlich laufen jetzt schon die Telefondrähte, pardon, Handysequenzen heiss...

    Von welchen Untersuchungen spricht Herr Elbert denn? Warum wird an der Stelle nicht nachgefragt?

    Wie jemand weiter oben schon fragte, welche Phase der Steinzeit denn? Welche Kulturen? Welcher Zeitraum?

    Wenn man überhaupt pauschale Aussagen machen kann, dann doch eher, dass die steinzeitlichen Verhältnisse tendenziell friedlicher waren, und es erst mit der Jungsteinzeit (Sesshaftwerdung, zunehmende Bevölkerung, Sichern der fruchtbaren Böden / besten Siedlungsplätze) sowie dann der Bronzezeit (Anhäufung von Besitz) zu zunehmenden Auseinandersetzungen kam. Wie gesagt, wenn man überhaupt pauschalierende Aussagen machen will.

    Solange die Menschen nicht so zahlreich waren, dass sie sich aus dem Weg gehen konnten und genug Nahrungsmittel ohne größere Anstrengung verfügbar war, scheint es weniger gewaltsame Konflikte gegeben zu haben.

    Und wieso verwendet Herr Elbert den Begriff "primitive Völker"? Ich dache, das sei in der Ethnologie schon seit mehr als 20 Jahren out?

    • TSHR
    • 18. August 2011 13:09 Uhr

    Dr. Hüther erläuterte mal in einem Vortrag, dass die Forschung oft dem Problem unterliegt, dass sie bereits mit einer Idee oder einer Erwartungshaltung an die Untersuchung herantritt. Ich glaube, dass Hr. Elbert genau dieser Fehler unterlaufen ist.

    Er sagt: "Frauen sind eher reaktiv. Werden die Kinder bedroht, schlägt eine Mutter mit allem zurück. Die Lust, jemanden zu überfallen, verspürt sie in der Regel nicht. Männer hingegen finden Gefallen daran, einem Tier nachzujagen und es zu erlegen. Sie versuchen, ihren Willen durchzusetzen und weisen dementsprechend andere Verhaltensweisen auf. Sie üben Gewalt um der Gewalt willen aus, empfinden Spaß daran."

    Das stimmt so nicht!

    Neurobiologen haben zum Beispiel herausgefunden, dass verbale Gewalt die gleichen Hirnregionen bedient, wie bei körperlicher Gewalt.

    Da Frauen "anders gebaut" sind als Männer, bedienen sie Gewalt auch anders. Sie wenden schwerpunktmäßig verbale Gewalt an. Sie jagen nicht, sie mobben. Sie unterdrücken nicht "im klassischen Sinne" aber sie besitzen die Fähigkeit andere von sich emotional abhängig zu machen (auch das ist eine Form der Unterdrückung).

    Kürzlich habe ich eine Dokumentation über "Gangs" angeschaut. Auch Frauen waren Mitglieder dieser Gruppe und genossen es, Macht auszuüben.

    Somit kann ich es nicht mehr hören, dass Frauen die besseren, gewaltfreieren Menschen sein sollen. Ich selbst bin Frau u. schätze Experten, die keinem idealisierten Mutterbild unterliegen. Forschung muss unbefangen sein!

    2 Leserempfehlungen
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    • lonetal
    • 18. August 2011 15:18 Uhr

    Sie schreiben: "Neurobiologen haben zum Beispiel herausgefunden, dass verbale Gewalt die gleichen Hirnregionen bedient, wie bei körperlicher Gewalt."

    Wenn Sie statt von "verbaler Gewalt" zu sprechen, "Sprachgewalt" sagen, ist die Sache von vorneherein klar. Wobei sich die Frage anschließt: Wie wehrt sich der, der über Sprachgewalt nicht verfügt?

    Die Antwort lässt sich nicht nur auf vielen Schulhöfen finden, sondern auch bei einem Blick in die Medien, wo Menschen (Journalisten) Tag für Tag und gedankenlos ihre Sprachmacht in Sprachgewalt ummünzen.

    Ich halte das inzwischen für ein Kernproblem der Demokratie.

    • wigum
    • 18. August 2011 13:10 Uhr

    Wenn ich die Kommentare hier so sehe merke ich, dass ich die "Zeit" dringend wieder in Papierform lesen muss. Diese ganzen Besserwisserkommentare gehen einem tierisch auf den Nerv.
    Da merkt man das manche/r sein verbales Gewaltpotential nicht im Griff hat sobald sie nicht das zu lesen bekommen wovon sie persönlich überzeugt sind.

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    ...mit einem derart aggressiven Kommentar. ;)

  3. Bezieht sich aber auf Bedrohung oder vll noch Fortpflanzung, also um Weibchen, wobei das nicht bei allen Tierarten der Fall ist und jeder selbst entscheiden muss, ob er sich selbst als "Vieh" sieht.

    Grundlose Gewalt wäre ansonsten nur eines: Eine enorme Energieverschwendung und damit tödlich für jede Spezies.

    Gewalt wird in der Geschichte der Menscheit künstlich erzeugt, meist aus Gier. Nutzen für die Menschheit? Keiner, ganz im Gegenteil. Durch das, was uns in der Natur nunmal einzigartig macht, nämlich den menschlichen Intellekt, haben wir dennoch überlebt, hätte es aber ohne die Gier schon viel weiter geschafft. Und Gier ist auch nichts typisch menschliches, denn sie ist nicht sonderlich verbreitet, sonst würde sich die große Masse nämlich nicht derart ausnutzen lassen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gegen die Natur?"
  4. Da haben Sie Ihren Klaps.

  5. 32. Hm....

    So gut wie nie?

    Sonderlich lange ist das sowieso nicht möglich. Die Umstände waren meist eher schlecht.

    Wenn die Frage allerdings lautet, wie oft wurde das vorgegeben - nun, das tun gerade Diktaturen sehr gerne.

    Sie können mir ja aber gern ein Beispiel nennen. Wäre schon interessant. Aber bitte schon etwas genauer, nur irgendwelche Behauptungen reichen nicht, ich möchte schon ein Land oder eine Zivilisation sehen, die es ernsthaft versucht hat.

    Antwort auf "To whom it may concern"
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    • Crest
    • 18. August 2011 14:10 Uhr

    dann kommt einem zunächst das Prinzip Summerhill in den Sinn. Dass es sich nicht durchsetzte, war den "meist eher schlechten Umständen" geschuldet. Oder hatte es doch andere Gründe? ;-)

    "Top down" würde man an primitiv lebende Völker denken, die prima facie wenig Aggressionen zeigen, die aber bei genauerer Betrachtung ausgefeilte Mechanismen zur Kanalisierung ihrer Aggressivität entwicklet haben. (Die !Ko sind m. W. hierfür ein gutes Beispiel.)

    Diese Mechanismen funktionieren in einem geschützten Bereich bei hinreichender Stabilität der äußeren Bedingungen. Für eine entwickelte technische Gesellschaft deren Schnittstellen in der Globalisierung immer mehr verschwimmen ist das kein Modell.

    Versuchte man es dennoch, dann erforderte dies - wie Sie schon treffend festellten - diktatorische Regime.

    Ein Nebenaspekt unserer Debatte halte ich für interessant, und er scheint auch Ihrer Frage zugrunde zu liegen.

    Was wäre daran so schlimm, wenn die (innerartliche) Agressivität angeborene Auslöser besitzt und sich nicht nur als "anerzogen" herausstellt?

    Äußert sich in dieser Einstellung eine Art Prüderie, die einen letztlich hindert, mit Aggressivität angemessen umzugehen?

    Ist Aggressivität immer Sünde?

    (Mein Antwort darauf kennen Sie.)

    Herzlichst Crest

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  • Schlagworte Gewalt | Psychologie | Computerspiel | Osama bin Laden | Alkohol | Biologie
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