Demenz-Forschung "Angehörige Demenzkranker brauchen Hilfe von außen"
Die Früherkennung von Alzheimer kann Menschen in die Depression stürzen, sagt Demenzforscher Konrad Beyreuther im Interview. In der Therapie stehe man noch am Anfang.
Frage: Alzheimer-Erkrankungen nehmen zu, sie machen uns Angst, sie belasten nicht zuletzt unser Gesundheits- und Sozialsystem. Wird für die Forschung genug getan?
Konrad Beyreuther: Weltweit forschen mehr als 25.000 Wissenschaftler über Alzheimer und andere Formen der Demenz. Es werden große Anstrengungen gemacht, aber das ist noch längst nicht genug, wenn man bedenkt, dass die Krankheit pro Tag allein in Deutschland 120 Millionen Euro kostet, weltweit über 1,5 Milliarden. Die zur Verfügung gestellten Mittel reichen nicht, insbesondere wenn man bedenkt, dass ohne eine wirksame Therapie oder Prävention die Zahl der Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen weltweit von heute 36 Millionen sich alle zwanzig Jahre verdoppelt und im Jahr 2050 auf 115 Millionen anwachsen würde. Die Amerikanische Alzheimer-Gesellschaft fordert eine siebenfache Erhöhung der Forschungsförderung.
Frage: Gibt es nennenswerte Fortschritte auf dem Weg zu einer echten Behandlung?

Konrad Beyreuther (70) leitet das Netzwerk Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Der Chemiker ist der bekannteste deutsche Alzheimerforscher.
Beyreuther: Es gibt spannende Ansätze, um den Prozess zu verlangsamen, der im Gehirn zur Ablagerung der schädlichen Eiweiße führt. Inzwischen können wir auch messen, ob sie wirken. Man kann Substanzen ins Blut spritzen, die die Ablagerungen im Hirnscanner sichtbar machen, und das schon einige Jahre vor Ausbruch der Erkrankung. Wir können anhand verschiedener Marker Menschen identifizieren, bei denen der Alzheimer-Prozess läuft, die Krankheit aber erst in drei bis vier Jahren ausbrechen wird.
Frage: Heißt das, jeder sollte sein Gehirn spätestens mit 60 Jahren genauestens mittels moderner Bildgebung untersuchen lassen?
Beyreuther: Nein, davor möchte ich ausdrücklich warnen! Wir haben noch keine sichere Möglichkeit, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Die frühe Diagnose einer Jahre später drohenden Demenz kann Menschen in eine Depression stürzen, die fast nicht zu bändigen ist. Wir müssen im Moment auf die Wissenschaft setzen und alle Möglichkeiten der guten Pflege voll nutzen.
Frage: Nützen Gedächtnistraining oder Pillen mit Ginkgo oder anderen Substanzen zur Vorbeugung?
Beyreuther: Effektives Gedächtnistraining ist fünf Mal pro Woche 30 Minuten Bewegung in anregender Umgebung, am besten mit Menschen, mit denen man sich unterhält. Ein diesbezüglicher Nutzen von Medikamenten konnte in Studien bisher nicht belegt werden.
Frage: Immer wieder heißt es, dass Bildung einen gewissen Schutz vor geistigem Verfall biete. Das Schicksal von Prominenten wie Walter Jens, dessen Familie mit der Erkrankung in die Öffentlichkeit ging, spricht dagegen. Bei wem ist Alzheimer Schicksal?
Beyreuther: Wir wissen, dass Menschen mit einer bestimmten Variante des ApoE4-Gens ein erhöhtes Risiko tragen. Sie würden besonders von Medikamenten profitieren. Das gleiche gilt für kleine, oft unmerkliche Gehirnschläge. Andererseits gibt es auch Schutzgene. Es stimmt also: Einiges an Alzheimer ist Schicksal.
Frage: Stimmt der Eindruck, dass immer mehr Jüngere an einer Demenz erkranken?
Beyreuther: Nein, wenn dieser Eindruck entsteht, dann wegen der früheren und besseren Diagnostik. Zwar wird weltweit nach wie vor nur jeder dritte Alzheimer-Patient als solcher erkannt. Doch jüngere Patienten kommen häufiger in die psychiatrischen Kliniken, um abklären zu lassen, was mit ihnen los ist. Das heißt nicht, dass sie insgesamt mehr würden. Ich glaube eher, dass der selbstverständliche Umgang mit Computern und die steigende Anzahl von Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen Schutzfaktoren darstellen und dazu beitragen werden, dass die Zahl der Menschen mit Alzheimer Krankheit in Zukunft nicht so drastisch ansteigen wird wie erwähnt.
Frage: Was trägt dazu bei, das Leben mit einer Demenz so angenehm wie möglich zu gestalten?
Beyreuther: Jeder Patient ist anders, jedes Gehirn wird anders zerstört, jeder Mensch hat seine besondere Biografie. Es wäre schön, wenn Pflegekräfte von jedem Menschen wüssten, wie sein Leben ausgeschaut hat und was ihm persönlich besondere Freude macht. Schimpfen hilft gar nichts, guckt Euch den Gesichtsausdruck an, kann man nur immer wieder sagen.
Frage: Angehörige wissen am meisten über die Erkrankten. Doch mit der Betreuung sind sie auch besonders belastet.

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Beyreuther: Mitzuerleben, wie die Scheune der Erinnerung abbrennt, ist schwer. Ich habe es bei meiner eigenen Mutter gesehen. Man braucht Hilfe von außen, wie sie die Selbsthilfegruppen anbieten. Pflegende Angehörige müssen unbedingt auch an sich denken. Und die Gesellschaft hat eine Bringschuld. Familien müssen mit ihren demenzkranken Angehörigen in ein Restaurant gehen dürfen, ohne dass sich jemand davon belästigt fühlt.
Frage: Gibt es irgendetwas Tröstliches an dieser beängstigenden Krankheit?
Beyreuther: Das Gute an Alzheimer ist, dass man lernen kann, den Tod willkommen zu heißen. Anders als bei vielen anderen Krankheiten und Behinderungen ist es oft eine Erlösung, wenn dieser Mensch sterben kann. Ich möchte aber noch eine allgemeine Aufforderung an Ihre Leser loswerden: Bitte macht Euch heute, als Gesunde, keine Sorgen! Probleme löst man erst dann, wenn sie da sind.
- Datum 21.09.2011 - 09:54 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
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Ich würde gerne zwei Anmerkungen machen.
1) Menschen haben eh schon extreme Probleme damit, nicht von Einzelschicksalen auf die Gesamtheit zu schließen. Wenn dann von Journalisten noch Fragen gestellt werden, die diesen Trugschluss legitimieren, dann wird sich die Situation nie verbessern. Gemeint ist: "Immer wieder heißt es, dass Bildung einen gewissen Schutz vor geistigem Verfall biete. Das Schicksal von Prominenten wie Walter Jens, dessen Familie mit der Erkrankung in die Öffentlichkeit ging, spricht dagegen." Wo spricht Walter Jens Schicksal gegen die Behauptung? Die Behauptung lautet ja nicht: "Bildung immunisiert vor Demenz".
2) "Familien müssen mit ihren demenzkranken Angehörigen in ein Restaurant gehen dürfen, ohne dass sich jemand davon belästigt fühlt." Naja mir würde schon ausreichen, dass man diese Belästigung tolleriert.
Ein Zusammenhang zwischen Bildung und Demenzerkrankung stellt sich so direkt nicht dar. Deswegen ging der Wissenschaftler auch nicht darauf direkt ein. Aber in der Bevölkerung existiert dieses Vorurteil.
Entscheidend ist es, wie man es im eigenen Leben erreicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wenn man sich mit Themen beschäftigt, die das Reflektieren der Welt und des Ich fördern, dann mag es wohl eher so kommen können, dass man zumindest sich selbst in der Demenz nicht verliert.
Viele Menschen, so erlebe ich es, der ich seit fast 30 Jahren in der Altenpflege tätig bin, leben ein fremdbestimmtes Leben und haben dann in der Demenz keine Möglichkeiten, sich Selbst zu spüren; denn sie kennen sich selbst gar nicht wirklich. Dann wird diese Erkrankung zur Hölle. Aber, so erlebe ich es immer wieder, wenn Menschen ein reflektiertes und selbstbestimmtes Leben leben konnten, dann haben sie zumindest eine Chance, auch in der Demenz selbstbestimmt zu bleiben und die positiven Seiten des Lebens auch weiterhin, wenngleich vermindert, zu erleben.
Die Bildung spielt also nur indirekt eine Rolle insofern, als dass sie zur Reflexion und Selbstbestimmtheit führen kann. Das ist natürlich nicht zwangsläufig so. Die Bildung kann auch vom Selbst wegführen, so sie verintellektualisiert praktiziert wird. Dann nützt auch in der Demenz die Bildungsebene nichts, da auch Verintellektualisieren eine Form der Fremdbestimmtheit ist. - Aber das ist ein weites Feld...
Ein Zusammenhang zwischen Bildung und Demenzerkrankung stellt sich so direkt nicht dar. Deswegen ging der Wissenschaftler auch nicht darauf direkt ein. Aber in der Bevölkerung existiert dieses Vorurteil.
Entscheidend ist es, wie man es im eigenen Leben erreicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wenn man sich mit Themen beschäftigt, die das Reflektieren der Welt und des Ich fördern, dann mag es wohl eher so kommen können, dass man zumindest sich selbst in der Demenz nicht verliert.
Viele Menschen, so erlebe ich es, der ich seit fast 30 Jahren in der Altenpflege tätig bin, leben ein fremdbestimmtes Leben und haben dann in der Demenz keine Möglichkeiten, sich Selbst zu spüren; denn sie kennen sich selbst gar nicht wirklich. Dann wird diese Erkrankung zur Hölle. Aber, so erlebe ich es immer wieder, wenn Menschen ein reflektiertes und selbstbestimmtes Leben leben konnten, dann haben sie zumindest eine Chance, auch in der Demenz selbstbestimmt zu bleiben und die positiven Seiten des Lebens auch weiterhin, wenngleich vermindert, zu erleben.
Die Bildung spielt also nur indirekt eine Rolle insofern, als dass sie zur Reflexion und Selbstbestimmtheit führen kann. Das ist natürlich nicht zwangsläufig so. Die Bildung kann auch vom Selbst wegführen, so sie verintellektualisiert praktiziert wird. Dann nützt auch in der Demenz die Bildungsebene nichts, da auch Verintellektualisieren eine Form der Fremdbestimmtheit ist. - Aber das ist ein weites Feld...
Ja, die Pharmaindustrie verdient erst, wenn der Alzheimer da ist.
Wenn man selbst aber nicht verblöden will (und nichts anderes ist es doch), muss man sehr wohl schon etwas tun, bevor das Problem da ist. Und außerhalb Deutschlands weiß man auch wie:
1. Die tägliche Zufuhr von Vitamin E korreliert invers mit dem Auftreten von Alzheimer: Je mehr Vitamin E desto weniger Alzheimer. (Am. J. Clin. Nutr., 81, (2): 508, 2005)
2. Omega-3-Fettsäuren senken das Erkrankungsrisiko bei Gesunden! um bis zu 70 Prozent. (Arch. Neurol., 60: 940, 2003)
3. Zusätzlich Folsäure verringert das Erkrankungsrisiko signifikant. (Arch. Neurol., 64: 86, 2007)
Die jährlichen Kosten für die Behandlung von Alzheimer belaufen sich auf 248 Milliarden Dollar, ein Großteil davon sind Einnahmen der Pharmakonzerne. Da ist die weitere Volksverdummung à la "man braucht keine zusätzlichen Vitamine" vermutlich nur ein Zufall, oder?
Außerdem ist ebenfalls bekannt, dass die Kombination von Bluthochdruck und Diabetes das Risiko an Alzheimer zu erkranken versechsfacht.
Aber solange Patienten lieber Statine, Betablocker und Psychopharmaka schlucken als an ihrem Lebensstil was zu ändern, und Ärzte nur glauben, was ihnen die Pharmareferenten erzählen, wird sich wohl nichts ändern.
man braucht Hilfe von außen.
Ja und wie soll die Hilfe von außen organisiert werden?
Sind Selbsthilfegruppen denn ausreichend?
Vielleicht möchte man ja mal alleine in ein Restaurant gehen, wenn man sonst pflegt.
Und vielleicht möchte man das auch mal mehrmals in der Woche tun, und nicht nur an einem freien Nachmittag.
Wer soll das bezahlen? Wenn man es nicht selbst kann, wird es mit steigenden Zahlen dementer Menschen unwahrscheinlicher, dass diese Kosten von der Allgemeinheit der Einzahler in die Kassen übernommen werden können.
Wer soll das bezahlen? Wenn man es nicht selbst kann, wird es mit steigenden Zahlen dementer Menschen unwahrscheinlicher, dass diese Kosten von der Allgemeinheit der Einzahler in die Kassen übernommen werden können.
Wer soll das bezahlen? Wenn man es nicht selbst kann, wird es mit steigenden Zahlen dementer Menschen unwahrscheinlicher, dass diese Kosten von der Allgemeinheit der Einzahler in die Kassen übernommen werden können.
Nur zur Präzisierung: Demenz ist nicht der Alzheimer Krankheit gleich zu setzen.
Nur zur Präzisierung: Demenz ist nicht der Alzheimer Krankheit gleich zu setzen.
Nur zur Präzisierung: Demenz ist nicht der Alzheimer Krankheit gleich zu setzen.
für den Patienten und auch für die Angehörigen.
für Erkrankungen des Hirns im Alter und "Altzheimer" ist eine Form der Demenz. So heißen Diagnosen oft: "Demenz vom Typ Altzheimer I oder II" Ein typisches Altzheimer_Symptom z.B. ist es, dass man die Uhr, die analoge mit Ziffernblatt, nicht mehr lesen kann. Aber eine digitale kann man lernen zu lesen, indem man wiederum die Zahlen zu interpretieren lernt. Das funktioniert bei Altzheimerkranken oft. Hier aber ist Voraussetzung, dass man abstrahieren gelernt hat, also schlussfolgern kann, dass es bei 23 Uhr 45 eben kein Mittagessen gibt, sondern dass es Mitternacht ist.
für den Patienten und auch für die Angehörigen.
für Erkrankungen des Hirns im Alter und "Altzheimer" ist eine Form der Demenz. So heißen Diagnosen oft: "Demenz vom Typ Altzheimer I oder II" Ein typisches Altzheimer_Symptom z.B. ist es, dass man die Uhr, die analoge mit Ziffernblatt, nicht mehr lesen kann. Aber eine digitale kann man lernen zu lesen, indem man wiederum die Zahlen zu interpretieren lernt. Das funktioniert bei Altzheimerkranken oft. Hier aber ist Voraussetzung, dass man abstrahieren gelernt hat, also schlussfolgern kann, dass es bei 23 Uhr 45 eben kein Mittagessen gibt, sondern dass es Mitternacht ist.
M. E. muss es etwas geben, was auch die pflegebedürftige Demenz im Alter aufhalten kann. So wie man durch körperliches Training gelenkig bleiben kann und mit weniger Gewicht besser zu Fuss gehen so müsste es auch fürs Hirn ein Training geben.
Man hat die Methode vielleicht noch nicht gefunden. Vielleicht wäre das Arbeiten bis 67 eine Möglichkeit aber ohne Verstand und körperliches Wohlbefinden zersetzende Armut und blödsinnigen unkonstruktiven Stress.
für den Patienten und auch für die Angehörigen.
Schon richtig. Und dennoch meine ich, es wäre wichitg zu unterscheiden, damit nicht durch vorschnelle Diagnosen unrichtige Massnahmen getroffen werden und man genau hinschaut. Es geht immerhin um Menschen, die sich in der Regel nicht wehren können.
Schon richtig. Und dennoch meine ich, es wäre wichitg zu unterscheiden, damit nicht durch vorschnelle Diagnosen unrichtige Massnahmen getroffen werden und man genau hinschaut. Es geht immerhin um Menschen, die sich in der Regel nicht wehren können.
Ich fand den letzten Satz geradezu tröstlich, auch in dem Sinne von: "mit all euren Sorgen könnt ihr euer Leben nicht um einen Tag verlängern".Es scheint ja wohl, dass man dem Alzheimerproblem noch etwas ratlos gegenübersteht, Früherkennung macht einen jedenfalls nicht gesünder.
Der Author will einen ja nicht für dumm verkaufen, er hat als Angehöriger mit seiner Mutter sicherlich genug erlebt und hat vermutlich auch im Hinterkopf, dass er seiner Mutter möglicherweise einmal ebenfalls (mit einer Alzheimer-Demenzerkrankung) folgen könnte.
Da helfen wahrcheinlich auch keine Massen an Nahrungsergänzungsmittel (wie Vitamin E, Omega-3-Fettsäure, Gingko und wie sie alle heißen, auch wenn ihre Verkäufer genau zu wissen glauben, dass es hilft (nachgewiesenermaßen).
Bewegung, Gespräche mit Menschen, da denke ich an einen Hund für ältere Leute, Gartenarbeit, kulturelle Begängnisse, jedenfalls nicht TV-open-end...
Und alle geschürten Ängste sind hinterher oft handlicher als gedacht, die Epidemie doch nicht ganz so groß, zu dem Thema fällt mir immer das Baumsterben ein, demnach müßte es heutzutage keinen Wald mehr geben und was ist?
Also erstmal abwarten....
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