Geboren 20122040 fließt Wissen frei durchs Netz

Der Buchdruck ist bald Geschichte. Das Wissen wird künftig keine Grenzen mehr kennen, schreibt Medienwissenschaftler Jeff Jarvis in einem Brief an ein Kind der Zukunft. von Jeff Jarvis

Lieber Alexander,

Ich wette, dass 2040 ein entscheidendes Jahr für die Zukunft des Wissens sein wird. Aber diese Wette wirst Du für mich einlösen müssen. Denn im Jahr 2040 wird die letzte Zeitung aus der letzten Druckpresse kommen – zumindest nach den heutigen Abwärtstrend-Berechnungen der amerikanischen Nachrichtenindustrie.

Jeff Jarvis
Jeff Jarvis

lehrt an der Graduate School of Journalism an der City University of New York und betreibt das Blog BuzzMachine.

Ja, die letzte Druckpresse. Schon heute machen die Geräte, die wir Drucker nennen, viel mehr, als dass sie bloß Tinte auf Papier drücken. Sie nutzen Düsen, um präzise ein Material auf das andere zu schichten. Damit wird nicht nur Text produziert, sondern es werden Bausteine, Schokolade, sogar Betongebäude hergestellt – und vielleicht bald menschliche Organe.Im Jahr 2040 sind ungefähr fünf Jahrzehnte seit der Erfindung des World Wide Web durch Sir Tim Berners-Lee vergangen. Das ist ein wichtiges Datum. Die führende Gutenberg-Forscherin, Elisabeth Eisenstein, sagt, dass das Buch einst fünfzig Jahre brauchte, um eine neue Form anzunehmen und sich von seinen handschriftlichen Wurzeln zu lösen. Zunächst wurde der Buchdruck nämlich nur als "automatisches Schreiben" verstanden.

Geboren 2012 - Die Themenwoche

Wenig fasziniert Menschen so sehr wie die Zukunft. Wie werden wir morgen leben? Wie werden sich unsere Umwelt und unsere Gesellschaft verändern? ZEIT ONLINE wagt den Blick voraus. In zehn Folgen einer Themenwoche fragen wir: Was für ein Leben wird ein Mensch haben, wenn er 2012 geboren wird? Wie wird er lernen, essen, kommunizieren, arbeiten, wie wohnen, lieben, krank werden, regiert werden? Wie wird es schließlich sein, wenn er selbst Kinder bekommt?

Die Antworten, die diese Serie gibt, sind keine allgemeinen. Denn Alexander Geseke, der Held der einzelnen Geschichten, wurde tatsächlich am 3. Februar in Hamburg geboren. Ein echter Mensch also, am Anfang seines Lebens. Geboren 2012 erzählt, was Alexander in seinem Leben begegnen könnte. Allerdings: Alexander ist nicht der richtige Name der Hauptperson. Auch die Namen seiner Eltern wurden geändert, Bilder und Videos der Familie sind nicht mit ihren wirklichen Namen verbunden.

Die Folgen der Serie

Bisher erschienen:

Zukunftsforschung: Warum wir das Unmögliche wagen

Geboren 2012: Alexanders Zukunft beginnt mit 3.690 Gramm

Lernen 2022: Hausaufgaben sind archaischer Unsinn

Politik 2030: Scheitert die Energiewende an einer Eiche?

Essen 2032: Da sagt der Kühlschrank etwas anderes

Kommunizieren 2037: Ein Holo für den Hemdenschneider

Arbeiten 2042: Gleitzeit für immer

Wohnen 2047: Tomaten aus dem Parkhaus

Lieben 2048: Und ewig lockt das Netzwerk

Im Krankenhaus 2050: Alexander wird durchsichtig

Eltern werden 2052: Was ist ein Baby?

Demografie-Rechner: Wo stehen Sie im Gruppenbild unserer Gesellschaft?

ALS E-BOOK

Alle Artikel und Videos der beliebten Serie "Geboren 2012" stehen Ihnen gebündelt in einem E-Book im EPUB- und MOBI-Format zur Verfügung. 

Nach dem Download können Sie jederzeit und überall die Antworten zu den großen Fragen unserer Zukunft entdecken.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books:

www.zeit.de/ebooks

 Während ich dies schreibe, haben sich die Produkte der Druckerpresse, die Bücher, Magazine und Zeitungen, noch nicht von ihrer Vergangenheit gelöst, um die Vorteile ihres digitalen Schicksals zu nutzen – so, wie sich einst der Buchdruck von der Handschrift löste. Ich hoffe, das wird sich ändern. Vielleicht fragst Du Dich ja sogar gerade: "Was ist ein Buch?"

Wenn Du diesen Brief liest, hoffe ich, dass sich das Wissen aus der Gefangenschaft in bestimmten Medien befreit hat und neue Wege und Formen findet.

Ein Freund von mir, der Autor David Weinberger, hat 2012 ein Buch mit dem Titel Too Big to Know geschrieben, in dem er davon ausgeht, dass sich unser ganzes Verständnis von Wissen und Weisheit verändert.

Demografie-Rechner
Die deutsche Altersstruktur wird sich bis 2060 radikal ändern. Altern Sie mit!

Die deutsche Altersstruktur wird sich bis 2060 radikal ändern. Altern Sie mit!  |  © ZEIT ONLINE

Zu Gutenbergs Zeit verehrten die Menschen das Wissen der alten Griechen und Römer und versuchten, es zu bewahren. Nach der Erfindung der Druckerpresse, in einer Zeit, die von dänischen Wissenschaftlern die Gutenberg-Parenthese genannt wird, begannen wir, Autoren und Experten zu bewundern – also Menschen, die Zugang zur Druckerpresse hatten – was ihnen zusätzliche Autorität verlieh. Doch die Zeit der Druckerpresse ging vorüber. Das Internetzeitalter brach an und wir begannen, das Wissen eines Netzwerkes zu schätzen.

"Der klügste Mensch im Raum ist nicht derjenige, der vorne steht und Vorträge hält und es ist auch nicht die kollektive Intelligenz aller im Raum", schreibt Weinberger. "Die klügste Person im Raum ist der Raum selbst: das Netzwerk, dass Menschen und Ideen zusammenbringt und Verbindungen zu denen schafft, die außerhalb sind."

Geboren 2012
Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.

Wie werden wir morgen leben? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum Schwerpunkt Zukunftsforschung zu gelangen.  |  © Michael Danner

Ich hoffe, dass Du in einer Zeit des vernetzten Wissens lebst, in dem sich Informationen, Analysen und Erkenntnisse frei zwischen Menschen und Maschinen bewegen, und dass sich das Wissen immer schneller verbreitet und neuen Wert schafft. Ich hoffe, Du lebst in einer Zeit, in der diese neuen Verbindungen wichtiger sind als die alten Konzepte von Nationen und Institutionen und deren künstliche Grenzen. Ich hoffe, Du wirst Wissen als Ergebnis von Verbindung definieren.

2040 ist etwa 600 Jahre nach Gutenbergs Erfindung. Bis dahin wird diese beeindruckende technologische Umwälzung vielleicht nicht mehr sein als eine Erinnerung, die im Gutenberg-Museum in Mainz ausgestellt wird. Ich hoffe, Du wirst dorthin fahren und sehen, wo die Idee des produzierbaren Wissens begann und wie weit sie gekommen ist.

Dein Jeff Jarvis

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Leserkommentare
  1. nachdem wir alle seit 12 Jahren regelmäßig Urlaub auf den Mond machen, war die Druckerpresse das letzte Relikt der Vergangenheit.

    PS: Es gibt heute schon Leute, die sich fragen "Was ist ein Buch?".Ob das heute oder in 40 Jahren die Bildungseliten sind ist mit herzlich egal, ich habe genug Regalmeter für die Bücher, die ich haben will.

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    S P I T Z E ! ! !

  2. S P I T Z E ! ! !

    Antwort auf "Ja das war ja absehbar"
    • Gerry10
    • 22. Februar 2012 20:26 Uhr

    ...das Buch und die Zeitung haben schon das Radio, das Kino und das Fernsehen überlebt.
    Zugegeben, das Internet hat die Möglichkeit alles oben genannte in einem zu ersetzen, aber(!) wenn einer den Stecker rauszieht? :-)
    Das kann mir bei einem Buch oder einer Zeitung nicht passieren.
    Bücher und Zeitungen wird es auch in 2040 noch geben auch wenn wesentlich mehr vom Bildschirm gelesen wird.
    Ich denke das Bildschirmlesen der Bildung und der Arbeit dienen wird, das gedruckte Buch dem Vergnügen.

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    ... mit dem Stecker der gezogen wird.

    Dann nimmt man eben einen Solar-Rucksack:

    http://www.solar-rucksack.com/

    oder den Suchbegriff einfach mal bei Amazon eingeben, da sind die anderen 20 Modelle.

    Die Bundeswehr hat angeblich sogar eine Solar-Decke im Einsatz mit der man einen Laptop betreiben kann:

    • Nibbla
    • 23. Februar 2012 3:20 Uhr

    Ich hab mir jetzt so ein Lesegerät besorgt. Für Bücherlesen bin ich vollauf begeistert. (PDF für skripte hat der Kindle leider voll versaut)
    Les mehr als je zuvor. Und da es kein Selbststrahler ist, ist auch angenehm zu lesen. Zählt es als Buch? Ich denke schon.
    Strom hält ca 2 Wochen und wenn der Strom hier solange ausgefallen ist, haben wir andere Probleme ;-)

  3. "Die klügste Person im Raum ist der Raum selbst: das Netzwerk, dass Menschen und Ideen zusammenbringt und Verbindungen zu denen schafft, die außerhalb sind."

    möchte ich denn in einer Welt leben, in der das Individuum
    NUR das Medium der Gesamtverfasstheit des Kollektives ist...?

    Also, NOCH sind wir kein Ameisenstaat, der keine eigene
    Empathie für DAS persönliche Schicksal des Individuums,
    des Subjektes, eines intellktuellen Erlebens verinnerlicht.

    UND:

    Wer sagt uns denn, daß die uneingeschränkte Verfügung
    über ALLES Wissen der Menschheit die Menschen fried-
    fertiger werden läßt.., wenn es 'nur' so und so weit
    kommt mit der optimalen ökonomischen 'Betriebstemperatur',
    dann werden wir ALLE glücklich sein, bis an das Ende
    unserer irdischen Tage...? Ich denke, es gibt auch noch
    WEITERE Qualitäten der existentiellen Befindlichkeit,
    als UNUNTERBROCHENEN IMPUT zu realisieren...;

    und schließlich reitet die Menscheit auf dem Tiger,
    das Begehren um die Vorherrschaft über gegebene
    Ressourcen wird IMMER und ÜBERALL des Menschen
    subjektive Fülle mitreißen in einen Abgrund der Gier...,
    der determinsitischen Gier des Killerinstinktes zum
    Überleben SEINER Art und Weise zu denken und sich zu
    kultivieren.

    Wissen ist freilich die Basis unseres Überlebens,
    jedoch braucht MAN sich keine Illussionen machen
    über ein 'ins Kraut schießendes Paradies'.

    Danke für das verständige Lesen.

  4. Informationseinheiten in der Gestalt von Buchstabensuppe
    weiterhin als Lesearbeit zu bewältigen sein wird...,
    ist dieses universale Kulturerbe der Menschheit auch
    in 500 Jahren noch eine 'Quelle der Leidenschaft' des
    literarischen Schaffens...; tatsächlich, wie bereits ein
    Vorredner nun geschrieben, braucht man das Buch nicht
    einzuschalten..., und dieses sinnlich haptische Erlebnis
    der 'exklusiven Schwere in Händen' gibt dem 'literarischen
    Gehalt' eine Dimension der räumlichen Versenkung in den
    Lesestoff..., Seite für Seite umzublättern, des ca. 500-
    Seiten-Schinkens nicht absehbarer Bläterfülle noch zu
    'bewältigender Versenkungsarbeit' eines kontemplativen
    Geisteszustandes gewahr seiend sich vorarbeitend erlösen
    vom Gegenstand der intellktuellen Begierde.

    Und überhaupt Würden diese Leute DANN überhaupt nicht
    diese praktisch geniale Lebenshilfe eines Buches in
    der Gestalt von 'Verlegenheitsnterstellern' sich bewußt
    werden können..., also, MEIN dickes Buch, das nehme ich nicht nur zum Lesen, sondern unterstelle DAMIT auch meiinen
    ComputerBildschirm für meinen 'starren Hals'.
    zum

  5. elektronisch verfügbares Wissen wird noch wichtger sein, aber das gedruckte Wort und Bücher werden noch lange existieren. Außerdem: nicht alles, was man liest und glaubt verstanden zu haben, ist dadurch wirklich verstanden. Zwischen Fakten"wissen" und Erfahrungswissen gibt es einen großen Unterschied.

  6. Was ist eine Wissengesellschaft wert, bei der die elektronische Informationskontrolle jene Inhalte determiniert, die wir erfahren sollen und all jenes Relevante verschweigt, das bestimmten Machtstrukturen schadet? Wissen wird erworben, nicht verwaltet. Die jederzeitige Verfügbarkeit von "Wissen" lässt es unnötig erscheinen, sich Wissen anzueignen, Fakten zu kennen und eigenen Gedankengänge daraus zu formen. Wenn alles offenbar verfügbar ist, warum sollte man sich die Mühe machen, noch selbst etwas zu wissen. Die Wissensgesellschaft ist dabei zu verdummen. Widersprüche werden nicht mehr erkannt weil die Werkzeuge für eine kritische Betrachtungsweise fehlen. Wissen basiert auf Fakten und wer keine Fakten kennt sondern sie in der Datenbank hortet, wird nicht darauf kommen, sie zu verwenden. Damit ist dieses Wissen verloren. Das ist das Paradoxon der Wissensgesellschaft.

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    Vorher musste man alles auswendig lernen, aber seit es Schriftrollen und sogar Bücher gibt, kann man ja alles nachschlagen...

    Das ändern Internet, Wikipedia und Google nicht substanziell. Und es gilt auch heute noch: Man guckt nur nach, wenn man's nicht weiß. Denn noch ist der Zugriff auf die Information im Hirn schneller als das Netz, und lesen (und verstehen!) muss man das Gefundene ja auch noch.

    Bücher wird's in 28 Jahre noch geben, so wie es heute noch Schallplatten gibt. Ein eigentlich völlig überflüssiges Medium, das eine nicht unerhebliche Fangemeinde hat. Bei den Zeitungen dagegen, da seh' ich schwarz. Und das wird auch keinen linearen Verlauf geben, das wird schneller gehen. Die Fischhändler müssen sich etwas neues einfallen lassen, um ihre Ware zu verpacken.

    • kerle51
    • 23. Februar 2012 11:46 Uhr

    Ja, warum sollte man sich denn die Mühe machen, etwas zu wissen? Doch nur dann, wenn es einen interessiert, wenn es einen emotional berührt, wenn es notwendig ist und nicht, wenn jemand anderes meint, ich müßte verschiedene Dinge "wissen". Dann macht es keine Mühe mehr, Wissen zu erlangen, dann erwirbt man es leicht nebenbei.
    Bedrucktes Papier gehört übrigens zu den größten Umweltzerstörern, die es gibt. Daher arbeiten wir in unserem Büro weitgehend papierlos, auch ich mit über 60 habe mich daran zu gewöhnen.

  7. Und wo ist jetzt mein atomgetriebenes fleigendes Auto?

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