Lernen am Strand - Iversity soll dazu beitragen, dass das in Zukunft noch besser geht.

Ein Kunstprofessor lädt ein Foto von Gerhard Richters abstraktem Gemälde "Claudius" hoch, dessen Wirkung seine Studenten diskutieren – von zu Hause aus, im Chat. Für zusätzliche Informationen hat der Dozent Textdokumente ins Netz gestellt, die Hausarbeit schreiben die angehenden Kunsthistoriker dann gemeinsam und online. In Fachkreisen wurde viel über den "digitalen Campus" diskutiert. Das Portal "Iversity" hat sich jetzt zum Ziel gesetzt, ihn zu ermöglichen. Erdacht vom Kulturwissenschaftler Jonas Liepmann von der Humboldt-Universität, sollen Nachwuchsakademiker auf der neuen Plattform auch Videos anschauen und Audiodateien anhören können. "Die bisherigen Portale sind häufig Friedhöfe für PDF-Dateien", sagt Geschäftsführer Hannes Klöpper, "wir wollen auf der bekannten Ideenbasis sozialer Netzwerke wirkliche Interaktion ermöglichen."

Aus der kleinen Idee ist mittlerweile eine Firma geworden, die mit hohen Zielen für sich wirbt. "Wir sind ein zwanzigköpfiges Team, das eine neue Bildungsinfrastruktur erschaffen will", sagt der Gründer Liepmann. Eine Million Euro Förderung – 75 Prozent von der EU und der Rest größtenteils vom Land Brandenburg – hat das Projekt angeschoben, zum kommenden Wintersemester soll es voll einsatzfähig sein.

Noch läuft die Erprobungsphase, 11.000 Nutzer haben Iversity getestet, kostenfrei, auch im Vollbetrieb sollen weder Universitäten noch Studenten zahlen. "Wir wollen uns langfristig durch den Verkauf von Lernmaterialien finanzieren, die sich Studenten ohnehin kaufen müssen", sagt Klöpper. Dazu wird es zu Beginn eine Kooperation mit einem großen Internethändler geben. Ebenfalls Zukunftsmusik, aber interessant ist der Plan, Iversity standardisierte Prüfungsaufgaben korrigieren zu lassen, beispielsweise einen Vokabeltest.

Das Portal funktioniert von Anfang an zweisprachig

Das neue Netzwerk will auch eine Antwort auf überfüllte Hörsäle in Deutschland sein. Gleichzeitig ist es aber auch für den weltweiten Gebrauch angelegt. Auf Deutsch und Englisch wird von Anfang an geschrieben, ausgewertet und kommuniziert. Akademischer Austausch über Ländergrenzen hinweg ist dabei erwünscht. Wenn Dozenten ihre Informationen freigeben, können beispielsweise deutsche und venezolanische Studenten gemeinsam über den Sozialismus im 21. Jahrhundert grübeln. Trotz dieser globalisierten Herangehensweise könnte allein das Potenzial hierzulande reichen, schließlich haben viele Unis keine vergleichbaren Dienste, sondern nur einfache Kursmanagementsysteme. Einige Hochschulen stellen auch Vorlesungen als Podcasts ins Netz. Die LMU München hat im naturwissenschaftlichen Bereich einen großen Fundus online verfügbar gemacht, bestätigt als digitale Ausnahme aber die bislang eher analoge Regel.

Die Hochschulrektorenkonferenz hat erst Ende 2010, nach einer Analyse des deutschen Hochschulraums, weitere Veränderungen beim Informations- und Kontaktmanagement im Internet prognostiziert. Dabei wird auch eine bessere Nutzung der schon vorhanden digitalen Ressourcen angemahnt. Der schönste digitale Campus ist schließlich nur etwas wert, wenn Studierende und vor allem die aus der im Internet-Sprech "Digital Immigrants" genannten Generation stammenden Lehrkräfte ihn auch benutzen. Erleichtert wird dies durch die flexible zeitliche Planung und den weltweit möglichen Zugriff. Endlich dürfen vom Studium geräderte Studenten am anderen Ende der Welt unter einer Palme hocken und Bertrand Russells "Lob des Müßiggangs" lesen, auch wenn sie das ausgedruckte Essay zu Hause vergessen haben.

Ob die neue Netzkultur langfristig den persönlichen Austausch ersetzt und damit das Gefühl verstärkt, an einer entpersonalisierten Massenuniversität zu sein? "Im Gegenteil. Durch die Entlastung der Professoren von administrativen Aufgaben bleibt mehr Zeit für den persönlichen akademischen Austausch", sagt Hannes Klöpper. Das wirkliche "Fernstudium" sei ohnehin ein Platz in der letzten Reihe einer 600-Mann-Vorlesung.

Erschienen im Tagesspiegel