Ig-NobelpreisWo Käfer sich mit Bierflaschen paaren

Alljährlich gibt es für lustige Forschung den Ig-Nobelpreis. Nun wurden Wasabi-Warngeräte, Apokalypse-Propheten und ein Bürgermeister geehrt. von 

Wer den Ig-Nobelpreis als reinen Quatsch-Preis versteht oder gar als einen Preis für schlechte Wissenschaft, vergleichbar der Goldenen Himbeere für die peinlichsten Hollywood-Filme, der hat ihn nicht verstanden. Der "Ig", wie die eingefleischten Fans ihn knapp bezeichnen, wird vergeben für wissenschaftliche Leistungen, "die die Leute erst zum Lachen und dann zum Denken bringen", wobei die Betonung mal eher auf dem Lachen liegt und mal eher auf dem Denken.

Und so ist es überhaupt kein Widerspruch, dass etwa der Physiker Andre Geim im Jahr 2000 den Ig-Nobel bekam (dafür, dass er Frösche in einem Magnetfeld schweben ließ ) und zehn Jahre später den richtigen Nobelpreis (für seine Arbeiten zum neuen Wundermaterial Graphen ).

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Der Ig wird nun schon zum 21. Mal vergeben für skurrile, aber meist sehr ernsthaft betriebene Forschungen. Wer ihn gewinnt, fühlt sich geehrt, und inzwischen reisen fast alle Preisträger persönlich zur Verleihung an – wohlgemerkt auf eigene Kosten. Während der Zeremonie, die gestern Abend im ehrwürdigen Sanders Theatre der Harvard University im amerikanischen Cambridge stattfand , musste allerdings die ernste Seite zurückstehen. Maximal eine Minute hatten die Preisträger, um ihr Forschungsfeld vorzustellen, dann wurden sie von der achtjährigen Miss Sweety Poo und den Worten "Aufhören! Mir ist langweilig!" unterbrochen. Es galt schließlich, zehn Preise zu verleihen, eine fünfaktige Oper zur Chemie des Kaffees uraufzuführen, fünf Kurzvorträgen von Forschern zu lauschen (von Kohlenstoff-Nanoröhrchen bis zum pH-Wert der Vagina) und zwei echte wissenschaftliche Experimente zu verfolgen – innerhalb von zwei Stunden.

Und das sind die diesjährigen Ig-Nobelpreisträger:


Biologie: Daryll Gwynne und David Rentz (Kanada, Australien) für die Entdeckung, dass die Männchen einer bestimmten australischen Käferart sich mit Bierflaschen einer australischen Marke zu paaren versuchen .

Chemie: Makoto Imai, Naoki Urushihata, Hideki Tanemura, Yukinobu Tajima, Hideaki Goto, Koichiro Mizoguchi und Junichi Murakami (Japan) für die Bestimmung der idealen Dichte von Wasabi-Spray, mit dem man schlafende Menschen im Fall eines Feuers oder anderer Gefahren aufwecken kann, und die Entwicklung eines entsprechenden Wasabi-Warngeräts .

Literatur: John Perry (USA) für seine "Theorie der strukturierten Prokrastination" , deren Leitsatz lautet: "Um hohe Ziele zu erreichen, arbeite stets an etwas Wichtigem, das du benutzt, um dich von etwas noch Wichtigerem abzulenken."

Mathematik: Dorothy Martin, USA (die das Ende der Welt für das Jahr 1954 vorhersagte), Pat Robertson, USA (der das Ende der Welt für das Jahr 1982 vorhersagte), Elizabeth Clare Prophet, USA (die das Ende der Welt für das Jahr 1990 vorhersagte), Lee Jang Rim, Korea (der das Ende der Welt für das Jahr 1992 vorhersagte), Shoko Sahara, Japan (der das Ende der Welt für das Jahr 1997 vorhersagte), Credonia Mwerinde, Uganda (die das Ende der Welt für das Jahr 1999 vorhersagte) und Harold Camping, USA (der das Ende der Welt für den 6. September 1994 vorhersagte und sich später auf den 21. Oktober 2011 korrigierte) dafür, dass sie der Welt zeigten, wie vorsichtig man mit mathematischen Annahmen und Berechnungen sein muss.

Medizin: Mirjam Tuk, Debra Trampe und Luk Warlop (Niederlande und Belgien), zusammen mit Matthew Lewis, Peter Snyder, Robert Feldman, Robert Pietrzak, David Darby und Paul Maruff (USA, Australien) für den Nachweis, dass Menschen bessere Entscheidungen über manche Dinge, aber schlechtere Entscheidungen über andere Dinge treffen, wenn sie starken Harndrang verspüren .

Psychologie: Karl Halvor Teigen (Norwegen) für seine Forschungen zu der Frage, warum Menschen seufzen .

Physik: Philippe Perrin, Cyril Perrot, Dominique Deviterne, Bruno Ragaru und Herman Kingma (Frankreich, Niederlande) für die Erforschung der Frage, warum Diskuswerfern schwindelig wird und Hammerwerfern nicht .

Physiologie: Anna Wilkinson, Natalie Sebanz, Isabella Mandl und Ludwig Huber von der Universität Wien für ihre Arbeit mit dem Titel No evidence of contagious yawning in the red-footed tortoise Geochelone carbonaria ("Keine Hinweis auf ansteckendes Gähnen bei der Köhlerschildkröte Geochelone carbonaria ").

Öffentliche Sicherheit: John Senders (Kanada) für seine in den sechziger Jahren durchgeführten Experimente zur Sicherheit im Verkehr , bei der ein Proband ein Auto auf einer öffentlichen Autobahn fuhr und seine Sicht wiederholt von einem undurchsichtigen Visier verdeckt wurde.

Am meisten Applaus aber bekam gestern Abend ein Preisträger, der kein Wissenschaftler ist: Art ū ras Zuokas, Bürgermeister der litauischen Hauptstadt Vilnius, erhielt den Friedens-Ig-Nobel für eine PR-Aktion aus dem Juli dieses Jahres. In einem (inszenierten) Video zeigte Zuokas, wie man des in Litauen offenbar grassierenden Problems falsch geparkter Nobelkarossen Herr werden kann: Er walzte einen S-Klasse-Mercedes kurzerhand mit einem Schützenpanzer platt.

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Leserkommentare
  1. offenbar mache ich etwas falsch... meine eigene Prokrastinationsmethodik führt mich immer zu zeit.de

    • Ninn
    • 30. September 2011 16:29 Uhr

    Davon hab ich noch nie was gehört - aber ein toller Preis!
    Hinter dem Bürgermeister mit Panzer sind ja die Gewinner von Chemie, Physiologie und öffentliche Sicherheit meine Favoriten.
    Große Klasse ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | Australien | Japan | Kanada | Litauen | Niederlande
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