Nach monatelangen Bemühungen, das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-1 einigermaßen zu stabilisieren, rätselt die Betreiberfirma Tepco nun über neue Messergebnisse an Reaktor 2. Sonden hatten die Edelgase Xenon 133 und Xenon 135 aufgespürt. Sie sind Nebenprodukte, die nach der Kernspaltung von Uran 235 entstehen, dem Brennstoff in vielen Atomreaktoren. Beide Substanzen haben eine kurze Halbwertzeit, sodass eine mögliche Kernspaltung erst kürzlich eingesetzt haben muss.

Zwar habe die Gefahr einer Kettenreaktion bestanden, teilte Tepco mit, doch handele es sich nicht um eine akut kritische Situation. Dies lässt sich aus anderen Messwerten ableiten. So hätten sich Temperatur, Druck und radioaktive Strahlung am Reaktor 2 nicht wesentlich verändert. Um die Kernspaltung zu unterdrücken, leiteten Techniker bereits große Mengen Borsäure in den beschädigten Block ein. Damit sei die Gefahr vorerst gebannt.

Im vergangenen halben Jahr war es Tepco durch fortwährende Kühlung gelungen, die Temperatur im Reaktor 2 auf unter 100 Grad Celsius zu senken. Das ist eine der Bedingungen für die angestrebte kalte Abschaltung, bei der die Temperaturen allmählich sinken, ohne dass atomare Reaktionen stattfinden. Weiteres Auftreten von Xenongas könne bedeuten, dass es zu neuen begrenzten und vorübergehenden Kernspaltungen komme, sagte der Energieexperte Koji Okamoto von der Universität Tokyo. Allerdings sei eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion, die kritische Ausmaße annehmen könnte, dank der eingeleiteten Borsäure unwahrscheinlich.

Okamoto forderte, dass nun sehr genau beobachtet werden müsse, wie sich die Lage am Reaktor 2 weiter verhalte. Sollte Tepco die Möglichkeit lokaler Kernspaltungen nicht unter Kontrolle bringen, könne auch keine kalte Abschaltung zum Ende des Jahres erreicht werden. Wichtig sei deshalb, die genauen Standorte der Kernschmelze auszumachen, die im Block 2 vorliegt. Dies ist eine schwierige Aufgabe, da die Strahlenwerte im Reaktor derzeit noch zu hoch sind, um solche Untersuchungen überhaupt durchführen zu können.

Insgesamt waren drei der sechs Reaktoren der Anlage Fukushima-1 durch das verheerende Erdbeben vom 11. März und den anschließenden Tsunami schwer beschädigt worden. In den Reaktoren 1, 2 und 3 kam es zu Kernschmelzen. Zehntausende Menschen mussten aufgrund der Strahlenbelastung zahlreiche Gebiete rund um das Atomkraftwerk verlassen. Derzeit sind noch Gebiete im Radius von 20 Kilometern um die beschädigte Anlage dauerhaft gesperrt.

Ein Video der AKW-Betreiberfirma Tepco zeigt den Bau eines Kunststoffzeltes über dem schwer beschädigten Reaktorgebäude 1. Die Konstruktion wurde im Oktober fertiggestellt, um zu verhindern, dass weiterhin radioaktive Partikel in die Umwelt gelangen. Ähnliche Zeltdächer sind für die ramponierten Blöcke 3 und 4 geplant.