Die Geisteswissenschaften sehen sich unter permanentem Rechtfertigungsdruck. Staat und Wirtschaft rufen nach Absolventen, die den Fachkräftemangel in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern auffüllen. So viel ist bekannt. Eine "Krise massiven Ausmaßes", die weite Teile der Welt erfasst hat, diagnostiziert nun aber die Philosophin Martha C. Nussbaum, eine der führenden Intellektuellen der USA. Die Humanities würden zugunsten der naturwissenschaftlich-technologischen Fächer zurückgedrängt, um das wirtschaftliche Wachstum zu befördern.

Diese Krise sei eine "stille Krise". Aber mit ihr stehe nichts Geringeres als die Zukunft der Demokratien auf dem Spiel. Das hat Nussbaum bereits in ihrem jüngsten Buch "Not for Profit: Why Democracy Needs the Humanities" dargelegt. Jetzt sprach die 64-jährige Professorin von der Universität Chicago als Festrednerin bei einer hochkarätig besetzten Berliner Tagung zur "Zukunft der Geisteswissenschaften in einer multipolaren Welt". Eingeladen hatten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Universität Konstanz und die Volkswagenstiftung.

Nussbaum sieht die Staaten weltweit von einem Hunger nach wirtschaftlichem Wachstum getrieben. Indem sie ihre Erziehungssysteme auf die Beherrschung von Zukunftstechnologien ausrichten, bringen sie "Generationen nützlicher Maschinen" hervor. Um zu überleben, bräuchten Demokratien aber mündige Bürger, die eigenständig denken, Traditionen infrage stellen und sich in die Lage von Mitmenschen mit anderer Herkunft, religiöser oder sexueller Orientierung versetzen können.

Die Sokratische Pädagogik muss verteidigt werden

Selbstverständlich hat Nussbaum nichts gegen eine fundierte Technikerziehung. Doch den Disziplinen, denen zugetraut wird, Volkswirtschaften voranzubringen, würde ohne die Geisteswissenschaften etwas fehlen. Denn im besten Falle seien die Taten und Lehren von Ingenieuren und Wirtschaftsexperten von ihnen beseelt. Um kreativ zu sein, brauchten sie das kritische Denken, den Mut zur Fantasie und das Verständnis für die Komplexität der Welt, das in der Auseinandersetzung mit Literatur, Theater und den Künsten geschult werde.

Ihre Thesen seien "nobel, aber nicht neu", wird aus dem Publikum eingewendet. Um Neues gehe es hier auch nicht, antwortete Nussbaum. Die Sokratische Pädagogik, die Heranwachsende ermutigt, sich und die sie umgebende Welt infrage zu stellen, müsse jedoch immer wieder neu entdeckt und gegen Effektivitätsdenken in Schulen und Unis verteidigt werden. Analytische Unterrichtsgespräche und nicht Auswendiglernen formen aktive Demokraten und wahre Weltbürger, die den Einflüsterungen der Mächtigen und Gierigen widerstehen – und den "Kampf der Kulturen", der sich in jedem Individuum abspiele, zum Guten entscheiden.

Nussbaum verbindet ihre Warnung vor der Erosion der humanistischen Bildung mit dem Capabilities Approach, einem Ansatz, den sie gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Amartya Sen in den 80er und 90er Jahren entwickelt hat. Danach verfügt jeder Mensch über Grundbefähigungen (capabilities) – wie der, sich seiner fünf Sinne, seiner Fantasie und seiner Intelligenz zu bedienen. Politisches Handeln muss darauf ausgerichtet sein, dass die Bürger ihre Potenziale entfalten und ein erfülltes Leben führen können. Dazu muss der Staat ihnen Zugang zu Bildung und Gesundheitsdienstleistungen, zu einer beruflichen Beschäftigung und zur politischen Teilhabe gewähren.

Vorgestellt hat Nussbaum ihre Thesen jetzt auch im Bundestag, vor der Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", die versucht, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen weiterzuentwickeln. Es soll ergänzt werden um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien. Das BIP sage in der Tat wenig aus über den wahren Reichtum eines Staates, erklärt Nussbaum. Das zeige das Beispiel Chinas, wo die Masse der Menschen keineswegs von der boomenden Volkswirtschaft profitiere.