Stammzellforschung Krankheiten verstehen, Gendefekte reparieren, Wirkstoffe testen

Wenn Wissenschaftler mit Stammzellen arbeiten, ist das heute mehr als reine Grundlagenforschung. Auf einem Kongress in Berlin geht es um die Zukunft dieser Zellen.

Embryonale Stammzellen durch ein Mikroskop betrachtet

Embryonale Stammzellen durch ein Mikroskop betrachtet

Manchmal ist schon der Ort einer Veranstaltung eine Aussage. So ist es auch mit dem internationalen Stammzellkongress, der zurzeit am Max–Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin-Buch stattfindet. Bis zum 14. September diskutieren Wissenschaftler aus aller Welt dort über aktuelle Entwicklungen in der Erforschung der zellulären Alleskönner. Dabei gibt es am MDC gar kein Stammzellinstitut, auch wenn immer mal wieder darüber diskutiert wird, eines einzurichten.

Doch auch ohne so ein Institut arbeiten zahlreiche MDC-Forscher mit Stammzellen, ob bei der Erforschung der Leber, der Niere oder der Bauchspeicheldrüse. Stammzellen sind längst nicht mehr nur der Forschungsgegenstand spezialisierter Institute, sondern eines der wichtigsten Instrumente in der Erforschung von Krankheiten und Therapien, in Entwicklungsbiologie und Genetik geworden. Das Feld der Stammzellforschung ist gewissermaßen erwachsen geworden. Bahnbrechende Entdeckungen weniger Teams werden abgelöst von der Detailarbeit zahlreicher Gruppen, die mit den Stammzellen an vielen Problemen arbeiten.

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Schon in seinem Einführungsvortrag hatte Rudolf Jänisch vom Whitehead-Institut in Cambridge bei Boston skizziert, was die Forscher zurzeit besonders beschäftigt: die Unterschiede von Stammzelle zu Stammzelle.

Die Zellen

In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.

Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.

Was können sie?

Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.

Umstrittene Forschung

In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.

In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 vorverlegt.

Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.

iPS

Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mit Hilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.

Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.

Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen

Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.

Da sind zum einen die iPS-Zellen, induzierte, pluripotente Stammzellen. Seit der Japaner Shinya Yamanaka Ende 2006 gezeigt hatte, dass es mit einem Gencocktail möglich ist, Hautzellen zurückzuzwingen in den Zustand einer Stammzelle, haben Wissenschaftler die Erzeugung dieser künstlichen Stammzellen immer weiter verbessert.

Zahlreiche Arbeiten haben inzwischen aber gezeigt, dass iPS-Zellen kaum als einheitliche Gruppe zu sehen sind, sondern sich zum Teil recht unterschiedlich verhalten. Das könnte damit zusammenhängen, aus welchem Zelltyp sie gewonnen werden, wie der jeweilige Mensch genetisch ausgestattet ist oder wie die Zellen genau zu einer Stammzelle umprogrammiert werden. Für die Forschung sind diese Unterschiede ein großes Problem.

Schließlich wollen die Wissenschaftler mithilfe der iPS-Zellen den Ursachen zahlreicher menschlicher Krankheiten auf den Grund gehen. Das Rezept ist simpel: Man nehme die Hautzelle eines gesunden Menschen und eines Menschen, der zum Beispiel an Parkinson leidet. Dann verwandle man die Zellen erst in iPS-Zellen, um sie hinterher zu genau dem Zelltyp zu entwickeln, der von der Krankheit betroffen ist.

Im Fall von Parkinson etwa eine bestimmte Gruppe von Neuronen, die den Botenstoff Dopamin herstellen. So können Forscher dann in der Petrischale die Entwicklung der Zellen von Kranken und Gesunden vergleichen und nach Unterschieden suchen, die erklären könnten, wie es zu den Symptomen einer Krankheit kommt. "Dass Sie jetzt in der Lage sind, Krankheiten in der Kulturschale zu beobachten, das ist absolut faszinierend", sagt Hans Schöler, Stammzellforscher am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster.

Leser-Kommentare
  1. So schön die neuen Erkenntnisse auch für den betroffenen Einzelnen sein mögen, ein noch längeres Leben der Menschen wird zu noch mehr und noch unlösbareren globalen Problemen führen. Die Geister die wir riefen... sollten gesellschaftlich diskutiert werden können.
    Warum darf darüber nicht einmal gesprochen werden???

    Eine Leser-Empfehlung
  2. "... dass es mit einem Gencocktail möglich ist, Hautzellen zurückzuzwingen in den Zustand einer Stammzelle..."

    Um den Begriff "Gencocktail" etwas zu praezisieren (und etwaigen Aengsten von Nicht-spezialisten zu begegnen): tatsaechlich sind die Gene in diesem "Cocktail" im Erbgut jedes hoeheren Lebewesen enthalten, da sie zwingend notwendige Funktionen waehrend der embryonalien Entwicklung ausfuehren. In spezialisierten Zellen - zum Beispiel Hautzellen - ist dieses Set von Genen, zumindest in dieser Konstellation, nicht mehr aktiv.
    Die japanischen Forscher haben diese Gene lediglich wieder (re-)aktiviert. Auch wenn in diesem Fall aufgrund wissenschaftlicher Methodik ein Stueck Erbgut (DNS) in die Zellen eingefuegt wurde, haette es auch genuegt das Endprodukt der Gene, die entsprechenden Proteine, in die Zellen einzufuegen.
    Banal ausgedrueckt, die Forscher haben die zelleigene funktionalitaet benutzt um spezialisierte Zellen zurueck in unspezialisierte Zellen zu verwandeln, quasi als wenn man zurueck in die Schulzeit versetzt wird und sich einen neuen Beruf auswaehlen darf.

  3. die symptomforschung hat sich neu verkauft.
    manchmal glaubt man echt das system hinter der sache
    ist. das ist halt der beste weg für die pharma
    die patienten weiterhin als lange treue kunden
    zu behalten

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dem kann man nur zustimmen.
    Wie naiv wissenschaftsgläubig muss man hingegen sein, um sich angesichts der langen Reihe jatromedizinischer Miseren, einen Titel wie "Krankheiten verstehen, Gendefekte reparieren, Wirkstoffe testen"
    auszudenken.

    Dem kann man nur zustimmen.
    Wie naiv wissenschaftsgläubig muss man hingegen sein, um sich angesichts der langen Reihe jatromedizinischer Miseren, einen Titel wie "Krankheiten verstehen, Gendefekte reparieren, Wirkstoffe testen"
    auszudenken.

  4. Entfernt. Bitte bleiben Sie konstruktiv und achten auf Ihen Ausdruck. Danke, die Redaktion/se

  5. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/se

  6. 6. [...]

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/se.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Kritik nehmen wir gerne entgegen, dennoch bitten wir Sie, diese an community@zeit.de zu richten. Danke, die Redaktion/se.

  8. Um Für oder gegen etwas sein zu können, sollte ich den Sachverhalt, d.h. die Zusammenhänge verstehen können.

    Starten Sie doch bitte einmal in Deutschland eine repräsentative Umfrage und ermitteln Sie den prozentualen Anteil der Bürger, die Ihnen auch nur annähernd das Wort Gentechnik erklären kann.
    Von denen, die es können, achte und respektiere ich jegliche ablehnende Haltung.
    Alle anderen müsste man jedoch in den grauen Topf der "German Angst" stecken, deren ablehnende Haltung ich dann nicht mehr respektieren kann.

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