Das unterschätzte TierDiese Muschel weiß, was wirklich jung hält

In der Schale der Islandmuschel steckt womöglich das Geheimnis ewiger Jugend. Klimaforscher lieben sie. Die Muschel selbst fristet ein ödes Dasein. von 

arctica islandica Islandmuschel

Eine Islandmuschel  |  © Hans Hillewaert/CC-BY-SA-3.0

Aus Marketing-Sicht ist die Islandmuschel eine ziemliche Niete. Zwar klingt ihr lateinischer Name Arctica islandica nach Meer und Abenteuer, das war's dann aber auch schon. Ansonsten verbringt sie ihr Leben im Schlick, filtriert den lieben langen Tag Wasser und hofft, dass sie nicht ins Visier der Muschelfischer gerät.

Dabei hält die Muschel einen Rekord: Sie ist das älteste höher entwickelte Tier der Welt. Das bislang älteste Exemplar, das Forscher fanden, brachte es auf 410 Jahre. Damit liegt das Weichtier im Rennen um das längste Leben weit vor den üblichen Verdächtigen wie Galapagos-Schildkröte oder Grönlandwal.

Anzeige

Jungbrunnen zwischen zwei Schalen

Steckt das Geheimnis der ewigen Jugend also zwischen zwei Schalen? Was können wir lernen von einem Tier, das den Dreißigjährigen Krieg überlebte, ein Zeitgenosse Goethes war, von den Wirren der Französische Revolution verschont blieb und den Kommunismus und die Beatles aufsteigen sah?

Zunächst einmal nicht viel, denn Arctica islandica ist verschwiegen. Aufmerksam muss der Beobachter sein, sonst taucht die unscheinbare Methusalem-Muschel einfach ab: In unregelmäßigen Abständen schließt sie ihre Schale und gräbt sich mit dem Fuß in den Untergrund. Irgendwann taucht sie wieder auf – und sieht immer noch genauso aus wie vorher.

Sauerstoffradikalentheorie

Es gibt eine Reihe von Theorien über das Alter. Eine ist die Free Radical Theory of Aging. Sie geht davon aus, dass bei der Zellatmung entstehende Sauerstoffradikale die DNA – also den Strang aus Desoxyribonukleinsäure, auf dem der genetische Code in Form von Basenpaaren gespeichert ist – schädigen und so für Alterung verantwortlich sind. Abschließend ist der Einfluss der Radikale aber nicht geklärt. Es gibt nach wie vor eine Reihe von Zweifeln an dem einfachen Erklärungsansatz.

Altersbestimmung

Arctica islandica hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen langlebigen Tieren: Man kann ihr Alter ziemlich genau bestimmen, denn die Muscheln bilden Jahresringe, ähnlich wie Bäume. Damit werden die Tiere auch für Klimawissenschaftler interessant, lassen sich doch anhand der Ringe Eiszeiten oder Schwankungen der Umweltbedingungen ablesen.

Um die Ringe zu sehen, müssen die Muschelschalen einmal längst geschnitten und dann unter dem Mikroskop untersucht werden. Je älter eine Muschel umso genauer muss man hinschauen: Während die Tiere in ihren ersten Jahren sehr viel Größe pro Jahr gewinnen, werden die Zuwächse im Laufe der Jahre immer geringen. Wissenschaftler sprechen dann von einem asymptotischen Wachstum.
 

Delikatessen

Arctica islandica wird in Nordamerika ocean quahog genannt und gilt als Delikatesse. In Europa ist die Lage ein wenig anders: Vor der Wirtschaftskrise verdienten eine Reihe von Fischern auf Island ihr Geld damit, die Muscheln zu fangen. Nach dem wirtschaftlichen Kollaps des kleinen Inselstaates gingen viele der Fischereifirmen pleite. Im Moment landen also kaum Muscheln in Fangkörben.

Doch der erste Eindruck täuscht. Während die Muschel im Schlamm war, hat sie Unglaubliches vollbracht. Sie hat ihre Alterung aufgehalten. Wenn die Muschel ihre Schale schließt, bekommt sie keinen Sauerstoff mehr. Für die meisten Tiere wäre das ein Todesurteil. Für Arctica islandica ist es eine Verjüngungskur. Die Islandmuschel kann ihren kompletten Stoffwechsel umstellen, sodass sie ohne Sauerstoff auskommt. Der Clou: In dieser Phase können auch keine Sauerstoffradikale ihr Erbgut schädigen.

Angesichts dieser Fähigkeiten, könnte man neidisch werden. Da tröstet zu wissen, dass das Leben auch für Islandmuscheln zuweilen ungerecht ist. Zumindest für diejenigen, die im falschen Teil der Weltmeere zur Welt kamen. Während Muscheln vor der Küste Islands nämlich locker 200 Jahre werden, wird in der Ostsee kein Tier älter als 40. Chancengleichheit ist also auch unter Muscheln eine Utopie – die Herkunft entscheidet stark über das Schicksal der Tiere.

Woran das liegt, können Forscher bislang nur mutmaßen. Fest steht, dass die Ostsee erdgeschichtlich noch sehr jung ist und ihr Salzgehalt sowie ihre Temperatur schwanken. Das bedeutet Stress für die sonst so geruhsamen Muscheln.

Was ist Ihr unterschätztes Tier?

Ist Ihnen beim Lesen ein Tier eingefallen, das Sie für absolut unterschätzt halten? Dann schreiben Sie gerne selbst einen launigen Leseartikel darüber: Was kann das Tier Besonderes? Und warum ist es für Sie so wichtig? ZEIT ONLINE freut sich über Ihren Beitrag. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen.

So schreiben Sie Leserartikel

ZEIT ONLINE präsentiert regelmäßig ausgewählte Leserartikel, die unsere eigenen Inhalte um zusätzliche Meinungen, Erfahrungsberichte und Sichtweisen bereichern. Vor der Veröffentlichung nehmen wir mit den Autoren Kontakt auf und sprechen über den Text, anschließend wird der Leserartikel von uns redigiert und bebildert. Alle weiteren Informationen finden Sie in unseren Leserartikel-FAQ.

E-BOOK

Unsere beliebte Serie "Das unterschätzte Tier" steht Ihnen in zwei Bänden mit exklusiven Tierzeichnungen als E-Book zur Verfügung. Nach dem Download können Sie jederzeit und überall die Fähigkeiten von Ameisenigel bis Zebrafisch auf Ihrem elektronischen Lesegerät bewundern.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Aus menschlicher Sicht gewinnt die Islandmuschel durch ihr extrem langes Dasein nicht unbedingt an Lebensqualität dazu. Einsam und eintönig vergehen die Jahre. Zwar lebt Arctica islandica in Kolonien mit vielen Tausend Tieren, doch in der Masse bleibt jede Muschel für sich, allein zwischen ihren beiden Schalen geklemmt. Auch ihr Speiseplan ist eintönig: Es gibt Zooplankton, tagein, tagaus.

Und Sex? Fehlanzeige, Arctica islandica pflanzt sich ungeschlechtlich fort.

Für die Wissenschaft ist die Islandmuschel keine Langweilerin: Am Rand ihrer Kalkschale bildet sich Jahr für Jahr ein neuer Wachstumsring, der über Jahrhunderte wertvolle Informationen über das Meer, das Klima und die Bedingungen auf der Erde speichert. Klimaforscher lesen darin wie in einem Buch aus alten Zeiten.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Keinen unnötigen Stress, alles ruhig angehen und ab und zu mal lange die Luft anhalten.

  2. ist das Fischstäbchen. Dabei lieben es die Kinder wie kaum ein anderes.

  3. bestimmt auch einige anmerkungen was unser menschenleben angeht :)
    vielleicht wird sie nach dem muschelkalender auch nur 80 jahre alt satt 410 nach dem menschenkalender

  4. dass man entweder lange oder interessant leben kann.

  5. "Einsam und eintönig vergehen die Jahre." Und "Auch ihr Speiseplan ist eintönig: Es gibt Zooplankton, tagein, tagaus."
    Und: "Und Sex? Fehlanzeige". Da fällt mir doch glatt der Spruch ein: Gebt statt dem Leben mehr Tage den Tagen mehr Leben.

  6. dann hätte das System, in dem sie lebt und arbeitet, sicher längst einen perfiden Weg gefunden, sie dermaßen in das Hamsterrad dieses Systems einzubinden und mit permanentem Leistungs- und Konsumterror zu überfrachten, dass sich ihre Lebenserwartung längst ganz von alleine auf ein "sozialverträgliches" Maß reduziert hätte.

    Das Glück, dass diese Muschel aber nicht direkt einem kapitalistischen Terror ausgesetzt ist, wird allerdings konterkariert durch das allgegenwärtige System des Homo sapiens, dessen rücksichtslose und unkontrollierte Aktivitäten und Hinterlassenschaften leider kein Lebewesen in der irdischen Schöpfung unversehrt lässt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eine Muschel "arbeitet" bis zum Umfallen, sie bezieht niemals Rente. Damit ist sie auch nicht allein: Wie viele Mäuse kann sich ein schlauer Fuchs auf die hohe Kante legen, um damit wie lange in Rente zu gehen?
    Rente ist eine ganz frische Erfindung der Gesellschaft, deshalb haben wir das Prinzip noch nicht verstanden.

  7. Mithilfe dieser Muschel lässt sich das Leben eines Menschen wohl kaum verlängern. Viel interessanter finde ich da doch eher die Chance für die bemannte Raumfahrt. Wenn man den Prozess dieses "Winterschlafs" für Menschen nachahmen könnte, ließen sich so lange Reisen zu weit entfernten Himmelskörpern realisieren.

  8. ... schaut in der Straßenbahn
    Der Reihe nach die Leute an:
    Jäh ist er zum Verzicht bereit
    Auf jede Art Unsterblichkeit.
    Eugen Roth

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Das unterschätzte Tier
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Erbgut | Rekord | Stress | Tier | Abenteuer | Fest
Service