Journalisten, Kameramänner und Fotografen auf einer Pressekonferenz in Berlin © Oliver Weiken/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Krämer, man könnte den Eindruck gewinnen, 2011 sei bislang ein besonders gefährliches Jahr: Ob Dioxin-Skandal und Ehec in Deutschland, zerstörerische Tornados in den USA oder die anhaltende Atomkatastrophe in Japan .

Walter Krämer: Heute ist die Gefahr, durch ein Unglück zu Tode zu kommen, nicht größer als zu anderen Zeiten. Durch die Strahlenfolgen der Reaktorunfälle in Fukushima ist bisher kein Mensch gestorben. Dennoch nahmen sie viele als immense Bedrohung wahr. Die eigentliche Katastrophe wurden hingegen nahezu ignoriert: das Beben und der Tsunami. Viele Tausend Menschen sind dabei umgekommen.

ZEIT ONLINE: In Ihrem gerade erschienenen Buch Die Angst der Woche gehen Sie der Frage nach, ob gerade die Deutschen eine Nation von Panikmachern sind. Und?

Krämer: Die Fakten sprechen dafür. Ich habe unter anderem verschiedene Tageszeitungen aus Deutschland mit internationalen Titeln verglichen. Da kam etwa raus, dass die Frankfurter Rundschau etwa viermal so viele Panikmeldungen verbreitet wie der Figaro in Frankreich. Oder BSE: In der Süddeutschen Zeitung tauchte der Begriff zwischen 2000 – 2010 rund zweimal so häufig auf wie in der britischen Tageszeitung The Guardian .

ZEIT ONLINE: Warum sind wir so ängstlich?

Krämer: Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung hat mal postuliert, dass es ein kollektives Unterbewusstsein gibt. Demnach sind die Mitteleuropäer – und speziell die Deutschen – kollektiv ängstlicher als andere wegen der Erfahrungen, die sie in der Geschichte gemacht haben. Das beginnt mit dem 30-jährigen Krieg, in dem ein Drittel der Bevölkerung durch Gewalt umgekommen ist. Dieses traumatische Erlebnis haben viele Deutsche wohl lange nicht verdaut. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist der Zweite Weltkrieg.

ZEIT ONLINE: Und heute sind die Medien Schuld?

Krämer: Das könnte tatsächlich eine Erklärung für die Überreaktion in Deutschland sein. Die Unterschiede zwischen den teutonischen, gallischen, angelsächsischen und japanischen Intellektuellen hat der norwegische Friedensforscher Johann Galtung mal untersucht. Dabei stellte er den deutschen Intellektuellen – zu denen sich die Journalisten ja gerne zählen – ein eher schlechtes Zeugnis aus: Sie seien zu unflexibel, würden zu sehr an ihren Theorien hängen und diese mit allen Mitteln verteidigen. Die Rigidität der Deutschen führt dazu, dass sie sich in alle möglichen Irrwege verrennen. Die Angelsachsen sind da anders: Taugt eine Theorie nicht, schmeißen sie diese über Bord und verwenden eine andere.

Das ist eher ein Glaubenskrieg als ein Austausch von Argumenten.
Walter Krämer

ZEIT ONLINE: Wer müsste sich demnach eher ändern, der Journalist oder der Leser?

Krämer: Die Medien sollten sich auf ihre Rolle als Berichterstatter und Chronist konzentrieren. Zu viele Journalisten verstehen sich jedoch als Prediger und Weltverbesserer. Sie tun so, als wüssten sie, wie die Welt funktioniert und wie sie aussehen müsste. Das hindert sie daran, objektiv zu berichten.