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"Iversity" heißt ein neues Portal, auf dem sich Studenten untereinander und mit Dozenten austauschen sollen. Noch läuft die Testphase. Von Nik Afanasjew von Nik Afanasjew

Laptop Strand

Lernen am Strand - Iversity soll dazu beitragen, dass das in Zukunft noch besser geht.  |  © MarcoE/photocase

Ein Kunstprofessor lädt ein Foto von Gerhard Richters abstraktem Gemälde "Claudius" hoch, dessen Wirkung seine Studenten diskutieren – von zu Hause aus, im Chat. Für zusätzliche Informationen hat der Dozent Textdokumente ins Netz gestellt, die Hausarbeit schreiben die angehenden Kunsthistoriker dann gemeinsam und online. In Fachkreisen wurde viel über den "digitalen Campus" diskutiert. Das Portal "Iversity" hat sich jetzt zum Ziel gesetzt, ihn zu ermöglichen. Erdacht vom Kulturwissenschaftler Jonas Liepmann von der Humboldt-Universität, sollen Nachwuchsakademiker auf der neuen Plattform auch Videos anschauen und Audiodateien anhören können. "Die bisherigen Portale sind häufig Friedhöfe für PDF-Dateien", sagt Geschäftsführer Hannes Klöpper, "wir wollen auf der bekannten Ideenbasis sozialer Netzwerke wirkliche Interaktion ermöglichen."

Aus der kleinen Idee ist mittlerweile eine Firma geworden, die mit hohen Zielen für sich wirbt. "Wir sind ein zwanzigköpfiges Team, das eine neue Bildungsinfrastruktur erschaffen will", sagt der Gründer Liepmann. Eine Million Euro Förderung – 75 Prozent von der EU und der Rest größtenteils vom Land Brandenburg – hat das Projekt angeschoben, zum kommenden Wintersemester soll es voll einsatzfähig sein.

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Noch läuft die Erprobungsphase, 11.000 Nutzer haben Iversity getestet, kostenfrei, auch im Vollbetrieb sollen weder Universitäten noch Studenten zahlen. "Wir wollen uns langfristig durch den Verkauf von Lernmaterialien finanzieren, die sich Studenten ohnehin kaufen müssen", sagt Klöpper. Dazu wird es zu Beginn eine Kooperation mit einem großen Internethändler geben. Ebenfalls Zukunftsmusik, aber interessant ist der Plan, Iversity standardisierte Prüfungsaufgaben korrigieren zu lassen, beispielsweise einen Vokabeltest.

Das Portal funktioniert von Anfang an zweisprachig

Das neue Netzwerk will auch eine Antwort auf überfüllte Hörsäle in Deutschland sein. Gleichzeitig ist es aber auch für den weltweiten Gebrauch angelegt. Auf Deutsch und Englisch wird von Anfang an geschrieben, ausgewertet und kommuniziert. Akademischer Austausch über Ländergrenzen hinweg ist dabei erwünscht. Wenn Dozenten ihre Informationen freigeben, können beispielsweise deutsche und venezolanische Studenten gemeinsam über den Sozialismus im 21. Jahrhundert grübeln. Trotz dieser globalisierten Herangehensweise könnte allein das Potenzial hierzulande reichen, schließlich haben viele Unis keine vergleichbaren Dienste, sondern nur einfache Kursmanagementsysteme. Einige Hochschulen stellen auch Vorlesungen als Podcasts ins Netz. Die LMU München hat im naturwissenschaftlichen Bereich einen großen Fundus online verfügbar gemacht, bestätigt als digitale Ausnahme aber die bislang eher analoge Regel.

Die Hochschulrektorenkonferenz hat erst Ende 2010, nach einer Analyse des deutschen Hochschulraums, weitere Veränderungen beim Informations- und Kontaktmanagement im Internet prognostiziert. Dabei wird auch eine bessere Nutzung der schon vorhanden digitalen Ressourcen angemahnt. Der schönste digitale Campus ist schließlich nur etwas wert, wenn Studierende und vor allem die aus der im Internet-Sprech "Digital Immigrants" genannten Generation stammenden Lehrkräfte ihn auch benutzen. Erleichtert wird dies durch die flexible zeitliche Planung und den weltweit möglichen Zugriff. Endlich dürfen vom Studium geräderte Studenten am anderen Ende der Welt unter einer Palme hocken und Bertrand Russells "Lob des Müßiggangs" lesen, auch wenn sie das ausgedruckte Essay zu Hause vergessen haben.

Ob die neue Netzkultur langfristig den persönlichen Austausch ersetzt und damit das Gefühl verstärkt, an einer entpersonalisierten Massenuniversität zu sein? "Im Gegenteil. Durch die Entlastung der Professoren von administrativen Aufgaben bleibt mehr Zeit für den persönlichen akademischen Austausch", sagt Hannes Klöpper. Das wirkliche "Fernstudium" sei ohnehin ein Platz in der letzten Reihe einer 600-Mann-Vorlesung.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Was hier als Neuentwicklung dargestellt wird, ist ein alter Hut, zumindest fuer viele Studierende. Man nennt es im Allgemeinen eLearning. 11 000 Nutzer hoert sich fuer Nichtstudierende vielleicht viel an, fuer die meisten Lernmanagementsysteme, die an Unis eingesetzt werden, ist die Zahl ziemlich gering.
    Die Welt braucht nicht die x-te Plattform nach Moodel, Ilias, Stud.IP usw. und die beschriebenen Szenarien werden so nicht stattfinden.
    Entscheidend ist fuer Studierende, ob sie fuer Leistungen Credits bekommen. Das klappt kaum bei zwei Hochschulen in einem Bundesland.
    Entscheidend fuer den Erfolg von solchen Systemen ist der didaktische Umgang der Dozenten damit. Da fehlt den meisten das Know How und der Wille, es zu erwerben.

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    • Pencil
    • 13. September 2011 11:44 Uhr

    Natürlich ist die Idee einer Plattform nicht neu. Neu ist jedoch, dass die Plattform eben unabhängig von der Universität existieren soll, wodurch doch ein Anreiz gegeben wird, dass jeder Lehrstuhl sich dort registriert. Schließlich wechseln Professoren Universitäten. Wenn man es vereinfacht sagen möchte, behaupte ich, es ist das "StudiVZ oder Facebook für Universitäten." Das ist wiederum ironisch, da gerade Facebook an einer Uni entstand und sicher schon damals genug Potentiale da waren, um Facebook (auch wenn es umstritten ist), mit vernünftigen eLearning-Funktionen auszustatten.

    Zum Thema LP: Ein solches globales Netz (deutschlandweit reicht auch schon) kann doch gerade dazu führen, dass die Universitäten ihre Anerkennung von Leistungen gegenseitig schneller verbessern, da diese dadurch häufiger registriert werden. Es ist schließlich auch einfacher sich mit ein paar Sätzen im Netz zu beschweren, als im Büro der Verwaltung zu warten.

    Zudem wird m.E. der Umgang mit solchen Medien immer unumgänglicher. An meiner Hochschule ist es Standard, aber ich gebe zu, dass das auch fächerabhängig ist. So wird über die nächsten Jahrzehnten mit neuen Dozenten und Professoren die Technik mehr genutzt von Menschen, die schon eher damit vertraut sind. Ganz extrem gesagt: Die alten Technikaversen sterben aus.

    Eine rein digitale Universität ist das noch lange nicht. Sondern nur eine sinnvolle Ergänzung.

    • Pencil
    • 13. September 2011 11:44 Uhr

    Natürlich ist die Idee einer Plattform nicht neu. Neu ist jedoch, dass die Plattform eben unabhängig von der Universität existieren soll, wodurch doch ein Anreiz gegeben wird, dass jeder Lehrstuhl sich dort registriert. Schließlich wechseln Professoren Universitäten. Wenn man es vereinfacht sagen möchte, behaupte ich, es ist das "StudiVZ oder Facebook für Universitäten." Das ist wiederum ironisch, da gerade Facebook an einer Uni entstand und sicher schon damals genug Potentiale da waren, um Facebook (auch wenn es umstritten ist), mit vernünftigen eLearning-Funktionen auszustatten.

    Zum Thema LP: Ein solches globales Netz (deutschlandweit reicht auch schon) kann doch gerade dazu führen, dass die Universitäten ihre Anerkennung von Leistungen gegenseitig schneller verbessern, da diese dadurch häufiger registriert werden. Es ist schließlich auch einfacher sich mit ein paar Sätzen im Netz zu beschweren, als im Büro der Verwaltung zu warten.

    Zudem wird m.E. der Umgang mit solchen Medien immer unumgänglicher. An meiner Hochschule ist es Standard, aber ich gebe zu, dass das auch fächerabhängig ist. So wird über die nächsten Jahrzehnten mit neuen Dozenten und Professoren die Technik mehr genutzt von Menschen, die schon eher damit vertraut sind. Ganz extrem gesagt: Die alten Technikaversen sterben aus.

    Eine rein digitale Universität ist das noch lange nicht. Sondern nur eine sinnvolle Ergänzung.

    Antwort auf "Nicht wirklich neu"
  2. Zu fragen wäre dann nur noch, wer wie Zugangsberechtigungen bekommt. Man könnte Bildungsinhalte einfach freischalten oder wenigstens einen Teil. Vorlesungen könnte man zum Beispiel öffentlich machen. So etwas gibt es zwar auch teilweise auf Instiutswebsites oder bei Youtube, diese Plattform würde die ganze Sache aber doch um einiges leichter machen. Menschen, die keinen Zugang zu Hochschulbildung haben, würden so die sozialräumlichen Barrieren leichter umgehen können. Und für einen gewissen Teil an Bildung, würde die ökonomische Lage auch keine Rolle spielen.

    Bis es dazu kommt, muss sich aber noch einiges tun und die Urheberrechtsdebatte müsste dann auch noch mal durchlaufen werden. Es wäre aber einfach klasse, finde ich.

  3. ach so: was natürlich die räumliche und zeitliche Verfügbarkeit von Studierenden angeht, gibt es jetzt auch schon bei moodle etc. Widerstand, da diese Arbeitszeit meist nicht in den Credits mit drin ist und Studierende dann auch noch zuhause digital anwesend sein müssen. Aufgaben wie "dann schreibt doch noch einen Kommentar bis morgen" oder "wir treffen uns dann um 11 Uhr im Forum" oder "bitte schickt das Handout zwei Tage vor dem referat rum" sind dann experiementeller unbezahlter Zeitaufwand...

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  • Schlagworte Europäische Union | Chat | Fernstudium | Humboldt-Universität | Student | Brandenburg
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