IngenieurwesenKritik an EU-Plänen für praxisnahen Doktor

In der EU gibt es Pläne für eine neue, anwendungsnahe Promotion für Ingenieure. Deutsche Kritiker befürchten eine Schwächung des Wirtschaftsstandorts.

In der EU gibt es Pläne für eine neue Promotion von Ingenieuren. Sie soll fortan stark beruflich orientiert sein, schlägt eine Gruppe von Fachvertretern vor, die über Projekte mit dem European Institute of Innovation and Technology (EIT) verbunden sind. Noch hat das Papier, veröffentlicht im November, nicht den Weg durch die europäischen Institutionen angetreten. Doch in Deutschland befürchten Kritiker von Universitäten und aus der Industrie, es könnte bald eine große Wirkung entfalten.

Der deutschen, weltweit anerkannten Ingenieurspromotion drohe ein "Qualitätsverlust", der deutsche Wirtschaftsstandort werde geschwächt, sagt Heike Schmitt, Geschäftsführerin des Dachvereins "Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Universitäten (4Ing)". Auch Eckhart Kottkamp vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) befürchtet, die in Deutschland so erfolgreiche Verbindung von Industrie und Universitäten könnte mit dem EU-Doktor zerstört werden.

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Deutschland wurde nicht gefragt

Die EU-Gruppe begründet ihre Vorschläge damit, es fehle ein gemeinsames europäisches Markenzeichen, das in Europa und auch international die Spitzeningenieure als solche erkennbar macht. Diese Marke soll nach Meinung der Gruppe in einem neuen "European Engineering Doctorate (EEngD)" bestehen. Es soll in Abgrenzung zum "traditionellen PhD" keineswegs auf eine akademische Laufbahn vorbereiten, sondern allein auf die Industrie. Entsprechend der Zusammensetzung der 12-köpfigen Gruppe orientiert sich der neue EU-Doktor an der (Ingenieur-)Promotion in Großbritannien, den Niederlanden und in Frankreich. Deutschland, das die meisten Ingenieur-Promovenden hat, wurde nicht nach seiner Meinung gefragt, sagen die Kritiker und argwöhnen, warum: Möglicherweise hofften andere Länder, den übermächtigen Exportriesen zu schwächen, indem man seine Promotion schwäche.

Schon die Trennung zwischen einem akademischen Uni-Doktor und einem angewandten Industrie-Doktor nach britischer Art würde mit dem deutschen Modell brechen. Die deutschen Ingenieur-Promovenden sind meist als wissenschaftliche Mitarbeiter in die Universität integriert und zugleich mit der Industrie durch ihr Projekt verbunden. Die Mehrheit verlässt die Hochschule dann, um in der Industrie zu arbeiten, von wo die Hochschulen sie wieder beruft. Für den Wissenstransfer zwischen Industrie und Hochschule eine ideale Lösung, der Deutschland seine enorme wirtschaftliche Kraft zu verdanken hat, wie die Fakultätentage "4Ing" und der VDMA meinen.

Leserkommentare
    • Chali
    • 04.01.2012 um 14:03 Uhr

    "... den übermächtigen Exportriesen zu schwächen, indem man seine Promotion schwäche"

    Ja, unsere Feinde sind hinterhältig! Die kennen alle Tricks!

    Übrigens steht oben auf dieser Seite
    "Dr. Titel nebenberuflich
    nur für Vollakademiker eigenes Dissertationsthema"

    Eine Leserempfehlung
  1. Eine Promotion ist ein Schritt auf dem Weg einer wissenschaftlichen Laufbahn. Die Praxis, die gemeint ist, ist doch sicherlich das wissenschaftliche Arbeiten. Genauso wie die Praxisnähe in einer akademischen Ausbildung, vulgo Studium, wissenschaftliches Arbeiten ist.

    Ah, doch nicht? Es ist doch das Entwickeln von Produkten gemeint? Lösen sogenannter "wirklicher" Probleme? Praxisnähe im Studium soll durch Praktika gewonnen werden?

    Was für ein Stuss. Wer nicht akademisch arbeiten will, sollte keine akademische Ausbildung machen. Wenn man eine akademische Ausbildung macht, kann man sich nicht über eine "Praxisferne" beschweren, die keine ist. Die Praxis eines Akademikers ist nunmal eine andere als die eines Nichtakademikers. Sogenannte "praxisnahe" Praktika oder Ausbildungsabschnitte sind das genaue Gegenteil. Sie sind eine Abwechslung, sie motivieren vielleicht, sie zeigen andere Möglichkeiten auf. Sie sind alles mögliche, nur nicht praxisnah gemessen am Ziel der akademischen Ausbildung.

    Der Tatsache, dass in bestimmten Studiengängen praktisch kein Interesse an akademischer Ausbildung besteht (BWL als Paradefall) wurde ja schon durch den Bachelor Rechnung getragen. Es war abzusehen, dass auch Master und Promotionen in diesen akademischen Abwärtssog gerissen werden, bei dem es um den möglichst hohen Abschluss an einer möglichst hohen Bildungseinrichtung geht. Ist ja auch in Ordnung, wenn man dann nach den Regeln spielt.

    5 Leserempfehlungen
  2. Wenn ich nur schon höre "EU-Doktor", dann weiss ich, was ich davon zu halten habe, wie bei allem, was diese Brüsseler Bevormundungsorganisation so üblicherweise verbreitet.

    Wie wäre es einmal mit einer Doktorarbeit, bei der genau untersucht wird, welchen Schaden die EU anrichtet.

    2 Leserempfehlungen
    • Zack34
    • 04.01.2012 um 15:16 Uhr
    Eine Leserempfehlung
    • fx-555
    • 04.01.2012 um 15:41 Uhr
    5. Tss...

    Es klingt vielleicht arrogant und polemisch, aber eine Ingenieurs-Promotion zu entwickeln, ohne das "deutsche Modell" zu berücksichtigen, ist für mich ungefähr so als ob das am höchsten verschuldete Euro-Land den EZB-Präsidenten stellt.

    Eine Leserempfehlung
  3. Was soll dieser EU-Doktor bringen? Die Unternehmen zahlen den "Doktoranden" weniger und die bekommen dafür zwei tolle Buchstaben, die sie in den Perso eintragen dürfen oder wie?

    Was spricht dagegen, einfach einen Dipl.-Ing. einzustellen und den dann mit voller Arbeitszeit, "echte" Probleme lösen zu lassen? Das kann er sicher auch ohne zusätzlichen Titelerwerb machen, und sogar noch besser, weil er den ganzen akademischen Formalkram nicht machen muss.

    4 Leserempfehlungen
  4. Deutsche Ingenieurlobbyisten sind manchmal nicht zum Aushalten.

    Es geht vorliegend um ein postgraduales Studium, wie es im Bolognaprozess von Anfang an vorgesehen war. Dieses Studium entwertet die deutsche Promotion auch nicht - zumindest nicht in der Form wie von den Verbänden suggeriert. Die Wahrheit der hochgelobten deutschen Promotion ist eine andere. Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit. Das Dissertationsthema ist häufig reine Auftragsforschung. Mit Warhheitsfindung hat das wenig zu tun. Die Zerstörung dieses sehr einträglichen Geschäftsmodells ist vermutlich die wahre Sorge der Lobbyisten.

    2 Leserempfehlungen
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    • Zack34
    • 04.01.2012 um 20:04 Uhr

    1) Zitat: "Die Wahrheit der hochgelobten deutschen Promotion ist eine andere."

    Die Wahrheit? Sie meinen einen statistisch relevanten Zustand?

    2) Zitat: "Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit."

    ´hatte im MINT-Bereich eine der letzten vollen BATIIa-Stellen, lt. Vertrag standen mir 60% Arbeitszeit für die Lehre, 10% für die Beteiligung an Verwaltungs- und Gremienarbeit... und der Rest, ergo "30% für die eigene Forschungsarbeit, inklusive der Möglichkeit am eigenen Thema zu promovieren".

    3) Zitat: "Das Dissertationsthema ist häufig reine Auftragsforschung.

    Das könnte statistisch stimmen, war bei mir aber schon wieder ganz anders.

    Bologna hat nicht nur in der hiesigen universitären Forschungslandschaft alles andere als einen guten Ruf.

    Bitte nicht nach der angeblichen Praxisorientierung des Studiums durch den Bachelor auch noch eine Verschlimmbesserung der Promotion! Ich kenne nur die Naturwissenschaften, dort kann ich allerdings keine Praxisferne feststellen... die Industrie erwartet quasi sogar, dass man nach dem Diplom/Master die Promotion anschließt.

    @Jakobskaffee: "Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit." Seit wann sind Doktoranden in Drittmittelprojekten von der Lehre befreit? Solange man einen Arbeitsvertrag an der Uni hat, ist man in mehr oder minder großem Umfang auch an der Lehre beteiligt. Von Auftragsforschung kann auch keine Rede sein: Schauen Sie sich Drittmittelstatistiken der Unis an, da kommt nur ein kleiner Anteil von der Industrie, den Löwenanteil tragen DFG & Co.

    • Zack34
    • 04.01.2012 um 20:04 Uhr

    1) Zitat: "Die Wahrheit der hochgelobten deutschen Promotion ist eine andere."

    Die Wahrheit? Sie meinen einen statistisch relevanten Zustand?

    2) Zitat: "Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit."

    ´hatte im MINT-Bereich eine der letzten vollen BATIIa-Stellen, lt. Vertrag standen mir 60% Arbeitszeit für die Lehre, 10% für die Beteiligung an Verwaltungs- und Gremienarbeit... und der Rest, ergo "30% für die eigene Forschungsarbeit, inklusive der Möglichkeit am eigenen Thema zu promovieren".

    3) Zitat: "Das Dissertationsthema ist häufig reine Auftragsforschung.

    Das könnte statistisch stimmen, war bei mir aber schon wieder ganz anders.

    Bologna hat nicht nur in der hiesigen universitären Forschungslandschaft alles andere als einen guten Ruf.

    Bitte nicht nach der angeblichen Praxisorientierung des Studiums durch den Bachelor auch noch eine Verschlimmbesserung der Promotion! Ich kenne nur die Naturwissenschaften, dort kann ich allerdings keine Praxisferne feststellen... die Industrie erwartet quasi sogar, dass man nach dem Diplom/Master die Promotion anschließt.

    @Jakobskaffee: "Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit." Seit wann sind Doktoranden in Drittmittelprojekten von der Lehre befreit? Solange man einen Arbeitsvertrag an der Uni hat, ist man in mehr oder minder großem Umfang auch an der Lehre beteiligt. Von Auftragsforschung kann auch keine Rede sein: Schauen Sie sich Drittmittelstatistiken der Unis an, da kommt nur ein kleiner Anteil von der Industrie, den Löwenanteil tragen DFG & Co.

    • Zack34
    • 04.01.2012 um 20:04 Uhr

    1) Zitat: "Die Wahrheit der hochgelobten deutschen Promotion ist eine andere."

    Die Wahrheit? Sie meinen einen statistisch relevanten Zustand?

    2) Zitat: "Die Mehrheit der Promovenden sind in Drittmittelprojekten beschäftigt, also von der Lehre befreit."

    ´hatte im MINT-Bereich eine der letzten vollen BATIIa-Stellen, lt. Vertrag standen mir 60% Arbeitszeit für die Lehre, 10% für die Beteiligung an Verwaltungs- und Gremienarbeit... und der Rest, ergo "30% für die eigene Forschungsarbeit, inklusive der Möglichkeit am eigenen Thema zu promovieren".

    3) Zitat: "Das Dissertationsthema ist häufig reine Auftragsforschung.

    Das könnte statistisch stimmen, war bei mir aber schon wieder ganz anders.

    Bologna hat nicht nur in der hiesigen universitären Forschungslandschaft alles andere als einen guten Ruf.

    Eine Leserempfehlung

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