"Es war ein kapitalistisches Vorgehen, so ist das nun einmal", hat der Anwalt des Firmengründers lapidar gegenüber der französischen Presse geäußert. Ein Vorgehen, das schon vor zwei Jahren zum Konkurs des Herstellers von "Poly Implant Prothèse" geführt hat. Inzwischen ist das Produkt-Kürzel PIP auch in Deutschland allgemein bekannt: Es steht für Brustimplantate, deren Füllung aus billigem, für diesen Zweck weder zugelassenem noch geeignetem Industriesilikon besteht .

Die Vorgeschichte

Zeitweise war Jean-Claude Mas aus dem südfranzösischen Departement Var einer der Marktführer im Bereich der silikongefüllten Implantate, die vor allem bei gesunden Frauen zur Vergrößerung der Brust , aber auch bei Brustkrebspatientinnen eingesetzt werden. Um die Jahrtausendwende herum gab es jedoch deutliche wirtschaftliche Einbußen, vor allem durch Konkurrenz aus Asien. Etwa um diese Zeit soll in der Firma von Jean-Claude Mas mit dem begonnen worden sein, was sein Anwalt nun ein "kapitalistisches Vorgehen" nennt: Billiges Silikon kam zum Einsatz, das unter anderem zur Herstellung von Matratzen gedacht war. Eine Million Euro sollen damit jährlich eingespart worden sein. Schließlich informierten Firmen-Insider die französischen Behörden. Nach dem 72-jährigen Firmeninhaber wird international gefahndet . Pikanterweise jedoch nicht wegen des Betrugsverdachts, sondern wegen Alkohol am Steuer in Costa Rica.

Die TÜV-Prüfung

Eine deutsche Institution, die die Brustimplantate als Medizinprodukte der Klasse 3 regelmäßig prüfte und ihnen die CE-Kennzeichnung der EU verlieh, ist Jean-Claude Mas nicht auf die Schliche gekommen: Für die europaweite Zulassung der Implantate hatte der TÜV Rheinland regelmäßig geprüft, ob für ihre Herstellung ein zugelassenes Gel verwendet wurde. "Wie wir seit vorgestern wissen, wurde jedoch eine andere Produktion vorgespielt, sobald unsere Gutachter in der Firma anwesend waren", sagte der Konzernpressesprecher Hartmut Müller-Gerbes dem Tagesspiegel.

Als Konsequenz drängt sich auf, für das Erteilen des CE-Zeichens unangemeldete Besuche der Produktionsstätten zur Voraussetzung zu machen. Der plastische Chirurg Peter Vogt von der Medizinischen Hochschule Hannover macht das System der Zulassung von Medizinprodukten für das aktuelle Desaster mitverantwortlich. Neben den angekündigten Besuchen bei den Herstellern gehören dazu auch klinische Bewertungen auf der Grundlage von deren eigenen Daten. "Wir sollten die Bestimmungen an die deutlich strengeren Zulassungsverordnungen für Arzneimittel anpassen", fordert Vogt.

Tests der französischen Behörden

Ende März 2010 wurden die PIP-Implantate in Frankreich vom Markt genommen, die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA hatte allerdings schon im Jahr 2000 Qualitätsmängel angeprangert. Die Aufsichtsbehörde Agence francaise de sécurité sanitaire des produits de santé veranlasste Tests, bei denen die brüchigen Hüllen der Silikonkissen die Zerreißprobe nicht bestanden. Zudem bewirkte das Gel der Füllung Reizungen von Körpergewebe. Schädigungen der menschlichen Erbsubstanz konnten ihm allerdings weder im Laborversuch noch bei Tests mit Mäusen angelastet werden.