Sprachwissenschaften: Anglizismen sind das neue Imponier-Deutsch
Wir joggen, walken, trinken Kaffee to go: Schick ist, wer Anglizismen nutzt. Auch an Hochschulen wird Deutsch stetig entwertet. Muss das sein?
"Dauerlauf?" Das sei ja ein lächerliches Wort. Natürlich müsse es "joggen" heißen, mokierte sich vor etwa 15 Jahren eine Dame in einer Talk-Runde zum Thema Anglizismen. Seit 1965 Broder Carstensens Buch Englische Einflüsse auf die deutsche Sprache nach 1945 erschien, beschäftigt sich die Fachwelt mit dem Phänomen, dass inzwischen in der deutschsprachigen Welt keiner mehr vom Dauerlauf spricht, die Leute aber um die Wette joggen und walken. Auch im Hochschulbetrieb hat die Affinität zum Englischen deutliche Spuren hinterlassen.
Deutsch hat hier mittlerweile so schlechte Karten, dass der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und das Goethe-Institut junge Grafiker, Mediendesigner, Texter, Wissenschaftler, Studierende und Freunde der deutschen Sprache im In- und Ausland zu einem Wettbewerb der Ideen aufgerufen haben. Am 10. November wird in der Zeche Zollverein in Essen ausgezeichnet, wer den gelungensten Werbespruch oder das ansprechendste Plakatmotiv zum Thema "Deutsch in den Wissenschaften" produziert und eingereicht hat.
Immer schon wurde Sprache für feine Unterschiede genutzt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat dafür sensibilisiert, wie Menschen über Mode, Wohnungseinrichtung, Musikstil, Autoauswahl – kurz über alles, was im Leben Stil hat, feine Abgrenzungen von anderen betreiben, Distinktion eben. So grenzen sich die Reicheren stilistisch von den Ärmeren ab, die Jüngeren von den Älteren, die Fortschrittlichen von den Konservativen und die Flotten von den Unflotten. "Kaffee zum Mitnehmen" – das ist der für die Unflotten, ganz klar. Die anderen nehmen den "to go" – die Allerflottesten sprechen das allerdings wie "Togo", dabei hat das westafrikanische Land herzlich wenig damit zu tun.
Anglisierung kommuniziert "ich bin gebildet und international"
An Universitäten und Akademien wird Kommunikation auf Deutsch allmählich entwertet. Ganz unabhängig von der Debatte, dass die deutsche Wissenschaft natürlich in englischen Fachzeitschriften präsent sein will. Neuerdings anglisieren die Gebildeten aber selbst die Latinismen. Wer auch heute noch Latein oder auch Griechisch lernt, dem genügt dies zur Distinktion wohl auch nicht mehr. Auffällig wird dies bei Begriffen wie "dual career" oder "diversity", der im wichtigen Feld der Beschäftigung mit kultureller Diversität grassiert; jede Menge Buchtitel zeugen davon: Diversity Management – Eine neue Managementkultur der Vielfalt, Diversity statt Integration, Diversity für morgen, Migration – Integration – Diversity.
Die Autorin lehrt Germanistische Linguistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache. Helga Kotthoff beschäftigt sich unter anderem mit Humorforschung, Soziolinguistik und der Erforschung interkultureller Kommunikation.
Diese Werke beschäftigen sich mit kultureller Unterschiedlichkeit, vor allem in Deutschland lebender Menschen. Das scheinen einige sprachpolitisch aufwerten zu wollen. Englisch ist eben die internationale Lingua franca und eignet sich insofern zur Anzeige eines Anspruchs auf internationale Orientierung. Funktional ist das bei einem deutschen Buch trotzdem nicht. Es ist rituell. Die Anglisierung kommuniziert jenseits der Wortebene "ich bin nicht nur gebildet, sondern ich gehöre auch einer internationalen community (!) an."
Die Leidenschaft für das Englische hat längst falsche Passagiere an Bord gebracht, wie das Handy und den Beamer. Die sind im deutschen Sprachraum gleich als Marke englischer Eigenbau gemacht worden. Die Linguisten denken, dass niemandem eine Sprache gehört. Alle können sich bei allen Sprachen bedienen. Wenn es aufgegriffen wird, hat es in einer Gemeinschaft Gültigkeit. Alternativ hätte man "Projektor" ja zwecks ritueller Aufladung auch in der Aussprache anglisieren können; das steht jetzt denen offen, die sich tatsächlich oft auf englischsprachigen Konferenzen tummeln.






Sprache ist nichts Statisches, das sich niemals verändern darf. Was ist denn mit den ganzen französischen Einflüssen in der englischen Sprache? Auch in Deutschland war Französisch mal sehr en vogue bei den gebildeten Schichten, mal so nebenbei erwähnt.
Abgesehen davon stelle ich persönlich an den Universitäten einen gegenläufigen Trend fest. Wer sich zumindest in den Geschichtswissenschaften allzu vieler Anglizismen bedient, wo es bedeutend bessere deutsche Alternativen gäbe, wirkt doch nur unprofessionell. (Etwas anderes ist es, aus mehreren Fremdsprachen treffende Begriffe oder gekennzeichnete Phrasen einfließen zu lassen. Das wirkt natürlich eher kosmopolitisch als ignorant.)
Also, die ganze Aufregung ist umsonst. Wenn in der Alltagssprache deutsche Begriffe durch englische ersetzt werden oder es gar erst keine deutschen Begriffe für etwas gibt, dann hat das seinen Grund.
--- stimmt, aber muss ich wirklich "zum Shoppen in die City gehen und anschließend noch meinen Account checken"?
Sicher mag die Aufregung nach einer Weile umsonst sein, falls der Trend doch noch kippt, aber bis dahin nehme ich mir das Recht heraus, mich über Stilblüten allzu dämlicher Art (s.o.) aufzuregen. (;
--- stimmt, aber muss ich wirklich "zum Shoppen in die City gehen und anschließend noch meinen Account checken"?
Sicher mag die Aufregung nach einer Weile umsonst sein, falls der Trend doch noch kippt, aber bis dahin nehme ich mir das Recht heraus, mich über Stilblüten allzu dämlicher Art (s.o.) aufzuregen. (;
"Zudem ist es VÖLLIG egal ob ich nun den einen oder den anderen Begriff für etwas verwende solange man mich versteht."
@JanGoldbeck: --- und genau hier wird das u.U. subjektiv Lächerliche zum Hinderlichen. Englische Ausdrücke werden häufig genutzt, um selbst den miesesten Mist höchst erstrebenswert klingen zu lassen. Ich denke da nur an den "Facility Manager" - Hausmeister will heut halt keiner mehr sein. Das ist Quarksprech ähnlich des Geseiers, das uns an den Politikern so stört, nur eben aus ner andern Kaste und auf englisch; sowas hindert das Verständnis und ist wie im Artikel angeprangert ein Stück weit unehrlich.
Alledings bin ich dagegen, konsequent alles aus dem Deutschen zu entsorgen, was nicht "deutsch" genug klingt.
Manche Begriffe sind Fachbezeichnungen - Übersetzungen sorgen dann nur für Verwirrung.
--- stimmt, aber muss ich wirklich "zum Shoppen in die City gehen und anschließend noch meinen Account checken"?
Sicher mag die Aufregung nach einer Weile umsonst sein, falls der Trend doch noch kippt, aber bis dahin nehme ich mir das Recht heraus, mich über Stilblüten allzu dämlicher Art (s.o.) aufzuregen. (;
Mal wieder einer dieser in mehr oder weniger grossen Abstaenden geschriebenen Artikel zur angeblichen Entwertung der deutschen Sprache. Der Artikel geht aber ueber wichtige Fakten hinweg. Wenn man schon erkennt, dass Englisch die Lingua Franca der Wissenschaften ist, muss man auch erwaehnen, dass nicht nur deutsche Wissenschaftler ihre Ergebnisse auf Englisch in englischsprachigen Zeitschriften publizieren, sondern dass das schlichtweg alle tun, also auch Franzosen, Russen, Hollaender, Spanier, Inder, Japaner, ... Wissenschaft ist nunmal eine internationale Angelegenheit, und am besten redet es sich in einer gemeinsamen Sprache. Und die besten wissenschaftlichen Zeitschriften sind eben international, da es einen globalen wissenschaftlichen Diskurs gibt.
dort, wo er angemessen ist, sondern um die sinnlose wichtigtuerische Vermanschung des Deutschen mit teilweise nur englisch klingenden Wörtern (Scheinanglizismen), welche oft kein Engländer versteht.
Quarksprech eben.
Dazu ein altes Zitat aus dem 17. Jahrhundert (als man nach dem 30jährigen Krieg meinte, deutsch sei nur etwas für Ungebildete):
Johann Michael Moscherosch (1601–1669):
„Fast jeder Schneider
will jetzund leider
Der Sprach’ erfahren sein
und redt latein,
Wälsch und französisch,
halb japonesisch,
Wann er ist doll und voll,
der grobe Knoll.
Ihr bösen Teutschen,
man sollt’ euch peitschen,
Daß ihr die Muttersprach so wenig acht.“
s. Wikipedia: Deutscher_Sprachpurismus
dort, wo er angemessen ist, sondern um die sinnlose wichtigtuerische Vermanschung des Deutschen mit teilweise nur englisch klingenden Wörtern (Scheinanglizismen), welche oft kein Engländer versteht.
Quarksprech eben.
Dazu ein altes Zitat aus dem 17. Jahrhundert (als man nach dem 30jährigen Krieg meinte, deutsch sei nur etwas für Ungebildete):
Johann Michael Moscherosch (1601–1669):
„Fast jeder Schneider
will jetzund leider
Der Sprach’ erfahren sein
und redt latein,
Wälsch und französisch,
halb japonesisch,
Wann er ist doll und voll,
der grobe Knoll.
Ihr bösen Teutschen,
man sollt’ euch peitschen,
Daß ihr die Muttersprach so wenig acht.“
s. Wikipedia: Deutscher_Sprachpurismus
Gerade viele Radiosender, die sich durch Zwangsabgaben der
Bürger finanzieren, sind übereifrig mit der Verwendung von
englischen Begriffen - mir fallen WDR Radio und TV ein !
Man müsste diese Sender bei Strafe verpflichten, weniger
Aglizismen und Englisch zu verwenden !
Wenn man seine (persönliche) Sprache schon mit einer unnötiger Menge Fremdwörtern verschmutzen muss, dann ist es mir (vor allem im akademischen Bereich) lieber, wenn die Ursprungssprache Englisch und nicht Latein (oder gar Altgriechich) ist. Das was im Artikel beschrieben wird ist vor Jahrzehnten, -hunderten schon mit französischen, lateinischen, altgreichischen Fremdwörtern vorgekommen. Und zwar aus genau denselben Gründen.
Letztendlich wirkt jemand, der seine Sprache mit unnötigen Fremdwörtern und Parasitwörtern verschmutzt, lächerlich. Immer und überall.
P.S. Die unglaubliche Präzision der deutschen Sprache ist ein Mythos. Deutsch hat genauso wie alle anderen Sprachen Konzepte, welche damit nicht ausgedrückt werden können.
nichts weiter als englisch ausgesprochenes Latein - warum soll man dann den Umweg übers Englische nehmen? Warum sollte z.B. "doppelte Präzision" (bzw. "doppelte Genauigkeit") weniger brauchbar sein als "double precision"?
nichts weiter als englisch ausgesprochenes Latein - warum soll man dann den Umweg übers Englische nehmen? Warum sollte z.B. "doppelte Präzision" (bzw. "doppelte Genauigkeit") weniger brauchbar sein als "double precision"?
Und wie hält's das Nordlicht mit Latinismen?
;-)
...als Nutzernamen im Internet sehr begrüssenswert. :)
...als Nutzernamen im Internet sehr begrüssenswert. :)
Wer hat denn hier seine Seele verkauft? Und woran machen Sie das fest?
Das Bestreben, möglichst toll auszusehen und sich als großen Durchblicker darzustellen, ist nicht neu. Das gab es schon immer, es äußert sich nur immer wieder mal anders, derzeit etwa durch manische Anglizismenverwendung. Ich glaube nicht, dass das ein Verfallssymptom ist. (Die Alten und Gebildeten glauben doch schon spätestens seit Sokrates, die Welt, das gute Benehmen und die Bildung seien hartnäckig auf dem Weg zum Teufel. Angeblich hatten schon damals die Jungen keinen Respekt mehr für die Älteren, und bestimmt ist das seitdem immer schlimmer geworden. Das kann kaum stimmen, sonst müssten wir heute eigentlich schon wieder auf den Bäumen leben oder gleich in die Ursuppe zurückgekehrt sein.)
dass wir Deutschen vergreisen und aussterben. Dieser Verfall spiegelt sich in unserer Sprache, die wir aufgegeben haben.
"Verfall" ist übrigens das deutsche Wort für "Dekadenz", benutzt zum Beispiel von Thomas Mann im Titel seines Romans
"Buddenbrooks. Verfall einer Familie"
Und das mit unserer Seele - wir Westdeutschen haben sie 1945 an die USA verkauft, unseren großen Bruder, an dessen Seite wir uns Wiedergeburt erhofften, da wir wirtschaftlich, militärisch, moralisch am Boden lagen.
Nüchterner gesagt: Es war Überidentifikation mit den USA, die uns wieder auf die Beine halfen, weil sie Angst vor der Sowjetunion hatten - wir ergriffen diese Chance, was aber seinen Preis hatte.
dass wir Deutschen vergreisen und aussterben. Dieser Verfall spiegelt sich in unserer Sprache, die wir aufgegeben haben.
"Verfall" ist übrigens das deutsche Wort für "Dekadenz", benutzt zum Beispiel von Thomas Mann im Titel seines Romans
"Buddenbrooks. Verfall einer Familie"
Und das mit unserer Seele - wir Westdeutschen haben sie 1945 an die USA verkauft, unseren großen Bruder, an dessen Seite wir uns Wiedergeburt erhofften, da wir wirtschaftlich, militärisch, moralisch am Boden lagen.
Nüchterner gesagt: Es war Überidentifikation mit den USA, die uns wieder auf die Beine halfen, weil sie Angst vor der Sowjetunion hatten - wir ergriffen diese Chance, was aber seinen Preis hatte.
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