Eine querschnittsgelähmte Frau kann dank des intelligenten Exoskeletts "Ekso" wieder laufen. © Peter Kneffel/dpa

Bis vor Kurzem war PR2 ein geschicktes aber ziemlich unselbstständiges Wesen. Der Roboter konnte Socken falten, Kekse backen und auf Partys Getränke servieren. So etwas wie einen eigenen Kopf besaß er nicht. Das hat sich nun geändert. Bittet man PR2 heute um ein Sandwich, nimmt der rollende Humanoide an, dass er wohl im Kühlschrank fündig werden könnte. Ist dort kein Sandwich zu finden, fährt PR2 kurzerhand einkaufen. Die notwendigen Schlussfolgerungen zieht die Maschine selbst; PR2 wird ohne menschlichen Impuls aktiv.

Glaubt man Rechtswissenschaftlern der Universität Würzburg, liegt genau darin ein Problem. Denn es ist juristisch ungeklärt, wer für Fehler von Maschinen wie PR2 haftet, wenn sie etwa auf dem Weg zum Laden einen Unfall verursachen.

"Das Recht ist auf die rasanten Entwicklungen in der Robotik nicht hinreichend vorbereitet", sagt Eric Hilgendorf. Der 50-jährige Jurist ist Leiter einer weltweit vermutlich einzigartigen Forschungseinrichtung: An der Forschungsstelle Robotrecht versucht ein Team aus Juristen und Informatikern, juristische Fragen rund um den Einsatz von teil- oder vollautonom handelnden Maschinen zu klären. Die Wissenschaftler sehen dringenden Handlungsbedarf: Die unklare Rechtslage wirke bereits jetzt als Innovationsbremse, sagt Hilgendorf. "Wir behandeln Fragen, die der Industrie auf den Nägeln brennen."

Noch mag so manche Überlegung aus dem Würzburger Labor wie Science-Fiction klingen. Doch die Szenarien könnten schon bald Realität werden: In Japan sollen in wenigen Jahren Pflegeroboter Dienst tun, die Patienten selbstständig waschen oder aus dem Rollstuhl heben und ins Bett legen . Hierzulande arbeiten Forscher an einem intelligenten Rollstuhl, der Senioren eigenhändig fährt. Doch wer haftet, wenn die Maschinen Patienten fallen lassen? Der Hersteller, der Programmierer oder der behinderte Fahrer? Neben Problemen der zivil- und strafrechtlichen Haftung geht es den Wissenschaftlern bei ihrer Grundlagenforschung auch um Versicherungsrecht und um neue Sicherheitsregelungen.

Das Projekt erfährt Unterstützung von hoher Stelle: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Arbeit des Würzburger Teams mit 200.000 Euro; aktuell arbeitet die Gruppe im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums für ein Robotik-Förderprojekt .

Immer wieder stoßen die Forscher auch auf aktuelle Fälle, für die es bislang an Regeln und Richtlinien fehlt. Zum Beispiel Hirnschrittmacher. Die Mini-Computer werden in den Kopf von Parkinson-Patienten eingesetzt, um elektrische Signale ins Gehirn zu senden und so die Leiden der Betroffenen zu mindern. Doch mitunter kommt es zu einem unerwünschten Nebeneffekt, die Maschinen steigern den Sexualtrieb. Wer verantwortlich ist, wenn es in der Folge zu einer sexuellen Nötigung kommt, ist juristisch ungeklärt. Ähnliche Probleme sind auch bei Fehlern von automatischen Armprothesen denkbar.

Datenschutz und Menschenwürde beachten

Der Einsatz autonomer Maschinen könnte auch Fragen des Datenschutzes berühren, glaubt Eric Hilgendorf. Pflegeroboter, die Medikamente ausgeben und Blutdruck oder Puls messen, wären auch jetzt schon technisch leicht zu realisieren. Doch muss die Speicherung, Übermittlung und Auswertung der Daten strengen Auflagen genügen, anderenfalls wären sie dem Gesetz nach illegal.

Genauso kann die Menschenwürde kann im Zusammenhang mit Maschinenwesen berührt sein. Der Einsatz aufmunternder Betreuungsroboter für alleinstehende Alte, wie es in Japan bereits geschieht, könnte einem Ruhigstellen gleichkommen, sagt Hilgendorf. In Deutschland wäre das womöglich grundgesetzwidrig.

Doch Juristen hierzulande reagieren zurückhaltend auf die Arbeit der Würzburger Wissenschaftler. Haftungsrechtsexperte Gerhard Wagner von der Uni Bonn etwa sagt, er sehe keinen drängenden Bedarf, solche Fragen zu erörtern. Doch gesteht er zu, dass durch die Eigenständigkeit der Maschinen womöglich eine neue Lage entstehe. Es sei vermessen zu sagen: Über diese Fragen darf nicht nachgedacht werden. Robert Koch, Professor für Versicherungsrecht an der Uni Hamburg , glaubt immerhin, es sei "grundsätzlich sinnvoll über solche Dinge nachzudenken".

Bislang arbeiten Hilgendorf und seine Mitarbeiter an Interpretationen bestehender Gesetzte und Verordnungen; neue seien vorerst nicht nötig, glauben die Wissenschaftler. Doch auch das könnte sich bald ändern. Wenn man den Prognosen von Robotik-Forschern Glauben schenken darf, wird in nicht allzu ferner Zukunft eine neue Spezies die Erde bevölkern, die ein Bewusstsein besitzt, so etwas wie Gefühle und ein Rechtsempfinden. Für solche Geschöpfe bräuchte es dann vielleicht wirklich eigene Vorschriften, sagt Hilgendorf. Seine Prognose: "2100 steht der erste Roboter vor Gericht."