Die Simulation zeigt, wie sich die beobachtete Gaswolke dem supermassiven Schwarzen Loch nähert. © ESO/MPE/Marc Schartmann

Im Zentrum der Milchstraße rast eine große Gaswolke mit acht Millionen Kilometern pro Stunde in ein Schwarzes Loch. Das haben Astronomen bei einer systematischen Beobachtung des Zentrums unserer Galaxie festgestellt. Die Wolke wird in den nächsten Jahren komplett zerrissen und großenteils verschluckt werden, berichtet das Team um Stefan Gillessen vom Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik in Garching im Magazin Nature. Erstmals werden die Forscher damit genau beobachten können, wie ein supermassereiches Schwarzes Loch sich Materie einverleibt.

Die meisten, wenn nicht alle großen Galaxien beherbergen in ihrem Zentrum ein supermassereiches Schwarzes Loch. So auch unsere Milchstraße: In ihrem Zentrum haust ein Schwarzes Loch mit der Masse von mehr als vier Millionen Sonnen. Es ist das einzige supermassereiche Schwarze Loch, das nahe genug ist, um es detailliert zu beobachten. Es entlässt zwar selbst keine Strahlung. Materie, die hineinfällt, heizt sich jedoch so stark auf, dass sie im Röntgenlicht leuchtet. Dieser Prozess ist in anderen Galaxien schon häufig beobachtet worden, das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße ist jedoch seit Jahren besonders ruhig.

Die Astronomen beobachten das schlafende Monster seit fast 20 Jahren systematisch. Mit dem "Very Large Telescope" (VLT) der Europäischen Südsternwarte ESO haben die Wissenschaftler nun die Gaswolke entdeckt, die auf das Schwarze Loch zurast. Sie enthält dreimal soviel Masse wie die Erde und wird sich 2013 bis auf 40 Milliarden Kilometer dem Schwarzen Loch nähern – astronomisch gesehen ein Katzensprung. "Sie wird die Begegnung mit dem Schwarzen Loch nicht überstehen", erläuterte Gillessen in einer ESO-Mitteilung.

Die Wolke werde komplett zerrissen werden und zum großen Teil vom Schwarzen Loch aufgesogen. "Bei dieser Wolke können wir genau verfolgen, wie dieser Prozess tatsächlich abläuft." Erstmals kennen die Astronomen dabei die Masse der hineinstürzenden Materie. Und sie wissen noch mehr: Die Geschwindigkeit der Wolke, die hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium besteht, hat sich in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt.

Zurzeit ist das Gas bereits etwa 280 Grad Celsius warm. Es wird sich auf seinem Weg ins Schwarze Loch auf mehrere Millionen Grad aufheizen und hell im Röntgenlicht aufleuchten, wie Gillessen schildert. "Detaillierte Beobachtungen der Strahlung aus dem galaktischen Zentrum geben uns in den nächsten Jahren die einmalige Gelegenheit, die Eigenschaften dieses Akkretionsflusses genau zu untersuchen und in Echtzeit zu verfolgen, wie das Schwarze Loch Materie schluckt."