Leserartikel

ArtenvielfaltGleicher Schutz für alle!

Exotische und imposante Lebewesen genießen mehr Artenschutz als Fliegen und Springschwänze, meint Leser M. Rzanny. Aber auch die erfüllen wichtige ökologische Aufgaben. von Michael Rzanny

Auch die Küchenschabe hat einen Platz in unserem Ökosystem verdient.

Auch die Küchenschabe hat einen Platz in unserem Ökosystem verdient.  |  © Doerkche / photocase.com

Die gefühlte Artenvielfalt in unserer Umwelt scheint seit Jahren unverändert. Wir füttern jedes Jahr Tauben, Sperlinge und Enten im Park. Wir rücken immer wieder Gänseblümchen und Löwenzahn im Vorgarten mit der Jätekralle zu Leibe. Und Stubenfliegen, Stechmücken und Zitterspinnen scheinen sich alljährlich erneut im Wohnzimmer breitzumachen.

Einige Organismengruppen genießen dabei unsere größte Aufmerksamkeit. Denn sie spiegeln in erster Linie unsere visuellen Vorlieben wider. Wir haben den Baum des Jahres, den Schmetterling des Jahres, die Orchidee des Jahres und die Libelle des Jahres.

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Doch was ist mit den anderen Arten wie Fliegen oder Springschwänze? Diese erfüllen in allen Ökosystemen lebenswichtige Funktionen. Springschwänze mit rund 400 heimischen Arten etwa sind wesentlich an der Bildung von Humus beteiligt und in natürlichen Kreisläufen ebenso wie in der Landwirtschaft von erheblicher Bedeutung.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Allein unter einem Quadratmeter Bodenoberfläche tummeln sich Tausende dieser Exemplare. Und das Vorkommen bestimmter Arten zeigt dem Fachmann präzise den Zustand ihres Lebensraumes an. Was würde passieren, wenn plötzlich die Hälfte aller Springschwanzarten Deutschlands aussterben würde?

Ein Beispiel eines vom Aussterben bedrohten Seesterns in der Gezeitenzone führt uns solch ein Szenario vor Augen. Wird dieser Seestern aus dem System entfernt, so würde eine Muschelart alle andern Arten verdrängen und das System grundlegend und nachhaltig verändern. Das haben Forscher in einem Experiment herausgefunden.

Wenn wir also so weitermachen wie bisher und uns nicht auch für weniger populäre Arten einsetzen, brauchen wir für die Beantwortung solcher Fragen in Zukunft kein Forschungsgeld mehr ausgeben. Dann sind wir nämlich selbst Teil des Experiments.

Es ist also dringend nötig, dass wir auch anderen Arten unsere Aufmerksamkeit schenken und nachhaltig zum Schutz dieser Organismen beitragen – auch wenn sie auf den ersten Blick weniger attraktiv wirken als die Tieres des Jahres 1993, 1996 und 1999 – Wildkatze, Feldhamster und Fischotter.

Der Autor schreibt derzeit an seiner Dissertation im Bereich Ökologie.

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Leserkommentare
  1. ich bremse auch für Fliegen ;-)

    Michael Rzanny, Ihr Artikel stimmt mich froh.

    Wenn jetzt noch all die Tierrechtsinitiativen ihren Grundgedanken, also das Recht auf Freiheit und ein unversehrtes Leben auf alle Tierarten ausdehnen würden, wären wir endlich einen Schritt weiter.

    Aber leider weigern sie sich bislang Tiere ohne Kulleraugen, also alles außerhalb von Robbe, Katze, Hund und Pferd in ihren Schutz-Rechts-Katalog? aufzunehmen.

    Bei Stechmücken, Bremsen, Fliegen, Kellerasseln und Kakerlaken wehren sie sich vehement.

    Das sollten wir aktiv angehen.

  2. Artenschutz ist eines der am geringsten hinterfragten Zielsetzungen unserer Gesellschaft. Wozu wird Artenschutz betrieben? Für die Artenvielfalt, heisst es. Wozu eine Artenvielfalt gut sei? Für ein intaktes Ökosystem, so sieht dies auch der Autor. Nur wer beurteilt, wann ein Ökosystem als "intakt" bezeichnet wird und wann es aus dem Ruder läuft. Die Maßgabe, dass ein relevanter Eingriff des Menschen dafür verantwortlich sein soll, ist illusorisch. Dann dürfte man diesen Maßstab allerspätestens seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nicht mehr anlegen. Der Kunstgriff sich den Menschen für die Beurteilung eines Ökosystems aus diesem wegzudenken, führt nirgendwo hin. Als relevantes Kriterium bleibt nämlich nur er selbst übrig und zwar in zweierlei Hinsicht:

    1. Nutzen: Das Ökosystem läuft dann aus dem Ruder, wenn der Mensch daraus nicht mehr den gewohnten Nutzen ziehen kann oder es ihn bedroht. (Überfischung, Zecken etc.)
    2. Ästhetik: Das Ökosystem läuft dann aus dem Ruder, wenn es nicht mehr schön anzusehen ist. (Aussterben der Pandabären, veralgte Seen)

    Ein Ökosystem ist immer im Wandel begriffen und in der Lage sich anzupassen. Es hat in Millionen von Jahren keinen Aufpasser gebraucht und wird auch nach dem Menschen einfach weiterfunktionieren. Ich möchte Artenschutz keineswegs kritisieren, aber viel zu oft wird Artenschutz als Gefallen des Menschen an der Natur oder gar den Tieren selbst dargestellt. Dabei handelt es sich um puren Eigennutz.

    • PigDog
    • 01. Dezember 2011 14:39 Uhr

    Tja, sieht wohl so aus daß Knopfaugen und ein Wuschelfell das Überleben effektiver sichern als ein harter Chitinpanzer.

    Zumindest heutzutage...

    • F.L.O_o
    • 01. Dezember 2011 16:27 Uhr

    Große Tiere , die bedroht sind und noch schön anzusehen , sind sexy als Galionsfigur. Deshalb wählt man Vögel, Bäume, Orchideen und große Säugetiere. Diese stehen dann aber entsprechend für ein ganzes Ökosystem.
    Und bestehende Ökosystem brauchen Aufpasser, die diese Ökosysteme vor den Aufpassern schützt. Sowie wird der "wert" eines Ökosystems durch wissenschaftlich empirsche gesammelten Datensätzen analysiert und festgelegt. Da aber in dieser Welt die schlausten am wenigsten zu sagen haben, werden eigentliche jedwede Ökosysteme mit einem minimalnutzen für die menschen ausgebeutet und zwar rigoros

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    Nennt sich dann auch "Leitart".

    • kyon
    • 01. Dezember 2011 17:07 Uhr

    Na dann mal los!
    Bisher haben wir Tunnel für die Kröten gebaut, jetzt bauen wir Küchen für die Schaben.

  3. Das Ökosystem welches Sie vorgeben schützen zu wollen ist in der Lage sich selbst im Lauf zu halten. Sie könnten alles Gift der Erde verschütten, jegliche Atombomben zünden.Sie würden ein Großteil der Erde eine Zeit lang für Menschen, Flora und Fauna unbewohnbar machen. Was Sie aber nie schaffen werden, die Erde an sich und das Leben auf ihr zu zerstören. Freilich würde die Welt ein neues Antlitz besitzen aber ein Ende wäre es nicht.

    Von daher sollten wir aufhören vom Umweltschutz usw. zu reden und es stattdessen Menschenschutz nennen. Wir schützen uns seit jeher vor den Unbilden der Natur auch wenn wir jene nur zu gerne kultivieren. Natur ist der mächtiger Gegner.

    Für Menschen mit einem romantisch geprägten Idealbild der Natur allerdings, wahrscheinlich mit einem Dauer-Caspar David Friedrich-Schinken vor den Augen, versuchen nun permanent, einen ihrer Ansicht nach Urzustand zu erhalten.

    Beim Klima mit dem unsäglichen 2 Grad-Ziel und in der Fauna mit der Rote Liste. Jegliche Änderungen, auch welche ohne Zutun des Menschen, werten Sie als den Beginn einer nahenden Katastrophe.

    Dabei haben Sie es stets unterlassen, welcher Status nun genau der Ursächliche sei, der von 1798, der von 1436 oder der von 1956. Welche Anzahl von Tieren sind ok, und wenn wo? Mit Artischocken oder ohne.

  4. wobei hier immer nur der Focus auf Rechte nie auf Pflichten gesetzt wird.

    BTW: Kann die Ameise, bei Umsetzung der Menschenrechte für Tiere, den Ameisenbär verklagen, wenn dieser einen Genozid an seinem Volke verübt hat? Werden die Tiere danach auch andere Errungenschaften wie den Gender-Mainstreaming übergestülpt bekommen. Da stellt sich gleich die nächste Frage, wie sieht es mit einem Wahlrecht aus?

    Knuddeltiere zu Botschafter einer, wie auch immer zu erhaltenen Postkartenidylle zu machen, bringt vielleicht Seelenfrieden für romantische Menschen, welche nicht erwachsen werden wollen. Birgt aber immer auch die Gefahr Gottgleich einzuteilen in schützenswert und nicht schützenswert. Da in dieser Welt nicht immer die schlauesten herumkrakeelen wird sich dieser Umstand wohl kaum herumsprechen.

    Deswegen werden Sie in Ihrer gierigen Kapitalismuskritik verharren und Eisbären weiterhin als Klimaboten erkennen.

  5. waren eine Antwort auf 4. von F.L.O_o

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    • F.L.O_o
    • 02. Dezember 2011 8:42 Uhr

    Mit Ihrer Darstellung Antwort Nr. 6 kann ich mich bedingt zurechtfinden. Ein großteil der System , die geschützt werden beinhalten endemische Arten. Das Ziel des Schutzes dieser System ist es diese Arten nicht durch blinde kurz-sichte eingriffe des Menschen für immer zu verlieren. Das hat nix mit einem verstrahlten Ideal nach CDF zu tun. Sowas wird rein pragmatisch Betrachtet.
    Die Biosphäre "Erde" kann weitaus mehr abbekommen als nur ein paar Atombomben.Das Leben ist wie eine Krankheit und nicht so fragil wie manch einer es betrachtet.

    ZU den Richtlinien: Ich glaub das würde den Rahmen dieses Kommentarkästchen sprengen, daher verweise ich auf die FFH Richtilinie von 1992 der EU :

    http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/de/consleg/1992/L/01992L0043-20... (und zwar mit Artischocken)

    Knuddeltiere zu Botschafter machen....nunja ich halte dies auch für eher minderbeschränkt großäugige ,kleingesichtige Tiere für den Naturschutz zu verwenden aber was wirkt den besser?

    EIn Pandabär der gemütlich Bambus kaut oder ein Schleimpilz , der sich gerade über eine tote Schabe hermacht?
    Vermutlich hat der Panda mehr Werbefähigkeiten auf CDF-idealisierte Menschen als ein knuddliger Schleimpilz. Hier geht es nur um die Verhältnismäßigkeiten.
    Im dem Sinne nutzt der Naturschutz Vorzeigemodelle um sein anliegen den Menschen näher zu bringen. Das ist Werbung.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Artenvielfalt | Bildung | Dissertation | Landwirtschaft | Tier | Umwelt
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