Auch die Küchenschabe hat einen Platz in unserem Ökosystem verdient.

Die gefühlte Artenvielfalt in unserer Umwelt scheint seit Jahren unverändert. Wir füttern jedes Jahr Tauben, Sperlinge und Enten im Park. Wir rücken immer wieder Gänseblümchen und Löwenzahn im Vorgarten mit der Jätekralle zu Leibe. Und Stubenfliegen, Stechmücken und Zitterspinnen scheinen sich alljährlich erneut im Wohnzimmer breitzumachen.

Einige Organismengruppen genießen dabei unsere größte Aufmerksamkeit. Denn sie spiegeln in erster Linie unsere visuellen Vorlieben wider. Wir haben den Baum des Jahres, den Schmetterling des Jahres, die Orchidee des Jahres und die Libelle des Jahres.

Doch was ist mit den anderen Arten wie Fliegen oder Springschwänze? Diese erfüllen in allen Ökosystemen lebenswichtige Funktionen. Springschwänze mit rund 400 heimischen Arten etwa sind wesentlich an der Bildung von Humus beteiligt und in natürlichen Kreisläufen ebenso wie in der Landwirtschaft von erheblicher Bedeutung.

Allein unter einem Quadratmeter Bodenoberfläche tummeln sich Tausende dieser Exemplare. Und das Vorkommen bestimmter Arten zeigt dem Fachmann präzise den Zustand ihres Lebensraumes an. Was würde passieren, wenn plötzlich die Hälfte aller Springschwanzarten Deutschlands aussterben würde?

Ein Beispiel eines vom Aussterben bedrohten Seesterns in der Gezeitenzone führt uns solch ein Szenario vor Augen. Wird dieser Seestern aus dem System entfernt, so würde eine Muschelart alle andern Arten verdrängen und das System grundlegend und nachhaltig verändern. Das haben Forscher in einem Experiment herausgefunden.

Wenn wir also so weitermachen wie bisher und uns nicht auch für weniger populäre Arten einsetzen, brauchen wir für die Beantwortung solcher Fragen in Zukunft kein Forschungsgeld mehr ausgeben. Dann sind wir nämlich selbst Teil des Experiments.

Es ist also dringend nötig, dass wir auch anderen Arten unsere Aufmerksamkeit schenken und nachhaltig zum Schutz dieser Organismen beitragen – auch wenn sie auf den ersten Blick weniger attraktiv wirken als die Tieres des Jahres 1993, 1996 und 1999 – Wildkatze, Feldhamster und Fischotter.

Der Autor schreibt derzeit an seiner Dissertation im Bereich Ökologie.