Zwei Kinder vom Volk der Yupno in Papua-Neuguinea

Wenn Europäer über Vergangenes sprechen, deuten sie oft mit der Hand nach hinten; reden sie über Zukünftiges weisen sie nach vorn. Auf dieser räumlichen Vorne-Hinten-Achse werden zeitliche Ereignisse eingeordnet, wobei die Position des Sprechers jeweils für das Jetzt steht.

Mangels gegenteiliger Befunde hielten Kognitionswissenschaftler diese Einteilung lange für universell gültig – bis Forscher um Rafael Núñez beim Volk der Aymara auf eine umgekehrte Anordnung stießen: Die Andenbewohner zeigen etwa nach vorne, wenn sie über Vergangenes sprechen.

Nun ist der Forscher von der University of California in San Diego mit einem Team, zu dem auch der Heidelberger Ethnologe und Papua-Neuguinea-Experte Jürg Wassmann zählt, auf ein noch bemerkenswerteres System gestoßen – bei den rund 5.000 relativ isoliert in den Bergen Papua-Neuguineas lebenden Angehörigen der Yupno.

Wenn der Sprecher über "gestern" redet, zeigt er hangabwärts, unabhängig von seiner eigenen Orientierung im Raum. Für "morgen" deutet er zum Rand des Tals. © Embodied Cognition Laboratory, UC San Diego

Wie die Forscher durch Analysen von Gesten aufzeigten, deuten die Yupno in Richtung einer bestimmten Stelle hangaufwärts, wenn sie über Kommendes reden, und zu einem Punkt in Richtung Tal, wenn es um die Vergangenheit geht. Befinden sie sich bei einer Unterhaltung im Innern eines Hauses, liegt für sie Vergangenes dort, wo sich der Hauseingang befindet, und Zukünftiges am gegenüberliegenden Ende oben.

Damit ist das räumliche Metaphernsystem der Yupno gleich in mehrerer Hinsicht außergewöhnlich. Laut den Forschern wurde bislang noch nie beobachtet, dass Menschen ein allozentrisches System, das sich an absoluten Raumkoordinaten und nicht der Orientierung des Sprechers ausrichtet, zur Veranschaulichung von Zeit verwenden. Zumindest nicht für relative Zeitbegriffe, die sich auf einen Referenzpunkt – das Jetzt – beziehen (wie "gestern", "übermorgen", "vergangenes Jahr").

Die rund 5.000 Yupno leben von der Landwirtschaft in verstreuten Dörfern einer abgelegenen Region Papua-Neuguineas, den Finisterre-Bergen. © Embodied Cognition Laboratory, UC San Diego

Darüber hinaus bilden die beiden Richtungen zusammen mit der Position des Sprechers (dem "Jetzt") einen Winkel und keine gerade Linie. Statt das Gegensatzpaar "hangaufwärts/hangabwärts" zu verwenden, würden die Yupno auf einen mehr oder weniger eng begrenzten Bereich zeigen, in dem die Quelle des Flusses Yupno liegt, berichten die Wissenschaftler. Die talseitige Vergangenheit befinde sich dagegen in Richtung von dessen Mündung. Damit folgt ihr mentaler Zeitstrahl einer Art Kurve durch den dreidimensionalen Raum.

Welche Vorstellung dem Ganzen zu Grunde liegt, lasse sich nach Ansicht des Forscherteams nicht sicher sagen. Möglicherweise spiele die überlieferte Erzählung eine Rolle, nach der ihre Vorfahren von der Küste aus in die Bergwelt gekommen seien. Der Taleingang könnte deshalb möglicherweise mit der Vergangenheit assoziiert werden.

Für ihre Studie hatten die Forscher Interviews mit 27 Informanten auf Video aufgezeichnet, während diese unter anderem über Zeit sprachen. Unterdessen wurden die Befragten immer wieder umgesetzt, um ihre räumliche Orientierung zu verändern. Die über 800 Gesten, die die Yupno während der Gespräche produzierten, ließen sie anschließend von verblindeten Kodierern auswerten.

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Dass die Yupno speziell dieses System zur Veranschaulichung zeitlicher Gegebenheiten verwenden, kommt nicht ganz überraschend. Wie sich schon bei früheren Untersuchungen herausgestellt hatte, verwenden sie die allozentrische Unterscheidung "hangaufwärts/hangabwärts" auch, um über räumliche Anordnungen zu reden. Befinden sich beispielsweise zwei Gegenstände A und B auf einem Tisch, heißt es bei den Yupno nicht "A steht links von B", sondern "A steht hangabwärts von B".

Ähnliche allozentrische Systeme sind noch in weiteren Kulturen weltweit anzutreffen. In der Regel orientieren sie sich jedoch an den vier Himmelsrichtungen. Inwiefern solche kulturell geprägten Konzeptualisierungen von Zeit und Raum das Denken prägen, ist ein umstrittenes Forschungsfeld.

Erschienen auf spektrum.de