MessergebnisseAnzeichen für Kernspaltung im AKW Fukushima

In Reaktor 2 der Atomanlage Fukushima-1 haben Messgeräte frische Spaltprodukte entdeckt. Betreiber Tepco gelingt es bislang mit Borsäure eine Kettenreaktion zu vermeiden. von AFP und dpa

Nach monatelangen Bemühungen, das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-1 einigermaßen zu stabilisieren, rätselt die Betreiberfirma Tepco nun über neue Messergebnisse an Reaktor 2. Sonden hatten die Edelgase Xenon 133 und Xenon 135 aufgespürt. Sie sind Nebenprodukte, die nach der Kernspaltung von Uran 235 entstehen, dem Brennstoff in vielen Atomreaktoren. Beide Substanzen haben eine kurze Halbwertzeit, sodass eine mögliche Kernspaltung erst kürzlich eingesetzt haben muss.

Zwar habe die Gefahr einer Kettenreaktion bestanden, teilte Tepco mit, doch handele es sich nicht um eine akut kritische Situation. Dies lässt sich aus anderen Messwerten ableiten. So hätten sich Temperatur, Druck und radioaktive Strahlung am Reaktor 2 nicht wesentlich verändert. Um die Kernspaltung zu unterdrücken, leiteten Techniker bereits große Mengen Borsäure in den beschädigten Block ein. Damit sei die Gefahr vorerst gebannt.

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Lage in Fukushima-1
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4
Abschaltung nach Beben, Explosion am 12.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 15.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 14. und 16.03.2011 Abgeschaltet vor Beben, Brände und Explosion am 15.03.2011
Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Abgeschaltet und auch vor dem Beben nicht in Betrieb
Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter und Reaktordruckbehälter beschädigt, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude leicht beschädigt, Außenhülle löchrig, Leck im Sicherheitsbehälter vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter beschädigt, Leck vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Wasserstoff aus Block 3 sprengte das Dach, keine Brennelemente im Kern
Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde
Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 400 Brennelemente, Zustand der 292 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen, Zustand der 587 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen beschädigt, Schäden an den 514 Brennelemente im Abklingbecken vermutet (Wasser wird eingespeist) keine Brennelemente im Reaktorkern, die meisten der 1331 Brennelementen im Abklingbecken sind vermutlich nicht beschädigt (Wasser wird eingespeist)
Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes. Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser
Kunststoffzelt über dem Reaktorblock zur Abschirmung austretender Strahlung fertiggestellt kein Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung geplant Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4

Quellen (u.a.): GRS, JAIF, Stand: März 2012
Blöcke 5 und 6
BLOCK 5 BLOCK 6
Abgeschaltet vor Beben Abgeschaltet vor Beben
Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt
548 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 946 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt 764 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 876 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt
Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden
Keine Informationen über austretende Radioaktivität Keine Informationen über austretende Radioaktivität
 
AKW-Übersicht

© ZEIT ONLINE

Die sechs Reaktoren von Fukushima-Daiichi liegen direkt an der Küste im Osten Japans. Ihr Zustand kann auf noch unabsehbare Zeit kritisch bleiben. Die japanische Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage der Anlage mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Evakuierungszone

© ZEIT ONLINE

Ende September wurde die Sperrzone auf Gebiete in einem Umkreis von 20 Kilometern reduziert. Einige Städte außerhalb dieses Bereichs, wie etwa Iitate, die sehr stark durch radioaktiven Fallout belastet worden sind, bleiben jedoch vorerst gesperrt. 

Im vergangenen halben Jahr war es Tepco durch fortwährende Kühlung gelungen, die Temperatur im Reaktor 2 auf unter 100 Grad Celsius zu senken. Das ist eine der Bedingungen für die angestrebte kalte Abschaltung, bei der die Temperaturen allmählich sinken, ohne dass atomare Reaktionen stattfinden. Weiteres Auftreten von Xenongas könne bedeuten, dass es zu neuen begrenzten und vorübergehenden Kernspaltungen komme, sagte der Energieexperte Koji Okamoto von der Universität Tokyo. Allerdings sei eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion, die kritische Ausmaße annehmen könnte, dank der eingeleiteten Borsäure unwahrscheinlich.

Okamoto forderte, dass nun sehr genau beobachtet werden müsse, wie sich die Lage am Reaktor 2 weiter verhalte. Sollte Tepco die Möglichkeit lokaler Kernspaltungen nicht unter Kontrolle bringen, könne auch keine kalte Abschaltung zum Ende des Jahres erreicht werden. Wichtig sei deshalb, die genauen Standorte der Kernschmelze auszumachen, die im Block 2 vorliegt. Dies ist eine schwierige Aufgabe, da die Strahlenwerte im Reaktor derzeit noch zu hoch sind, um solche Untersuchungen überhaupt durchführen zu können.

Insgesamt waren drei der sechs Reaktoren der Anlage Fukushima-1 durch das verheerende Erdbeben vom 11. März und den anschließenden Tsunami schwer beschädigt worden. In den Reaktoren 1, 2 und 3 kam es zu Kernschmelzen. Zehntausende Menschen mussten aufgrund der Strahlenbelastung zahlreiche Gebiete rund um das Atomkraftwerk verlassen. Derzeit sind noch Gebiete im Radius von 20 Kilometern um die beschädigte Anlage dauerhaft gesperrt.

Ein Video der AKW-Betreiberfirma Tepco zeigt den Bau eines Kunststoffzeltes über dem schwer beschädigten Reaktorgebäude 1. Die Konstruktion wurde im Oktober fertiggestellt, um zu verhindern, dass weiterhin radioaktive Partikel in die Umwelt gelangen. Ähnliche Zeltdächer sind für die ramponierten Blöcke 3 und 4 geplant.

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Leserkommentare
  1. "Die Sorge über eine mögliche unkontrollierte Kernspaltung war durch das vermutete Auftreten der Gase Xenon 133 und Xenon 135 entstanden"

    Was bedeutet denn "vermutet" in diesem Kontext? Wurde es gemessen, sprich gibt es Belege oder nicht?

    "Beide Substanzen haben eine kurze Halbwertzeit, sodass eine mögliche Kernspaltung kürzlich erfolgt sein müsste."

    Die Halbwertszeiten sind 5 Tage respektive 9 Stunden. Nur der Vollständigkeit halber.

    • teisi
    • 02. November 2011 10:08 Uhr

    Alle sprechen von Kernspaltung. Müßte es nicht Kernschmelze heißen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Fuji
    • 02. November 2011 10:20 Uhr

    ... Kernspaltung ist korrekt.

    In der Kernschmelze (sofern diese noch flüssig ist), können ja auch weiterhin oder sogar neue kritische Massen entstehen in denen die Kernspaltung (erneut) einsetzen kann.

    Natürlich zerfallen in dieser Kernschmelze auch andere Materialien ständig weiter, aber das ist radioaktiver Zerfall und keine Kernspaltung.

    Wenn's eine Kernschmelze wäre, dann müssten die Temperaturen doch höher sein, oder?

    Da wir so einen Fall wie Fukushima noch nie hatten, weiß vermutlich niemand, was da abgeht. In Basel online habe ich gerade gelesen, dass die Messgeräte im Bereich der Reaktoren nur noch "Error" anzeigen.

    • Fuji
    • 02. November 2011 10:20 Uhr
    3. Nö...

    ... Kernspaltung ist korrekt.

    In der Kernschmelze (sofern diese noch flüssig ist), können ja auch weiterhin oder sogar neue kritische Massen entstehen in denen die Kernspaltung (erneut) einsetzen kann.

    Natürlich zerfallen in dieser Kernschmelze auch andere Materialien ständig weiter, aber das ist radioaktiver Zerfall und keine Kernspaltung.

    Antwort auf "Kernschmelze"
  2. Wenn's eine Kernschmelze wäre, dann müssten die Temperaturen doch höher sein, oder?

    Da wir so einen Fall wie Fukushima noch nie hatten, weiß vermutlich niemand, was da abgeht. In Basel online habe ich gerade gelesen, dass die Messgeräte im Bereich der Reaktoren nur noch "Error" anzeigen.

    Antwort auf "Kernschmelze"
  3. Gestern hat ja ein Japanischer Politiker Fusushima-Wasser getrunken, um zu beweisen wie ungefährlich das ja alles sei.

    Da kann man nur sagen: Wohl bekomm's! Für ein strahlendes Lächeln. Jetzt sogar mir frischen Nukliden!

    Das ist lebensgefährliche Volksverdummung!
    Man müsste alle japanischen Politiker täglich dazu zwingen, Fukushima-Wasser zu trinken...

  4. Redaktion

    Liebe Leser,

    entschuldigen Sie die Verwirrung in der Meldung. Ich habe Sie noch einmal komplett überarbeitet. Xenongase wurden detektiert. Borsäure wurde bereits eingeleitet.

    Es muss hier Kernspaltung heißen, wie es auch Leser Fuji richtig beschreibt. Diese kann innerhalb des geschmolzenen Kernbrennstoffs, der im Block 2 liegt, durchaus wieder einsetzen.

    Gruß aus der Redaktion!

  5. Vattenfall verklagt Deutschland auf Milliardensumme

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,795370,00.html

    Als wusste es der Pöbel nciht Haargenau: Das demokratische BRD-Moratorium war nur Karneval. Die demokratische Merkel wusste von Anfang an, dass die Atomkapitalisten von unseren Volksgeld bedient werden...

    Aber keine Sorge, in dieser Demorkatie gibt es keine Partei, die das Volk nicht verraten hätte - auch die Grünen nicht. Jedenfalls keine Partei, die in dieser Demokratie jemals über 15% kommen würde (auch wenn jeder zweite für diese stimmt).

  6. entschuldigen Sie die Verwirrung in der Meldung."

    Macht nix liebe Redaktion, das gehört bei der Berichterstattung zu Fukushima doch zur Agenda.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe(r) horizons,

    wir versuchen es anders zu machen. Natürlich sind die Informationen verwirrend. Dazu tragen auch Medien und Nachrichtenagenturen bei. Dennoch bleibt unser Anspruch, so deutlich und faktengetreu wie möglich zu berichten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte AKW | Atomkraftwerk | Erdbeben | Sonde | Tsunami | Uran
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