Drei Anrufe: "Wie werden wir in vierzig Jahren leben?"
"Das kann ich Ihnen sagen", antwortet der Stadtplaner. "Was genau wollen Sie wissen?"
"Einige Ideen haben wir da schon", sagt der Bildungsforscher. "Obwohl es ja immer schwierig ist, in die Zukunft zu schauen."
"Wie soll ich das wissen? Ich weiß ja noch nicht einmal, was in drei Monaten sein wird", stöhnt der Politiker.

Die Zukunft ist eine schwierige Angelegenheit. Je weiter wir vorausschauen, desto leichter verlieren wir uns in mehr oder weniger begründbaren Wahrscheinlichkeiten. Sie speisen sich aus den großen Trends unserer Zeit: Klima- und demografischer Wandel, Energiekrise, Globalisierung und Kapitalismuskritik. Was davon wird Wirklichkeit, was wird sich als Trugbild erweisen? "Nichts", schrieb Elisabeth von Thadden in der ZEIT , "scheint gegenwärtig gewisser zu sein als eine umfassende Ungewissheit, was werden soll."

Sollten wir uns also lieber gar nicht mit dem Kommenden beschäftigen, wo die Gegenwart schon Mühen genug zu bieten hat? Ganz und gar nicht. Denn die Zukunft ist weit mehr als trüber Nebel am Morgen. Sie ist der Hort unserer Hoffnungen.

Seit die westliche Zivilisation ihre Fortschrittsidee entwickelte, ist das Morgen zum Ziel alles Heutigen geworden. Zugleich betrachtet, wer auf das Zukünftige blickt, immer das Gestern und Heute, sein Entstehen, seine Chancen, auch seine Gefahren und Missverständnisse. Denn wenn wir eine Welt beschreiben, die es noch nicht gibt, können wir sie uns nicht anders vorstellen als in der Kategorie dessen, was schon ist.

Zukunft als Mode

Ein Beispiel: In den gesellschaftsutopischen Entwürfen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, von Aldous Huxleys Schöne neue Welt bis zu George Orwells 1984 , schloss sich die Zukunft unmittelbar an die autoritär geprägten politischen Erfahrungen der damaligen Gegenwart an. Technischer und politischer Fortschritt, so schien es, mussten sich totalitär verbinden, Technik würde zwangsläufig zum Mittel der Repression werden.

Unsere heutige Erfahrung lehrt dagegen, dass das so sein kann, wenn beispielsweise im Iran oder in China gewaltige Überwachungsapparate aufgebaut werden. Gleichzeitig wissen wir aber, dass die modernen Kommunikationstechniken demokratische Umbrüche, sogar Revolutionen beflügeln können, wie wir sie im arabischen Frühling erlebten. Huxleys und Orwells Entwürfe bleiben also mögliche Szenarien – unter anderen.

Richtig in Mode kam die Zukunft in den fünfziger und sechziger Jahren. Forscher unterschiedlichster Disziplinen prognostizierten damals mit größter Gewissheit, was die kommenden Jahre bringen würden. Viele ihrer Ideen erscheinen uns heute naiv: fliegende Autos, atomar betriebene Meerwasserentsalzungsanlagen, perfekte Übersetzungsroboter, die menschliche Besiedelung des Mars. Wunderbarer Unsinn, der die Phantasie anregt, aber eben auch belegt, was alle schon wussten: Der Haken an der Zukunft bleibt, dass wir sie nicht kennen.