Die Verwirrung unter Tierärzten in Deutschland ist groß. Viele fühlen sich überrannt von den Gesetzen , die Agrarministerin Ilse Aigner im Einklang mit der EU-Kommission entwirft, um die Antibiotika-Gabe an Hühner, Schweine und Kühe einzudämmen. Sie will einige Antibiotika, die auch zur Therapie von Menschen dienen, für Nutztiere verbieten. Außerdem sollen Tierärzte stärker überwacht werden. Das Recht der Tierärzte, Arzneimittel nicht nur zu verschreiben, sondern auch zu verkaufen, lässt Aigner gerade überprüfen.

Eine Mitarbeiterin des Ministeriums, Undine Buettner-Peter, hatte die undankbare Aufgabe, den Tierärzten die geplanten Neuerungen zu erklären. Auf dem Leipziger Tierärztekongress Ende Januar sagte sie: "Zurzeit ist Antibiotika-Gabe die Regel. Wir wollen dahin kommen, dass es die Ausnahme wird." Dafür erntete sie fragende Blicke und Raunen.

Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover griff zum Mikrofon: "Es ist Unfug, den Antibiotika-Einsatz zu drosseln", sagte er. "Erst muss die Gesundheit der Tiere verbessert werden, dann sinkt der Antibiotika-Einsatz automatisch. Im Moment gleichen wir mit 70 bis 80 Prozent der Antibiotika-Rezepte reine Management-Fehler in der Landwirtschaft aus."

Resistenzen aus Tierkeimen können sich auf andere Bakterien übertragen

In Großställen besteht jeden Tag Seuchengefahr. Bekommt ein Tier eine Infektion, kann es leicht die anderen anstecken und so großen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Deshalb setzen Landwirte auf Antibiotika. Das heißt nicht, dass der Verbraucher Fleisch mit nennenswerten Antibiotika-Rückständen isst. Das Problem daran ist vielmehr, dass die stetige Gabe von Antibiotika an Zigtausende Tiere die Bildung und Vermehrung resistenter Keime begünstigt. Dass sich Menschen direkt mit Keimen aus dem Stall anstecken, ist selten – und wenn, verläuft das meist glimpflich. Hygiene im Stall und später in der Küche schützt davor. Viel gravierender ist, dass Bakterien ihre Fähigkeit, gegen Antibiotika immun zu sein, an andere Bakterienstämme weitergeben können. Und zwar auch an solche, die potenziell für den Menschen gefährlich sind.

Wir verwenden Antibiotika ohne Respekt, so als wären sie wertlos.
Alexander Friedrich, Veterinärmediziner

Alexander Friedrich, der am Uniklinikum Groningen seit Jahren an resistenten Keimen in Krankenhäusern und in der Landwirtschaft forscht, macht der Umgang mit den Arzneimitteln wütend. "Wir verwenden Antibiotika ohne Respekt, so als wären sie wertlos. Und dabei sind sie unsere wichtigsten Waffen." Er forscht in Holland , wo etwa die Hälfte der resistenten Bakterien, an denen Menschen erkranken, aus Bauernhöfen stammt. In Deutschland ist das anders, hier entstehen mehr als 90 Prozent dieser Erreger, weil Menschen Antibiotika schlucken – oft übereilt. Dennoch sollte auch hierzulande die Antibiotika-Gabe auf den Höfen eingedämmt werden.

Es gibt bereits umfassende Verordnungen zur Antibiotika-Gabe an Nutztiere. Darin steht zum Beispiel, dass diese wichtigen Arzneimittel nicht prophylaktisch an gesunde Tiere verabreicht werden dürfen. Allerdings dürfen sie "metaphylaktisch" eingesetzt werden. Das heißt, sobald ein Tier in einem Stall einen Infekt bekommt, werden meist auch alle anderen vorsorglich mit Antibiotika behandelt . Werden 50.000 Hühner in einem Stall gehalten, ist es recht wahrscheinlich, dass eines davon krank wird.