Psychologie: Die Nebenwirkungen der Freiheit
Warum sind gerade jene Menschen unglücklich, denen alle Wege offen stehen? Der Psychologe und Journalist Bas Kast geht dieser Frage in seinem Buch nach. Ein Auszug
Im Sommer 2009 traf ich mich regelmäßig mit sechs, sieben Freunden zum gemeinsamen Grillen auf einem alten, heruntergekommenen Bauernhof etwas außerhalb Berlins. Eines Abends tauchte Sophie, die sonst immer mit ihrem Freund Nico kam, alleine auf. Während ich am Grill stand, verschwanden die Frauen der Runde verschwörerisch ins Haus. Minuten später – die ersten Zucchinischeiben waren bereits beunruhigend dunkel geworden – kamen sie alle zurück in den Garten. Sophie weinte.
Wie sich herausstellte, hatte Sophie sich von Nico getrennt. Der Grund: Sie (damals Mitte 30) wollte Kinder, Nico nicht, er war einfach noch nicht so weit.
Jetzt hatte sie die Schnauze voll. So bitter es sei, sie könne nicht weiter "ihre Zeit verschwenden".

studierte Psychologie und Biologie und war bis 2008 Wissenschaftsredakteur beim Tagesspiegel. Derzeit lebt er als freier Autor in Berlin und Utrecht. Neben Ich weiß nicht, was ich wollen soll (2012), schrieb er Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt (2004) und Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition (2007).
Die Diskussion, die daraufhin entflammte, war sonderbar: Da saßen wir, ein Grüppchen relativ privilegierter Stadtneurotiker, das über die Zumutungen des modernen Lebens lamentierte. Darüber, wie schwierig es heutzutage war, Arbeit und Liebe unter einen Hut zu bekommen. Einer in der Runde erzählte von einem Bekannten, der seit Monaten aufgrund eines Burn-outs krankgeschrieben war und nicht mehr ohne Antidepressiva auskam. Andere klagten über das Gefühl, "nie genug getan zu haben, egal, wie viel man auch tut". Als meine Freundin und ich in der Nacht nach Hause fuhren und zu guter Letzt auch noch auf unsere Probleme zu sprechen kamen (meine Freundin "musste" gerade arbeitstechnisch für längere Zeit nach Holland, hatte aber wenig Lust, mich, ihre Familie und Berlin zu verlassen), platzte es plötzlich aus ihr heraus: "Eigentlich haben wir doch alle Möglichkeiten, eigentlich müssten wir doch ganz zufrieden sein – wieso sind wir es nicht?"
Es war eine einfache Frage. Ich hatte keine Antwort.
Ein paar Tage später. Ich überlegte, ob die Sache nicht eine Recherche wert wäre und fing an, mich in die Frage meiner Freundin zu vertiefen – zunächst skeptisch, in der Erwartung, dass sich das Ganze als klarer Fall von Anstelleritis herausstellen würde. Die Einschätzung, dass gerade "meine" Generation, oder, allgemeiner: wir Menschen in den freien, wohlhabenden Industrienationen, unter chronischer Unzufriedenheit leiden sollten, mutete mich, angesichts unserer – im historischen wie globalen Vergleich – geradezu luxuriösen Lage fast ein bisschen peinlich an.
Was ist eigentlich los mit uns?
Je tiefer ich aber in die Materie vorstieß, desto nachhaltiger wurde ich eines Besseren belehrt.
Spätestens seit den 1970er Jahren, entdeckte ich, befragen Meinungsforscher große Teile der Bevölkerung in der reichen, entwickelten Welt nach ihrer Lebenszufriedenheit. Die Resultate dieser Erhebungen sind, gelinde gesagt, oft ziemlich ernüchternd. Dazu zwei Beispiele.
Erstens. Obwohl unsere Freiheit und unser Wohlstand in den letzten 35 Jahren praktisch ungebrochen gestiegen sind, hat die Lebenszufriedenheit in Deutschland nachgelassen (auch der Fall der Mauer hat uns keinen Deut glücklicher gemacht, weder im Westen noch im Osten des Landes).
Zweitens. Ein besonders rätselhaftes Beispiel betrifft die Situation der Frauen in der westlichen Welt. Zwei US-Ökonomen, davon eine Frau, haben das Glück der Frauen in zahlreichen Industrienationen seit den 1970er Jahren minutiös verfolgt. Über ihren Befund grübeln die Forscher bis heute selbst: Frauen sind – teils absolut, teils "lediglich" relativ zu den Männern – im Laufe der letzten Jahrzehnte (während sich ihre Freiheit und Möglichkeiten bekanntlich stetig erweiterten) immer unzufriedener geworden.
Dieser verblüffende Trend zeigt sich nicht nur in den USA, nein, das Phänomen taucht in allen untersuchten Nationen auf: in Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Spanien, Portugal und den Niederlanden. Einzige Ausnahme ist Deutschland, was daran liegt, dass bei uns sowohl Frauen als auch Männer unzufriedener werden!
Man stutzt. Man fragt sich, was eigentlich los ist mit uns. Wieso genießen wir unseren privilegierten Lebensstil nicht etwas mehr, als wir es den empirischen Erhebungen zufolge tun? Sind wir einfach nur undankbar? Was fehlt uns denn noch in der Überflussgesellschaft?
Wenn ich meinen Freunden von dem Frauenbeispiel erzähle, entgegnen sie mir meist prompt: Ist doch klar, Frauen haben ja heutzutage auch zwei Jobs an der Backe – Kind und Karriere! Die Frau von heute sei eben total überlastet, sie wisse vor lauter Jonglieren zwischen Kita und Geschäftstermin gar nicht, wo ihr der Kopf steht.







So, oder so ähnlich kann und wird dieser Artikel von Diktaturbefürwortern in Zukunft ausgelegt werden. Auch wenn der Autor ausdrücklich auf seine Überspitzung hinweist, so ist es doch unverantwortlich - und vor allem unwissenschaftlich! - auf Grundlage von ein paar deskriptiven Daten und einer Marmeladenglasstudie solch weittragende Schlussfolgerungen zu ziehen.
Diese Kritik an einer wissenschaftlich nicht immer nachvollziehbaren Argumentation gilt INSBESONDERE einem studierten Psychologen!
Der Artikel suggeriert (im Stile des Autors: "überspitzt gesagt"), dass die Freiheit Schuld ist, dass wir unglücklich sind.
Ich möchte gern eine Gegenhypothese aufstellen: Verbildlicht gesprochen sei das Leben ein Spiel. Auf dessen höchstem Level ist der Spieler frei, auf sich allein gestellt. Was löst in dieser Situation Unzufriedenheit aus? Ist es die personifizierte Freiheit, die sich erdreistet ihm alle Wege offen zu stellen? Nein! Es ist die Unfähigkeit des Spielers der diesen Level (vieleicht sogar durch Fremdeinwirkung) erreicht hat, mit dieser Freiheit umzugehen. Unfähig nicht alles gleichzeitig zu wollen.
Das Problem ist nicht die Freiheit - das muss vom Autor besser klargestellt werden - sondern die Unfähigkeit im Umgang mit ihr!
Nun, da kommt darauf an, wie sie Freiheit definieren. Und das ist ein kleines Problem. Frei nach einem FDP Politiker: Was soll Freiheit sein ? Freiheit der Partnerwahl ? Freiheit der Haarelänge ?
Nun, da kommt darauf an, wie sie Freiheit definieren. Und das ist ein kleines Problem. Frei nach einem FDP Politiker: Was soll Freiheit sein ? Freiheit der Partnerwahl ? Freiheit der Haarelänge ?
Die wirklich wichtigen Werte, die auch sinnstiftend sind, kommen in unserer Gesellschaft zu wenig zur Sprache, weil sie entweder selbstverständlich geworden sind (z.B. Frieden, Essen, Wohnung, Wärme) und/oder nicht zu verkaufen sind (z.B. Freundschaft, Hilfe, Selbstvertrauen)
Und wenn sie erkauft werden, verlieren sie die zwischenmenschliche Ebene von Sympathie und Altruismus und machen nicht mehr glücklich.
Stattdessen werden Konsumbedürfnisse nicht zuletzt durch den Vergleich mit den Mitmenschen geweckt: Man erweitert den eigenen Charakter und steigt auf im Ansehen anderer, indem man sich mit Marken schmückt.
Unser Wirtschaftssystem lädt dazu ein, das Glück in Euro zu messen. Und das ist nicht artgerecht.
ausgesetzt einer medialen Dauerberieselung
kein App für Glück und Zufriedenheit
dafür aber 900 Millionen Facebookfreunde
bedauernswert
Leider ist das Buch wenig informativ und erklaehrt lediglich Sachen die man schon weiss, fasst sie ber nicht sinnstiftend zusammen. Der Titel ist wohl das Einzige was von disem Buch in Erinnerung bleiben wird.
Das wundert wenig, wenn man die Titel seiner vorherigen Buecher betrachtet: Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt (2004) und Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft (2007). Hier geht es weniger um serioeses Informieren als um Geld verdienen.
es hat in dem Artikel keiner beauptet, dass es Frauen genau so gut geht wie den Männern.
Es wurde behauptet, dass sich die Möglichkeiten der Frauen in den letzten Jahrzehnten realtiv stärker vermehrt haben als die der Männer. Also: von 1 auf 8 ist eine Verachtfachung, von 10 auf 11 lediglich ein Plus von 10 %. Dennoch bleibt 11 mehr als 8.
Insofern haben Sie mit dem was Sie sagen zwar Recht, laufen aber sowas von am Thema vorbei, dass es weh tut.
Unsere Kultur durchzieht ein Grundwiderspruch zwischen öffentlicher Verkündigung und alltäglicher Realität: Von Geburt an werden wir zum Gehorsam erzogen (gezwungen), und werden dann in die "Freiheit" verlassen - für die meisten von uns bisher eine terra incognita - ein unbekannter Kontinent. Wie könnte wir da glücklich sein, da niemand gelernt hat, damit umzugehen? Die unumgängliche Folge ist ein Leben in Beliebigkeiten, wie es A. de St.-Exupéry. Autor von "Der kleine Prinz", beschrieb:
/Zitat
Sehen Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe ... Die Liebesbande, die den heutigen Menschen mit Wesen und Dingen verknüpfen, sind so schlaff, so wenig gewichtig, dass der Mensch ihre Abwesenheit nicht mehr so spürt wie früher ... Die Eisschränke sind austauschbar. Auch das Haus, wenn es bloß eine Anhäufung von Gegenständen ist. Und die Frau. Und die Religion. Und die Partei. Man kann nicht einmal mehr untreu sein. Wem sollte man untreu werden? Wovon weit weg und wem untreu? Wüstenei des Menschen ... Den heutigen Menschen hält man, je nach Milieu, durch Skat oder Bridge im Zaum. Wir sind erstaunlich gründlich kastriert. Und so sind wir nun schließlich frei. Man hat uns Arme und Beine abgeschnitten, dann ließ man uns frei herumlaufen.
Zitat/
Antoine de St.-Exupéry: Brief an einen General (1944)
Ein Aspekt der nicht angesprochen wurde ist die Multidimensionalität. Früher auf dem Dorf, musste man gut in der Landwirtschaft sein. Beim Dorffest konnte man vielleicht noch beim Tanzen brillieren, aber viel mehr gab es nicht. Die Kleidung war durch Tradition bestimmt, und auch die Hobbies meist durch die Umgebung beeinflusst.
Wer heutzutage spaziert muss sich mit Reinhold Messner messen. Fährt man mit dem Auto ist natürlich Michael Schumacher der Maßstab.
War man früher im Dorf mal besser und mal schlechter als der Durchschnitt, so wird nun ein eklanter Abstand zur Spitze deutlich.
Selbst wer es einmal in einem Bereich bis zur Spitze schafft, wird feststellen, dass die Freude nur von kurzer Dauer ist, weil man seine Position verteidigen muss. Vor allem jedoch wird die Energie, die man in diesem Bereich aufgewendet hat, woanders fehlen. Man wird in anderen Bereichen also eher an Boden verloren haben. Man kann also niemals gewinnen.
Ähnlich wie durch die Einführung von TV die Kriminalität stieg, weil man nun einen anderen Vergleichmaßstab bekam als die unmittelbare Umgebung, führen mehr Informationen zu stärkeren Anreizen. Diesen Reizen können Viele nicht widerstehen.
Siddhartha G erkannte das schon vor langer Zeit: Leben ist leidvoll, die Ursache ist Gier und Erlösung davon ist möglich.
Wir hingegen verfolgen die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus von Max Weber.
sehr schön niedergeschrieben, franck.
sehr schön niedergeschrieben, franck.
Nun, da kommt darauf an, wie sie Freiheit definieren. Und das ist ein kleines Problem. Frei nach einem FDP Politiker: Was soll Freiheit sein ? Freiheit der Partnerwahl ? Freiheit der Haarelänge ?
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