Artenvielfalt : Gleicher Schutz für alle!

Exotische und imposante Lebewesen genießen mehr Artenschutz als Fliegen und Springschwänze, meint Leser M. Rzanny. Aber auch die erfüllen wichtige ökologische Aufgaben.
Auch die Küchenschabe hat einen Platz in unserem Ökosystem verdient.

Die gefühlte Artenvielfalt in unserer Umwelt scheint seit Jahren unverändert. Wir füttern jedes Jahr Tauben, Sperlinge und Enten im Park. Wir rücken immer wieder Gänseblümchen und Löwenzahn im Vorgarten mit der Jätekralle zu Leibe. Und Stubenfliegen, Stechmücken und Zitterspinnen scheinen sich alljährlich erneut im Wohnzimmer breitzumachen.

Einige Organismengruppen genießen dabei unsere größte Aufmerksamkeit. Denn sie spiegeln in erster Linie unsere visuellen Vorlieben wider. Wir haben den Baum des Jahres, den Schmetterling des Jahres, die Orchidee des Jahres und die Libelle des Jahres.

Doch was ist mit den anderen Arten wie Fliegen oder Springschwänze? Diese erfüllen in allen Ökosystemen lebenswichtige Funktionen. Springschwänze mit rund 400 heimischen Arten etwa sind wesentlich an der Bildung von Humus beteiligt und in natürlichen Kreisläufen ebenso wie in der Landwirtschaft von erheblicher Bedeutung.

Allein unter einem Quadratmeter Bodenoberfläche tummeln sich Tausende dieser Exemplare. Und das Vorkommen bestimmter Arten zeigt dem Fachmann präzise den Zustand ihres Lebensraumes an. Was würde passieren, wenn plötzlich die Hälfte aller Springschwanzarten Deutschlands aussterben würde?

Ein Beispiel eines vom Aussterben bedrohten Seesterns in der Gezeitenzone führt uns solch ein Szenario vor Augen. Wird dieser Seestern aus dem System entfernt, so würde eine Muschelart alle andern Arten verdrängen und das System grundlegend und nachhaltig verändern. Das haben Forscher in einem Experiment herausgefunden.

Wenn wir also so weitermachen wie bisher und uns nicht auch für weniger populäre Arten einsetzen, brauchen wir für die Beantwortung solcher Fragen in Zukunft kein Forschungsgeld mehr ausgeben. Dann sind wir nämlich selbst Teil des Experiments.

Es ist also dringend nötig, dass wir auch anderen Arten unsere Aufmerksamkeit schenken und nachhaltig zum Schutz dieser Organismen beitragen – auch wenn sie auf den ersten Blick weniger attraktiv wirken als die Tieres des Jahres 1993, 1996 und 1999 – Wildkatze, Feldhamster und Fischotter.

Der Autor schreibt derzeit an seiner Dissertation im Bereich Ökologie.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Na endlich

ich bremse auch für Fliegen ;-)

Michael Rzanny, Ihr Artikel stimmt mich froh.

Wenn jetzt noch all die Tierrechtsinitiativen ihren Grundgedanken, also das Recht auf Freiheit und ein unversehrtes Leben auf alle Tierarten ausdehnen würden, wären wir endlich einen Schritt weiter.

Aber leider weigern sie sich bislang Tiere ohne Kulleraugen, also alles außerhalb von Robbe, Katze, Hund und Pferd in ihren Schutz-Rechts-Katalog? aufzunehmen.

Bei Stechmücken, Bremsen, Fliegen, Kellerasseln und Kakerlaken wehren sie sich vehement.

Das sollten wir aktiv angehen.

Artenschutz ist eines der am geringsten hinterfragten Zielsetzungen unserer Gesellschaft. Wozu wird Artenschutz betrieben? Für die Artenvielfalt, heisst es. Wozu eine Artenvielfalt gut sei? Für ein intaktes Ökosystem, so sieht dies auch der Autor. Nur wer beurteilt, wann ein Ökosystem als "intakt" bezeichnet wird und wann es aus dem Ruder läuft. Die Maßgabe, dass ein relevanter Eingriff des Menschen dafür verantwortlich sein soll, ist illusorisch. Dann dürfte man diesen Maßstab allerspätestens seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nicht mehr anlegen. Der Kunstgriff sich den Menschen für die Beurteilung eines Ökosystems aus diesem wegzudenken, führt nirgendwo hin. Als relevantes Kriterium bleibt nämlich nur er selbst übrig und zwar in zweierlei Hinsicht:

1. Nutzen: Das Ökosystem läuft dann aus dem Ruder, wenn der Mensch daraus nicht mehr den gewohnten Nutzen ziehen kann oder es ihn bedroht. (Überfischung, Zecken etc.)
2. Ästhetik: Das Ökosystem läuft dann aus dem Ruder, wenn es nicht mehr schön anzusehen ist. (Aussterben der Pandabären, veralgte Seen)

Ein Ökosystem ist immer im Wandel begriffen und in der Lage sich anzupassen. Es hat in Millionen von Jahren keinen Aufpasser gebraucht und wird auch nach dem Menschen einfach weiterfunktionieren. Ich möchte Artenschutz keineswegs kritisieren, aber viel zu oft wird Artenschutz als Gefallen des Menschen an der Natur oder gar den Tieren selbst dargestellt. Dabei handelt es sich um puren Eigennutz.

Artenschutz muss sexy sein

Große Tiere , die bedroht sind und noch schön anzusehen , sind sexy als Galionsfigur. Deshalb wählt man Vögel, Bäume, Orchideen und große Säugetiere. Diese stehen dann aber entsprechend für ein ganzes Ökosystem.
Und bestehende Ökosystem brauchen Aufpasser, die diese Ökosysteme vor den Aufpassern schützt. Sowie wird der "wert" eines Ökosystems durch wissenschaftlich empirsche gesammelten Datensätzen analysiert und festgelegt. Da aber in dieser Welt die schlausten am wenigsten zu sagen haben, werden eigentliche jedwede Ökosysteme mit einem minimalnutzen für die menschen ausgebeutet und zwar rigoros