Forschungsergebnisse gibt's, die gibt es gar nicht – oder sollte es zumindest nicht geben. So geschehen auf der Strecke zwischen Genf und Gran Sasso in Italien, genauer gesagt: zwischen dem europäischen Kernforschungszentrum Cern und dem italienischen Foschungslabor INFN. 730 Kilometer lang ist die Luftlinie zwischen beiden Instituten, womöglich auch zwanzig Zentimeter mehr oder weniger – eine größere Ungenauigkeit aber schließt die Opera-Forschungsgruppe aufgrund modernster Messmethoden (unter anderem mit GPS) aus. Mit Atomuhren wurde sichergestellt, dass an beiden Enden auf die Nanosekunde genau die gleiche Zeit herrschte – dann wurden Neutrinos, winzige Elementarteilchen, von Genf nach Gran Sasso geschossen.

Damit wollten die Forscher, zu denen auch der Berner Professor Antonio Ereditato gehört, vor allem seltene Veränderungen (Oszillationen) der in drei Variationen vorkommenden Neutrinos beobachten. Doch was sie außerdem beobachteten, könnte die Grundfesten der modernen Physik erschüttern. Denn nach 15.000 Messungen scheint festzustehen: Die Neutrinos bewegen sich schneller als Licht. Das aber ist mit Einsteins spezieller Relativitätstheorie , einer der am meisten überprüften Grundfesten der modernen Physik, unvereinbar.

"Das Ergebnis ist eine absolute Überraschung für uns gewesen", sagt Ereditato. "Wir haben monatelang gegengecheckt, aber bis jetzt haben wir keinen Hinweis darauf, was einen Messfehler verursacht haben könnte." Ereditato greift deshalb zu einem ungewöhnlichen Mittel: Er legt alle Ergebnisse offen und ruft andere Forscher auf, die Ergebnisse der am Cern beheimateten Opera-Forschungsgruppe zu widerlegen. "Wir freuen uns auf fremde Messungen, die die Natur unserer Beobachtungen erklären können."

Für Laien erscheint der Vorsprung, den Neutrinos vor dem Licht haben sollen, verschwindend gering: Es geht gerade einmal um eine Differenz von 20 ppm, also 20 parts per Million . Die Angabe meint, die Neutrinos bewegen sich um 0,002 Prozent schneller als das Licht, einen winzigen Bruchteil also. Doch liegt dieser Wert deutlich über der Messungenauigkeit der Versuchsanordnung von 0,0006 Prozent – damit ist das Ergebnis eigentlich eindeutig. "Die Lichtgeschwindigkeit als oberes Limit der Geschwindigkeit festzusetzen, erscheint sinnvoll, gerade zu Einsteins Zeiten, als kein anderes masseloses Partikel bekannt war", sagt Sergio Bertolucci, Forschungsdirektor am Cern. Neutrinos besitzen indes ebenfalls eine Ruhemasse von null.

Schon einmal maß man Neutrinos, die schneller als das Licht waren

Die elektrisch neutralen Elementarteilchen reagieren zudem so selten mit ihrer Umwelt, dass sie nach ihrer theoretischen Entdeckung zunächst als "Geisterteilchen" galten . 60 Milliarden Neutrinos pro Quadratzentimeter erreichen die Erde von der Sonne jede Sekunde. Während diese Menge die Erde ungehindert durchquert, stößt gerade einmal ein geschätztes Dutzend davon mit einem Atom im Erdinneren zusammen. Ein Neutrinostrom kann so vom einen Ende des Universums zum anderen gelangen, ohne etwa von auf seiner Bahn liegenden Planeten abgeschwächt zu werden. Aber warum Neutrinos schneller als Licht sein sollten, erklärt das nicht.

Dennoch ist es nicht das erste Mal, dass eine Neutrino-Geschwindigkeit über der des Lichts gemessen worden ist. Das im US-Bundesstaat Illinois beheimatete MINOS-Projekt veröffentlichte vor zwei Jahren ähnliche Zahlen – nur war die Messungenauigkeit bei den Experimenten größer als jetzt am Cern, sodass die Abweichung als Fehler betrachtet wurde. Vermutlich werde MINOS jetzt alles daran setzen, noch einmal und möglichst noch genauer als die Kollegen in Genf zu messen, glaubt Christian Spiering . Der Teilchenphysiker ist ein Experte für Neutrinos: Er gehört zu den Konstrukteuren des IceCube-Projektes , einem ein Kubikkilometer großen Messnetz unter dem antarktischen Eis, das die in kosmischer Strahlung enthaltenen Neutrinos messen soll.