Lieber Alexander,

Ich wette, dass 2040 ein entscheidendes Jahr für die Zukunft des Wissens sein wird. Aber diese Wette wirst Du für mich einlösen müssen. Denn im Jahr 2040 wird die letzte Zeitung aus der letzten Druckpresse kommen – zumindest nach den heutigen Abwärtstrend-Berechnungen der amerikanischen Nachrichtenindustrie.

Ja, die letzte Druckpresse. Schon heute machen die Geräte, die wir Drucker nennen, viel mehr, als dass sie bloß Tinte auf Papier drücken. Sie nutzen Düsen, um präzise ein Material auf das andere zu schichten. Damit wird nicht nur Text produziert, sondern es werden Bausteine, Schokolade, sogar Betongebäude hergestellt – und vielleicht bald menschliche Organe.Im Jahr 2040 sind ungefähr fünf Jahrzehnte seit der Erfindung des World Wide Web durch Sir Tim Berners-Lee vergangen. Das ist ein wichtiges Datum. Die führende Gutenberg-Forscherin, Elisabeth Eisenstein, sagt, dass das Buch einst fünfzig Jahre brauchte, um eine neue Form anzunehmen und sich von seinen handschriftlichen Wurzeln zu lösen. Zunächst wurde der Buchdruck nämlich nur als "automatisches Schreiben" verstanden.

 Während ich dies schreibe, haben sich die Produkte der Druckerpresse, die Bücher, Magazine und Zeitungen, noch nicht von ihrer Vergangenheit gelöst, um die Vorteile ihres digitalen Schicksals zu nutzen – so, wie sich einst der Buchdruck von der Handschrift löste. Ich hoffe, das wird sich ändern. Vielleicht fragst Du Dich ja sogar gerade: "Was ist ein Buch?"

Wenn Du diesen Brief liest, hoffe ich, dass sich das Wissen aus der Gefangenschaft in bestimmten Medien befreit hat und neue Wege und Formen findet.

 Wissen ist das Ergebnis von Verbindungen

Ein Freund von mir, der Autor David Weinberger, hat 2012 ein Buch mit dem Titel Too Big to Know geschrieben, in dem er davon ausgeht, dass sich unser ganzes Verständnis von Wissen und Weisheit verändert.

Die deutsche Altersstruktur wird sich bis 2060 radikal ändern. Altern Sie mit! © ZEIT ONLINE

Zu Gutenbergs Zeit verehrten die Menschen das Wissen der alten Griechen und Römer und versuchten, es zu bewahren. Nach der Erfindung der Druckerpresse, in einer Zeit, die von dänischen Wissenschaftlern die Gutenberg-Parenthese genannt wird, begannen wir, Autoren und Experten zu bewundern – also Menschen, die Zugang zur Druckerpresse hatten – was ihnen zusätzliche Autorität verlieh. Doch die Zeit der Druckerpresse ging vorüber. Das Internetzeitalter brach an und wir begannen, das Wissen eines Netzwerkes zu schätzen.

"Der klügste Mensch im Raum ist nicht derjenige, der vorne steht und Vorträge hält und es ist auch nicht die kollektive Intelligenz aller im Raum", schreibt Weinberger. "Die klügste Person im Raum ist der Raum selbst: das Netzwerk, dass Menschen und Ideen zusammenbringt und Verbindungen zu denen schafft, die außerhalb sind."

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Ich hoffe, dass Du in einer Zeit des vernetzten Wissens lebst, in dem sich Informationen, Analysen und Erkenntnisse frei zwischen Menschen und Maschinen bewegen, und dass sich das Wissen immer schneller verbreitet und neuen Wert schafft. Ich hoffe, Du lebst in einer Zeit, in der diese neuen Verbindungen wichtiger sind als die alten Konzepte von Nationen und Institutionen und deren künstliche Grenzen. Ich hoffe, Du wirst Wissen als Ergebnis von Verbindung definieren.

2040 ist etwa 600 Jahre nach Gutenbergs Erfindung. Bis dahin wird diese beeindruckende technologische Umwälzung vielleicht nicht mehr sein als eine Erinnerung, die im Gutenberg-Museum in Mainz ausgestellt wird. Ich hoffe, Du wirst dorthin fahren und sehen, wo die Idee des produzierbaren Wissens begann und wie weit sie gekommen ist.

Dein Jeff Jarvis