Ein Arzt gibt einem Diabetespatienten eine Insulinspritze (Archivfoto). © Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Etwas mehr zu wiegen, als der Arzt für zuträglich hält, ist noch keine Krankheit. Aber es erhöht das Risiko für verschiedene Leiden. Ab einem Body-Mass-Index von 30 (Gewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern im Quadrat) sprechen Mediziner jedoch von "krankhaftem Übergewicht", gegen das etwas getan werden sollte. Wem es nicht gelingt, mittels Diät und Bewegung abzunehmen, dem kann seit zwei Jahrzehnten die Chirurgie helfen: Bei einem operativen Eingriff wird der Magen verkleinert oder auch Teile des Verdauungstraktes stillgelegt. So wird beim Magenbypass der Nahrungsbrei aus dem verkleinerten Magen direkt in den Dünndarm geleitet, der Zwölffingerdarm wird umgangen.

Derartige Operationen werden immer häufiger vorgenommen. In den USA sei jeder dritte planbare chirurgische Eingriff ein bariatrischer, beseitigt also die "Schwere" (griechisch baros), berichtete Rudolf Weiner, Chefarzt im Krankenhaus Frankfurt am Main Sachsenhausen , jetzt auf dem Chirurgenkongress in Berlin . Er gehört zur Expertengruppe Metabolische Chirurgie, zu der sich Operateure, Ernährungsspezialisten und Diabetologen zusammengeschlossen haben. "Wir operieren keine Menschen mit Speckröllchen, sondern krankhaft übergewichtige Patienten, bei denen kein konservatives Programm Erfolg hatte", stellte Weiner klar.

Rückendeckung gibt den Chirurgen die schwedische Obese-Subjects-Studie . Dabei wurden mehr als 2.000 Operierte über 20 Jahre begleitet. Im Schnitt haben sie in den ersten zehn Jahren 19,2 Kilo abgenommen, während eine nicht operierte Vergleichsgruppe in dieser Zeit 1,3 Kilo zunahm. Der Eingriff erhöhte zudem ihre Chancen auf ein längeres Leben und senkte ihr Risiko, an Krebs zu erkranken. Ein Effekt, der vor allem den Frauen zugutekam. Denn Brustkrebs trifft häufig Übergewichtige.

Mittlerweile diskutieren Ärzte, ob die Eingriffe auch für leicht übergewichtige oder sogar für einige schlanke Menschen heilsam sein könnten, die unter einem Diabetes mellitus vom Typ 2 leiden. Denn es häufen sich die Hinweise darauf, dass sie den "Alterszucker" beseitigen können. So kamen fast drei von vier operierten Diabetikern aus der schwedischen Studie zwei Jahre später ohne Insulinspritzen aus. Nach zehn Jahren halbierte sich diese Zahl zwar, war aber immer noch weit höher als bei den nicht Operierten.

Der Blutzucker normalisierte sich nach der OP

Dass das Abspecken sich günstig auf den Blutdruck und den Gehalt von Blutfetten und Blutzucker auswirkt, ist nicht erstaunlich. Denn das "metabolische Syndrom", bei dem alle diese Werte zu hoch sind und der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät, droht vor allem bei Übergewicht. Ob man das Abnehmen nun mit Bewegung, Diät und bewusster Ernährung schafft oder mit einem Eingriff, der dafür sorgt, dass man weniger isst und/oder das Gegessene schlechter verwertet, dürfte keine Rolle spielen.

Was die Mediziner jedoch verblüffte: In vielen Fällen normalisierte sich bei den Operierten der Blutzucker sofort nach dem Eingriff – lange bevor die Pfunde purzeln konnten. "Die Eingriffe wirken nicht nur mechanisch und mental, sondern auch metabolisch", folgert Weiner. "Wir wissen, dass in dieser ersten postoperativen Phase verschiedene Hormone wichtig sind", erläutert sein Kollege Markus Büchler von der Uniklinik Heidelberg und zugleich Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. "Ihre genaue Wechselwirkung verstehen wir aber noch nicht." Es gebe allerdings deutliche Hinweise darauf, dass die Wirkung auf den "Zucker" besser ist, wenn die Betroffenen noch nicht lange Insulin nehmen.