Open AccessWissenschaftstransfer statt Geheimwissen

Wer in freien Magazinen publiziert, muss Forschungsgeld opfern. Für "Science" oder "Nature" zahlen Bibliotheken. Dennoch fordern viele Forscher Open Access. von 

Wenn Sie auf ZEIT ONLINE über aktuelle Forschung aus Science , Nature oder anderen Wissenschaftsmagazinen lesen, funktioniert das, weil Journalisten Zugang dazu bekommen. Jeder andere müsste für die Papers bezahlen. Und das, obwohl die Öffentlichkeit indirekt für vieles davon schon bezahlt hat – in Form von Steuern. Denn etwa ein Drittel der Forschung allein in Deutschland wird durch staatliches Geld finanziert .

Kann das richtig sein? Dürfen Verlage den Zugang zu diesem Wissen durch eine Paywall versperren? Darum wird derzeit weltweit debattiert. Open-Access-Initiativen in den USA , Großbritannien und auch in Deutschland fordern freien Zugang zu Ergebnissen, die aus öffentlich geförderter Forschung resultieren.

Anzeige

Die Realität ist noch eine andere. 2009 präsentierten finnische Forscher dazu in dem frei zugänglichen Magazin Plos One die aktuellen Zahlen: Danach waren im Jahr 2008 rund 20 Prozent der Forschungspublikationen frei verfügbar – 8,5 Prozent in Open-Access-Magazinen, 11,9 Prozent anderweitig frei zugänglich im Internet auffindbar.

Der Großteil der Wissenschaftsartikel war jedoch zugangsbeschränkt. Wer sie trotzdem lesen will, muss dafür bezahlen. Ein Artikel kostet um die 30 US-Dollar, für ein Abonnement eines Magazins zahlt eine Universitätsbibliothek bis zu 40.000 US-Dollar pro Jahr .

Ein Argument der Verlage, Geld für ihr Angebot zu nehmen, sind die hohen Kosten, die von der Auswahl eines Fachartikels bis zur Veröffentlichung entstehen. Allerdings bleibt meist unerwähnt, dass die Forscher auch etwas bezahlen müssen , um ihre Arbeiten in den Magazinen zu platzieren. Sie reichen dort den Artikel als fertiges Manuskript ein, das bei Bedarf mehrfach überarbeitet wird. Ob Bedarf besteht, ermitteln jedoch nicht Mitarbeiter des Verlages, sondern Forscher desselben Fachgebiets, die den Text – ohne dafür honoriert zu werden – auf Unstimmigkeiten überprüfen und Verbesserungsvorschläge machen. Ketzerisch fragen Kritiker da, wofür genau die Verlage bezahlt werden.

Forscher zahlen für die Publikationen in Fachmagazinen

Fest steht zumindest, dass die Verlage dank der Publikationen Gewinne erzielen . Elsevier machte im Jahr 2011 umgerechnet rund 1,2 Milliarden US-Dollar Gewinn, bei einem Umsatz von deutlich mehr als drei Milliarden. Das entspricht einer bemerkenswert hohen Gewinnmarge von 37,3 Prozent – vergleicht man sie etwa mit Apples Rekord-Gewinnmarge von 24 Prozent im Jahr 2011.

Nach Verlagsangaben stammt der Großteil der Einnahmen aus den Abonnements von Universitäten und Forschungseinrichtungen. In einem Artikel des US-Magazins The Scientist vergleicht Michael Taylor – Wissenschaftler an der Universität Bristol und Gastautor beim Guardian – was es je nach Verlag kostet, Forschungsergebnisse zu veröffentlichen: Für einen Wissenschaftsartikel im Open-Access-Magazin Plos One müssen demnach 1.350 US-Dollar bezahlt werden. Im Vergleich dazu kostet eine Veröffentlichung in einem zugangsbeschränkten Elsevier-Magazin laut Taylor mit 10.500 US-Dollar in etwa das Achtfache.

Warum wollen Forscherteams ihre Ergebnisse trotzdem in Magazinen mit Paywall lesen? Zum einen ist die Anzahl der Publikationen in renommierten Magazinen für die Karriere der Forscher wichtig. Einmal in Nature oder Science zu stehen, wiegt noch immer viel schwerer als ein Wissenschaftsartikel in Plos One . Zum anderen ist es eine verzwickte Kostenfrage: In der Regel fallen keine Gebühren an, wenn Forscher ihre Ergebnisse in zugangsbeschränkten Magazinen veröffentlichen. Lediglich die Bibliotheken müssen dann bezahlen, um auf die Artikel zugreifen zu können. Bei Open-Access-Magazinen ist es umgekehrt: Hier zahlen die Wissenschaftler von ihrem eigenen Forschungsbudget – für Bibliotheken ist der Zugang dann wie für die Öffentlichkeit kostenlos. "Erst wenn die Geldtöpfe von Unibibliotheken und Forschungsabteilungen zusammengelegt werden, würde sich Open Access sowohl für Forscher als auch für die Bibliotheken rechnen", sagt Taylor.

Leserkommentare
  1. Die Debatte mag in Deutschland "gemäßigter" sein, aber sie ist natürlich nicht weniger dringlich. Und sie kommt auch durchaus bei den Wissenschaftlern an, wie die Liste deutscher Elsevier Boykotteure (derzeit ~600) unter http://www.hbxt.org/2012/02/wissenschaftlerinnen-in-deutschland.html zeigt.

  2. funktioniert in der Neuzeit ja nicht nur in den Segmenten, wo Menschen mit dem Instrumentarium der Neuen Sozialen Marktwirtschaft für die Einräumung der Möglichkeit, einen Erwerbsarbeitsplatz in Anspruch zu nehmen zu dürfen, zu den Selbstausbeutungsformen der Plutonomy verpflichtet werden.

    Diese Systemstruktur wirkt eben auch in den Segmenten der Wissenschaft und Forschung, in denen auch der forschende und lehrende Mensch längst zu dem Objekt umgeformt wurde, dass nur noch schwache Erinnerungen an eine Existenz als Mensch besitzt. Die moderne Form der Vernichtung durch Arbeit, die inzwischen als sozio-ökonomische Pandemie in Plutokratenwirtschaft etabliert worden ist, wird sicherlich von vielen unter uns durch Verdrängung, Verleugnung und Wahrnehmungsverweigerung ausgeblendet, weil ja diesen Geiz- und Giersektenangehörigen a la Scientology erst in den Momenten ihres Krepierens und Verreckens die Welt der Realität ins Bewusstsein zu dringen vermag.

    So gesehen, ist der Aufstieg einer Piratenpartei wohl doch so etwas wie ein geistig-moralischen Quantensprung, der uns wieder in die Welt der Wirklichkeiten, der Fakten, Tatsachen und erbarmungslosen Notwendigkeit zurück führt, dass wer essen will, erst einmal zumindest die Sucharbeit ableisten muss.

    Die Visions- und Wahnwelten der Guttenbergianer, der Schröderianer und der Wulffen sind schlichter Prospektbetrug, dem wir uns nicht überantworten sollten.

    Also auf zu den likkedeelern das 21. Jahrhunderts.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service