Alternative EnergienStreit um die Forschungsförderung der Kernfusion

Ein Solarforscher fordert, die Kernfusion aus dem staatlichen Fördertopf für Energieforschung zu streichen. Denn mit der Technik wird bis heute keine Energie erzeugt. von Nik Afanasjew

Modell des Forschungsreaktors Iter in Cadarache, Südfrankreich

Modell des Forschungsreaktors Iter in Cadarache, Südfrankreich  |  © Iter Organization

Seit Jahren gibt es bei der Erforschung der Kernfusion kaum Fortschritte. Gleichzeitig sind die Kosten für den Forschungsreaktor Iter drastisch gestiegen. Nun gerät die bisher nicht funktionierende Energietechnik erneut in die Kritik. Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg, fordert, die Förderung aus den bundesweiten Energieforschungsprogrammen auszugliedern. Somit würden mehr Mittel für die Entwicklung erneuerbarer Energien frei, sagte er zum Auftakt einer Fachtagung in Berlin. "Es bleibt unklar, ob die Kernfusion jemals relevant für die Energieversorgung werden wird. Sie sollte daher aus den Töpfen der Energieforschung herausgenommen und auf anderen Wegen finanziert werden."

Im letzten Jahr unterstützte die Bundesregierung die Fusionsforschung mit 131 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es 144 Millionen sein, für 2012 sind Ausgaben von 158 Millionen Euro geplant. Dies entspricht jeweils gut einem Fünftel der Gesamtausgaben für die staatliche Energieforschung. Die erneuerbaren Energien, für die sich Weber stark macht, erhalten etwa ein Zehntel des Gesamtbudgets.

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Vor allem wegen der hohen Kosten und der ungewissen Erfolgsaussichten wird das Potenzial der Kernfusion immer wieder infrage gestellt . Deutschland verfügt über eigene Forschungen vor allem in Garching und Greifswald und ist zudem am internationalen Großprojekt Iter beteiligt. Dabei geht es um ein Kraftwerk in Frankreich, dessen Kosten sich bereits vor Baubeginn auf 15 Milliarden Euro verdreifacht haben. Mehr als eine Milliarde soll der deutsche Staat beisteuern. Fachleute schätzen, dass frühestens in der Mitte des Jahrhunderts die erste Kilowattstunde aus einem derartigen Kraftwerk ins Netz eingespeist werden kann.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" hatte dagegen vor wenigen Monaten ihre Empfehlung bekräftigt , wonach "die Fusionsforschung als internationale Gemeinschaftsaufgabe mit dem Potential zu sehr großen Beiträgen für die Energieversorgung" weiterverfolgt werden sollte.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. ... für seine eigene Forschung. Dies aber zu lasten einer anderen Forschungsrichtung zu fordern ist unterste Schublade. Herr Weber sollte als Forscher eigentlich wissen, dass Forschung oft ein langer steiniger Weg ist und mit einem Nutzen erst viele Jahrzehnte später zu rechnen ist (Tendenz steigend).
    Abgesehen davon ist die Solartechnik auch weit davon entfernt effizient zu sein.

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    entfernt effizient zu sein."

    Nun, immerhin ist die Kreislaufwirtschaft der Erde in der Lage die energetischen Prozesse, die von der Sonne gespeist werden, seit Milliarden Jahren aufrecht zu erhalten. Das spricht schon für eine gewisse Effizienz.

    Egal, ob Kernkraft oder fossile Energie, dem Menschen ist das bisher mit anderen vorgeblich effizienten Energieumsetzungsmethoden noch nicht viel länger als ein paar Jahrzehnte gelungen. Am erfolgreichsten war bisher Holz. Witzigerweise liegt Holz der solaren Energie am nächsten.

    Nachdem der Mensch Aufforstung betrieb, konnte sich sogar eine nachhaltige Nutzung einstellen.

    Bei der Fusion, weiß man noch nicht mal, wo der Brennstoff herkommen soll, und wie die Fusionskraftwerkswände vor der Versprödung geschützt werden soll, wenn denn mal ein Reaktor erfunden ist, der tatsächlich mehr Energie erzeugt als er schluckt.

    Die Forschung geht jetzt aber schon 60 Jahre! Und sie verschlingt Unmengen. Nun sollte man definieren: Forschung für Wissensgewinn (wie Weltraumforschung) oder wollen wir damit ein Energieproblem lösen? Letzteres werden mit der Fusion selbst meine Kinder nicht erleben.
    Energieforschung zu betreiben und die Aussichtsloseste an vorderster Stelle zu packen erscheint irgendwie fehlgeleitet.

  2. "Seit Jahren gibt es bei der Erforschung der Kernfusion kaum Fortschritte."

    Wie soll man denn bitte ein Experiment durchfuehren wenn das Labor dazu noch nicht fertig ist? Man kann wohl mit gutem Gewissen den Bau des Labors auch unter der Definition Experiment fuehren denn das Labor ist eine notwendige Bedingung fuer das eigentliche Experiment.

    Ergo: es gibt Fortschritte in der Erforschung der Kernfusion da an Iter, dem Labor, gebaut wird.

    Anstatt hier eine Spaltung der Gesellschaft zu initiieren sollte man doch lieber darueber nachdenken ob Deutschland und Europa Drohnen und andere Militaertechnologien benoetigt und ob die Banken wirklich gerettet werden muessen.

    Darueber sollte Herr Eicke Weber auch mal nachdenken anstatt nur an seine eigenen Pfruende zu denken.

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    • Fifty4
    • 13. Oktober 2011 17:31 Uhr

    Seit 50 Jahren wird an der Kernfusion herumgeforscht. Milliarden sind dabei drauf gegangen. Jetzt hört man wieder einmal, wie alle 10 Jahre, es werde noch 50 Jahre dauern, bis Strom eventuell fliest.

    Der "Iter" ist da nur wieder die in Zementgegossenen Verpflichtung, weiter Steuergelder hineinzustecken, man kann doch so einen Reaktor nicht einfach schließen.

    In der Erforschung der Solarenergiegeinnung sind unsere Gelder mit Sicherheit besser angelegt und bringen kurzfristig Profit für alle.

    Falls die Kernfusion wirklich erfolgversprechend wäre, würden Banken sofort die Finanzierung übernehmen.

    Ich sehe aber keine die die Absicht hat.

    • CSJapan
    • 21. Oktober 2011 14:05 Uhr

    So wie ich es verstehe, ist es Herrn Weber egal, ob die Forschungsausgaben für die Kernfusion generell gekürzt werden oder nicht. Nur, dass sie nicht aus dem Energietopf genommen werden, da, trotz sicherlich vorhandener Fortschritte in der Technik, die Nutzung zur Energieerzeugung seit 50 Jahren unverändert in weiter Ferne zu sein scheint.

    Woher also die Ausgaben nehmen, eine Möglichkeit wäre dann aus dem angesprochenem Militärhaushalt.
    Dann würde auch dieses verlogene Werben um Gelder aufhören, was Kernfusion mit sauberer Energie assozieren soll und nicht etwa mit militärischer Nutzung.

  3. haben, was die Forschung angeht. Kernfusion wäre ein immenser Schritt für die Menschheit und symbolisiert faktisch "freie Energie".
    Aber da hat man als Energiekonzern natürlich kein Interesse. Gäbe es plötzlich Energie im Überfluss, wo kämen wir denn da hin? Selbst mit Preisabsprachen und Entwicklungskostenumlage in der Anfangszeit würde der Strompreis drastisch einbrechen. Wer will schon sowas?

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    Zitat: "Es ist ein Unding, dass die Konzerne hier quasi null Anteil haben, ..."

    Sagen wir es mal so.
    Kernfusion wirft keine "schnelle" Rendite ab.
    Es generiert keinen schnellen Profit!
    Was interessiert die Investoren langfristige Nachhaltigkeit?
    Man möchte doch zu Lebzeiten die Puppen tanzen lassen :)
    Lassen wir doch die mühevolle Vorarbeit die dummen Idealisten machen.
    Evtl. kann man später immernoch einsteigen um Geld zu machen.
    Wozu sollte jemand "privat" investieren?
    Finanzkräftige Konzerne denken auch nur von Quartal zu Quartal.
    Also bleibt am Ende nur noch der Staat und seine Ideale.
    Solche öffentliche Phantastereien haben sogar Menschen auf den Mond gebracht.

    • GDH
    • 13. Oktober 2011 12:17 Uhr

    Aus dem Artikel: "Fusionsforschung mit 131 Millionen Euro[...] Dies entspricht jeweils gut einem Fünftel der Gesamtausgaben für die staatliche Energieforschung. Die erneuerbaren Energien, für die sich Weber stark macht, erhalten etwa ein Zehntel des Gesamtbudgets."

    also gehen insgesamt 30% der staatlichen Ausgaben für Energierforschung in Fusion und erneuerbare Energien. Was ist mit dem Rest bzw. wie ist die Definition von "Energieforschung"? Den Text im Artikel könnte man so lesen, als ginge mehr als die Hälfte der öffentlichen Forschungsgelder in Forschung an Verbrenungskraftwerken. Oder sind damit auch Netze, Netzteile usw. gemeint?

    @walljumper: Vielleicht tun Sie dem Mann unrecht, denn er hat ja keine Einstellung der Fusionsforschung gefordert sondern, dass sie "aus den Töpfen der Energieforschung herausgenommen und auf anderen Wegen finanziert" wird. Wenn das darauf hinauslaufen sollte, dass Kernfusion zunächst als Grundlagenforschung gefördert wird, habe ich damit kein Problem.

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    Also ich habs so verstanden, dass er zumindest die Reduktion der Mittel für die Kernfusionsforschung fordert.

  4. Webers Lobbyismus ist hier durchaus berechtigt, denn mit der Energiewende ist es nötig geworden, bereits jetzt funktionierende Energieerzeugungen zu verbessern.

    Die Fusions-Forschung wurde u.a. am alten Energie-Konzept ausgerichtet, wobei sich die Zeitpläne bis jedes Mal noch weiter verzögert hatte.

    Webers Argument ist durchaus stichhaltig, man kann es nicht einfach als Eigeninteresse abtun.

    Eine Leserempfehlung
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    Wissen sie etwas, dass ich nicht weis? Wir werden auch in den nächsten 20-30 Jahren hauptsächlich fossile Energieträger verbrennen nach dem Ausstieg aus der Kernkraft wahrscheinlich sogar noch mehr als bisher. Und solche Späße wie dezentrale Energieversorgung sind einfach nur lächerlich in einem Industrieland wie Deutschland. Und die ganzen regenerativen Energien sind einfach viel zu ineffizient und können Deutschland niemals versorgen, das reicht vieleicht um ein paar privat Haushalte zu versorgen, vieleicht sogar alle, aber niemals für die Industrie.

  5. Also ich habs so verstanden, dass er zumindest die Reduktion der Mittel für die Kernfusionsforschung fordert.

  6. Wissen sie etwas, dass ich nicht weis? Wir werden auch in den nächsten 20-30 Jahren hauptsächlich fossile Energieträger verbrennen nach dem Ausstieg aus der Kernkraft wahrscheinlich sogar noch mehr als bisher. Und solche Späße wie dezentrale Energieversorgung sind einfach nur lächerlich in einem Industrieland wie Deutschland. Und die ganzen regenerativen Energien sind einfach viel zu ineffizient und können Deutschland niemals versorgen, das reicht vieleicht um ein paar privat Haushalte zu versorgen, vieleicht sogar alle, aber niemals für die Industrie.

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    Eine 'echte' Wasserstoffwirtschaft auf der Basis von Biomasse könnte sehr wohl auch in einem Industrieland wie Deutschland aller Energieprobleme lösen. Es scheint, dass Sie wirklich eine ganze Menge nicht wissen. Gehören Sie zur Lobby der Energieerzeugungsunternehmen? Lesen Sie Karl-Heinz Tetzlaff: "Wasserstof für alle" - Wie wir der Öl-, Klima- und Kostenfalle entkommen.

    "Wissen sie etwas, dass ich nicht weis?"

    Sie haben doch bestimmt mitbekommen, dass wir im Frühjahr diesen Jahres den Atomausstieg beschlossen haben, oder?

    In früheren Überlegungen stand oft die Vorstellung, dass Fusionskraftwerke die Kernspaltungskraftwerke langfristig ablösen könnten, weil sie von der Kraftwerksart sehr ähnlich sind.

    Nun ist das Ende der Kernspaltung gekommen, die Fusion ist nicht fertig.

    Also müssen wir nun auf andere Arten der Energiegewinnung zurückgreifen.

    Dass Sie eine dezentrale Energieversorgung lächerlich finden, sei Ihnen unbenommen. In wenigen Kommunen ist sie bereits umgesetzt, in sehr vielen Kommunen wird momentan genau daran gearbeitet.

    • gquell
    • 13. Oktober 2011 14:54 Uhr

    In diesem Sommerhalbjahr produzierten 12 Gigawatt Photovoltaik und 6 Gigawatt Windenergie fast den ganzen Bedarf an Spitzenlaststrom. Nachmittags am 16.07.2011 halbierte sich der Preis an der Leipziger Strombörse. Dieser Preissturz wurde durch Solarstrom verursacht und wird langfristig die Strompreise senken, spätestens dann, wenn neue Kontigente zwischen Energieproduzenten und -lieferanten verhandelt werden.

    Die dezentralen, regenerierbaren Energien haben gerade in einem Industrieland wie Deutschland Zukunft. Außerdem können wir so eine umweltschonende Energieversorgung aufbauen und auch exportieren. Heute ist unser EEG ja schon ein Exportschlager und das dezentrale Energiemanagement könnte auch einer werden. Nur die Ewiggestrigen, die Panik vor jeder kleinen Veränderung haben, können sich die Zukunft mit dezentraler Energieversorgung nicht vorstellen!

    Von beiden Seiten hört man immer wieder diese Behauptungen man sei uninformiert und habe keine Ahnung. Dabei gehts schon lange nicht mehr um rationale Argumente.
    Um mal bei ihrem Beispiel zu bleiben, ja diese Zahlen waren mir unbekannt, ich kann ihnen aber sofort sagen, dass es sich dabei um eine Milchmädchenrechnung handelt und nur Propaganda darstellt. So ist es kein Zufall, dass hier vom Sommer die Rede ist. Die Spitzenzeiten liegen nämlich so um die 20 Uhr, Solarstrom gibts da nur im Sommer und Bewölkung ist auch seltener und der Beitrag aus der Windenergie ist ja mal rein zufällig verteilt.

  7. Wie soll man denn feststellen, ob die Kernfusion für die Energiegewinnung relevant sein wird, wenn daran nicht weitergeforscht werden kann, weil die Mittel fehlen?

    Angesichts des derzeit geringen Anteils der regenerativen Energie am Gesamtbedarf, wage ich mir nicht vorzustellen, wieviele Windkraftanlagen für eine 100%ige Versorgung noch aufzustellen sind.

    Dass wir von der Atomspaltung weg müssen ist klar. Dabei können aber insbesondere Windkraftanlagen nur eine, wenn auch notwendige, Zwischenlösung sein. Denn der Platz für die wirklich geeigneten Standorte für Windkraftanlagen ist begrenzt, die Leitungen im Moment sowieso schon an der Kante.

    Daher führt bei vernünftiger Betrachtung kaum ein Weg an der Kernfusion vorbei. Den im Artikel genannten Zeitraum um die Mitte diese Jahrhunderts ist dabei soweit nicht.

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  • Schlagworte Bundesregierung | Energie | Energieversorgung | Euro | Forschung | Kraftwerk
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