EvolutionInsekt frisst Frosch

Laufkäfer-Larven der Gattung "Epomis" haben es von der Beute zum Räuber geschafft: Statt von Kröten oder Fröschen gefressen zu werden, machen sie Jagd auf die Amphibien. von Joachim Czichos

Normalerweise frisst der Frosch das Insekt und nicht umgekehrt. Bei einigen Arten ist es allerdings genau anders herum: Laufkäfer-Larven der Spezies Epomis dejeani und Epomis circumscriptus, die ursprünglich zur Beute von Amphibien gehörten, haben den Spieß umgedreht: Sie ernähren sich heute ausschließlich von Fröschen, Kröten oder Molchen.

Israelische Biologen haben jetzt beobachtet, wie dieser einzigartige Rollentausch abläuft: Die Laufkäfer-Larven – die etwa ein Fünftel so groß sind wie ein Laubfrosch – locken ihre Beute an, beißen sich am Amphibien-Körper fest, saugen ihn aus und verzehren ihr Opfer, bis nur noch Knochen übrig bleiben. Die Erfolgsquote der Jagdtechnik liegt bei 100 Prozent, schreiben die Forscher im Fachjournal Plos One.

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Gil Wizen von der Universität Tel Aviv und Avital Gasith setzten in ihren Experimenten eine Amphibie (den Laubfrosch Hyla savignyi, den Wasserfrosch Pelophylax bedriagae, die Wechselkröte Pseudepidalea viridis oder einen Molch) in einen Behälter, in den sie bereits eine Laufkäfer-Larve der einen oder anderes Spezies aus der israelischen Küstenregion platziert hatten. Die Larve blieb zuerst reglos. Dann begann sie, ihre Antennen und Kiefer rhythmisch zu bewegen. Je näher der Frosch kam, desto schneller wurden die Bewegungen. Offenbar lockten die Epomis-Larven ihre Beute an, indem sie deren natürliches Jagdverhalten ausnutzten.

Jäger und Gejagte

Amphibien sind zugleich Räuber und Beute. Sie und ihre Larven werden jährlich milliardenfach von Feinden verspeist - von allerlei gefräßigen Wirbeltieren wie Fischen, Reptilien, Vögeln. Und ebenso von Menschen, sei es aus blanker Not oder aus Lust an der exotischen Delikatesse.

Gifte

Weil sie physisch meist wehrlos waren, brachten Frösche und Lurche im Lauf ihrer Evolution Gifte als effektive Abschreckung gegen Fraßfeinde hervor. Diese stecken in der Haut der Amphibien. Dort warten sie gleich im ersten Bissen auf potenzielle Jäger. Die tödlichsten Stoffe, die in der Natur vorkommen, zählen dazu. So kann etwa ein einziges Exemplar des knallgelben Baumsteigerfroschs Phyllobates terribilis mehr als ein Milligramm Batrachotoxin enthalten.

Der Terribilis ist durchaus treffend benannt: Rechnerisch würde das Toxin eines einzigen Froschs genügen, um hundert erwachsene Menschen zu töten. Urwaldjäger nutzen es zum Vergiften von Pfeilspitzen. Es ist ein extremes Nervengift aus der Klasse der Steroid-Alkaloide und wurde biomedizinisch intensiv erforscht, um die Leitung von Nervensignalen aufzuklären. Es verursacht Dauererregungen, Lähmungen, Herzstillstand.

Offenbar produzieren die Pfeilgiftfrösche das Toxin nicht selbst, sondern nehmen dessen Grundbausteine mit ihrer Nahrung auf: Im Labor gezüchtete Exemplare sind aufgrund der andersartigen Nahrung meist ungiftig. Indem die Tiere nach jeder Häutung ihre alte Hülle verschlucken, verwerten sie deren Inhaltsstoffe wieder.

Arzneien

Unter den mehreren Hundert biologisch wirksamen Substanzen aus der Froschhaut finden sich neben Biowaffen aber auch Naturarzneien: Wer dauernd nackt durch Tümpel, Sümpfe oder Schlammlöcher springt, der braucht zum Beispiel eine schützende Schleimschicht samt Antibiotika gegen Bakterien und ebenso wirksame Antimykotika gegen Pilze. Diese Frosch-Chemie machen sich auch menschliche Arzneiforscher zunutze.

Der Versuch des Frosches, sich die Larve mithilfe seiner hervorschnellenden Zunge einzuverleiben, scheiterte meist. Stattdessen nutzte die Käferlarve diesen Moment, um auf den Körper des Frosches zu springen und sich dort festzubeißen. Aufgrund ihrer mit doppelten Haken versehenen Mundwerkzeuge ließ sie sich nicht mehr abschütteln – und begann, Körperflüssigkeit ihres Opfers aufzusaugen.

In der Wahl ihrer Beute waren beide Larvenarten nicht wählerisch, sondern griffen jede der angebotenen Amphibien an. Nur wenige Male kam es vor, dass der Frosch die Larve verschluckte, um sie meist sofort wieder auszuspucken. In einem der insgesamt 382 Versuche würgte der Frosch die Larve erst nach zwei Stunden wieder hervor. Auch in diesen Fällen fielen die unversehrten Larven anschließend über die Amphibien her.

Durch welche Mechanismen der Evolution sich der Rollentausch von Räuber und Beute bei diesen Laufkäfern entwickelt hat und wie das Insekt der schnellen Zunge entgeht, bleibt vorerst ein Rätsel. Eine verbreitete Strategie von Insekten, sich vor ihren Fressfeinden zu schützen, ist die Tarnung oder die Produktion von Giftstoffen. In der Regel reagiert der Räuber auf solche Verteidigungen mit neuen Angriffstechniken, was zu einem biologischen Wettrüsten führt. Dass aber ein Beutetier im Lauf der Evolution zum Räuber wird und den ehemaligen Fressfeind selbst zur Beute macht, ist eine äußerst ungewöhnliche Entwicklung.

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Leserkommentare
  1. ein photo der Larve waere nett gewesen...

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    .frei zugänglich.
    Folgen Sie dem link am Ende des zweiten Absatzes. Relativ weit unten finden Sie "Supporting information", darunter Photos und Videos.

  2. Antwort auf "Frosch photo ?"
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    • Azenion
    • 27. September 2011 13:22 Uhr

    Die Bilder erinnern ein wenig an die "Alien"-Larven aus dem Film...

    @ dame.von.welt & diabolos:
    Vielen Dank,
    mit freundlichem gruss,realpirate

    • Azenion
    • 27. September 2011 13:22 Uhr

    Die Bilder erinnern ein wenig an die "Alien"-Larven aus dem Film...

    Antwort auf "3 Seiten Photos:"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • yalk
    • 27. September 2011 13:46 Uhr

    Vielleicht ist es doch eher andersherum. Nichts für ungut.

    Grüssle,

    y.

  3. .frei zugänglich.
    Folgen Sie dem link am Ende des zweiten Absatzes. Relativ weit unten finden Sie "Supporting information", darunter Photos und Videos.

    Antwort auf "Frosch photo ?"
    • yalk
    • 27. September 2011 13:46 Uhr
    5. oder:

    Vielleicht ist es doch eher andersherum. Nichts für ungut.

    Grüssle,

    y.

  4. Hier erfolgt ein Angriff vom Frosch mit anschließendem wieder ausspucken:
    http://www.youtube.com/watch?v=Nm428RTPLhk&feature=related

    Und hier verbeisst sich die Larve direkt:
    http://www.youtube.com/watch?v=8gadunmz1jk

  5. @ dame.von.welt & diabolos:
    Vielen Dank,
    mit freundlichem gruss,realpirate

    Antwort auf "3 Seiten Photos:"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Evolution | Opfer | Rätsel | Räuber
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