Friedrich HirzebruchDeutschlands Gigant der Mathematik

Friedrich Hirzebruch war Architekt der modernen deutschen Mathematik. Der brillante Kopf war Stimme und Gewissen seines Fachs. G. M. Ziegler erinnert an den Forscher. von Günter M. Ziegler

Der Mathematiker und Gründer des Max-Planck-Instituts für Mathematik, Friedrich Hirzebruch

Der Mathematiker und Gründer des Max-Planck-Instituts für Mathematik, Friedrich Hirzebruch   |  © Max-Planck-Institut für Mathematik

1982 habe ich den Mathematiker Friedrich Hirzebruch zum ersten Mal erlebt: Er hielt einen Vortrag an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, einen lebhaften Bericht über seine aktuellen Forschungen und Entdeckungen, Ungleichungen zwischen Chern-Zahlen, Konstruktionen von Ball-Quotienten aus Geradenarrangements, komplexe Tori, und so weiter. Ich studierte damals gerade anderthalb Jahre, verstand kein Wort – und war fasziniert.

Professor Hirzebruch berichtete über neue Beispiele für seine Untersuchungen, die ihm ein Kollege aus Japan gerade mitgeteilt hatte, über neue Entdeckungen und letzte Lücken im Theoriegebäude. Auch mir als naivem Drittsemesterstudenten war klar, dass hier ein ganz Großer seines Faches spricht.

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Friedrich Hirzebruch, geboren 1927 in Hamm, hatte nach dem Krieg in Münster und an der ETH Zürich studiert, promovierte 1950 (mit 22) bei Heinrich Behnke und Heinz Hopf, habilitierte 1955 (mit 27). Dazwischen liegt ein Aufenthalt am Institute for Advanced Study in Princeton, wo ihm die Verallgemeinerung des Satzes von Riemann-Roch gelungen war, die Mathematiker heute als den "Satz von Riemann-Roch-Hirzebruch" kennen. 1956 erschien seine Habilitationsschrift als Buch – Neue topologische Methoden in der Algebraischen Geometrie – ein Klassiker.

Eine moralische Autorität der deutschen Mathematik

Hirzebruch war damals aber nicht nur ein brillanter junger Mathematiker, sondern auch einer, der schnell Verantwortung übernahm. 1961 wurde er Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV). Er veranstaltete zu Zeiten der Teilung auch geteilte Präsidiumssitzungen in Ost- und Westberlin. Nach dem Mauerbau hielt er die Mathematik in Ost und West zusammen.

Fast dreißig Jahre später, 1990, wurde er noch einmal Vorsitzender der DMV, um die Integration der Mitglieder der Mathematischen Gesellschaft der DDR in die DMV zu moderieren. Und 1998, als in Berlin erstmals nach den Kriegen der Internationale Mathematikerkongress wieder in Deutschland stattfand, sprach zur Eröffnung Friedrich Hirzebruch. In seiner Rede bezog er Position zu Schuld, Terror und Vertreibung in der Nazizeit – da wurde es sehr still im Berliner Kongresszentrum ICC. Wie kein anderer hatte Hirzebruch die moralische Autorität, für die Mathematik in Deutschland zu sprechen.

Hirzebruch baute Brücken, flocht Netze, organisierte Begegnungen und wissenschaftlichen Austausch. Seit 1956 war er Professor an der Universität in Bonn, veranstaltete dort seit 1957 jedes Jahr seine "Arbeitstagung", mit der er die internationalen Stars der Mathematik nach Bonn und an die Tafel holte – Serre, Atiyah, Bott, Grothendieck, Deligne. Hirzebruch schaffte ein einmaliges Arbeitsumfeld und förderte junge Leute. Er forschte produktiv zwischen Geometrie und Topologie über Jahrzehnte hinweg. Dabei war für ihn Forschung ein kommunikativer Prozess, der sich in Briefen, Gesprächen, in Seminaren und Diskussionen abspielte.

Günter M. Ziegler
Günter M. Ziegler

Günter M. Ziegler leitet die Arbeitsgruppe Diskrete Geometrie an der FU Berlin. Der Mathematiker war von 2006 bis 2008 Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und initiierte das Jahr der Mathematik 2008.

Hirzebruch lehrte und wurde verstanden, seine Vorlesungen waren legendär, wenn er in seinem westfälischem Tonfall sprach. Er hatte exzellente Schüler – 52 Doktoranden zwischen 1961 und 1995. Und er baute Strukturen für die mathematische Forschung auf, ab 1969 den DFG-Sonderforschungsbereich "Theoretische Mathematik". 1980 gründete er das Max-Planck-Institut für Mathematik, das seit einigen Jahren versteckt, aber mitten in Bonn, über dem Hauptpostamt am Münsterplatz residiert. Friedrich Hirzebruch wurde zum Architekten für den weltweiten Ruf der Mathematik in Bonn.

Für seine Lebensleistung wurde er vielfältig geehrt – mit Preisen (darunter der Wolf-Preis 1988, und die Cantor-Medaille der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 2004), durch die Aufnahme in fast alle deutschen Akademien (wie kein anderer Wissenschaftler) und durch 11 Ehrendoktorwürden.

Noch wenige Wochen vor seinem Tod hatte Hirzebruch zwei Stunden lang mit meisterhafter Klarheit an der Tafel über seine aktuellen Forschungen berichtet – ein Vortrag, der auf Video aufgezeichnet wurde und demnächst auf der Homepage des Max-Planck-Instituts für Mathematik veröffentlicht werden soll. Nach einem Sturz musste Hirzebruch zu Pfingsten ins Krankenhaus und starb dort am Sonntag im Kreis seiner Familie. Auch am Institut wird um ihn getrauert, aber der regelmäßige Tee um 15 Uhr ist nicht abgesagt, den Hirzebruch oft mit Kollegen trank. Danach wird pünktlich wieder gearbeitet, die Seminare finden statt – ganz im Sinne des Gründungsdirektors.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche. Danke, die Redaktion/au.

  2. der Hirzebruchrechnung.

    Sorry, der musste sein.

    Was mich beunruhigt ist, dass ich - trotz Interesse an allem Naturwissenschaftlichen von Leuten wie Serre, Atiyah, Bott, Grothendieck, Deligne noch nicht einmal die Namen gehört habe. Allerdings ist gerade Topologie - nach meiner unmaßgeblichen Meinung - nicht unbedingt ein Gebiet der Mathematik, welches sich absoluten Laien wie mir so einfach erschließt.

    Hier könnte ZEIT-Wissen noch viele Lücken schließen [Legt Zaunpfahl wieder weg].

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    • Crest
    • 30. Mai 2012 18:45 Uhr

    Das kommt in den besten Familien vor. ;-)

    (Sollte sie also nicht allzusehr beunruhigen und betrifft eigentlich alle Professionen. Erinnern Sie sich noch an die etwas weinerliche Dame, die sich vor kurzum darüber beklagte, dass ihre Politikstudenten nicht mal mehr die Reihenfolge der bundesdeutschen Kanzler "auf die Reihe" brächten.)

    Ich hab mal geblättert und nachgeschaut inwieweit die genannten Herren außerhalb ihrer Community irgendwie zitiert werden. In der Physik finden wir zumindest in der Literaturliste von Penrose ("Road to Reality") Michael Atiyah dreimal zitiert. Aber: Penrose ist (nach allen Standards) obwohl er gemeinhin als Physiker gilt, selbst auch Topologe.

    Von Atiyah finden Sie sogar in Bild der Wissenschaft (4/1969) einen Originalartikel (also aus der Zeit, als Bild der Wissenschaft noch nicht zu einem "Klatschblatt" versumpft war).

    Grothendieck ist menschenscheu geworden und lebt irgendwo als Eremit (wohl verzeifelt an der Politik. Das kann ich gut verstehen, denn das geht mir manchmal auch so - nur andersrum; was aber nur zeigt, dass man bei ähnlichen Interessen und ähnlicher Sozialisation ganz unterschiedliche Standpunkte entwicklen kann. :-)). Er war einer der allergrößten Hoffnungsträger (als Mathematiker nicht als Politiker).

    Und Hirzebruch wäre wohl ein Kandidat für die Fields-Medaille gewesen, hätte der zweite Weltkrieg etwas weiter zurückgelegen.

    In einem heute noch lesenswerten Reader 3-540-06898-8 finden Sie Anregungen. C.

  3. "Hier könnte ZEIT-Wissen noch viele Lücken schließen"

    Damit überfordern Sie ZEIT-Wissen aber etwas.
    Kaufen Sie sich besser ein Mathematik Buch.

    An die Redaktion:

    Verstehen Sie das bitte als Herausforderung

    Eine Leserempfehlung
  4. Das dies ein Nachruf auf Hirzebruch ist, erschießt sich erst nach dem Lesen der letzten drei Sätze und durch den Link. Als Mathematiker finde ich die Begrifflichkeit „Architekt der modernen deutschen Mathematik“ für etwas unglücklich und hatte hierbei erst den David Hilbert im Kopf.

    Mit Friedrich Hirzebruch ist ein großer Mathematiker von uns gegangen, der zu den herausragenden Persönlichkeiten der Mathematik unserer Zeit gehört hat.

    Welchen Stellenwert die Wissenschaften in unserer Gesellschaft haben, lässt sich gut daran erkennen, wer überhaupt einen Artikel zum Tode von Hirzebruch veröffentlich hat und wo dieser positioniert ist. Das erinnert mich an meine Studienzeit, als ein Physik!-Prof. sich sehr negativ über unsere Medien bei der Veröffentlichung von Wiles für den Beweis des Satzes von Fermat geäußert hatte: In Amerika hätte diese Nachricht auf den Titelseiten der Zeitungen gestanden, während es bei uns entweder gar nicht oder höchstens versteckt irgendwo im Innenteil der Zeitung erwähnt worden wäre.
    Wäre ein Kübelböck vor einen Gurkenlaster gelaufen, hätte es wohl ein ähnliches Rauschen im Blätterwald gegeben.

    Ich würde mir wünschen, wenn die Zeit es schaffen würde, öfter aus dem Bereich der Wissenschaften zu berichten und die Themen auch einigermaßen zu transportieren versucht. Ich kenne den angerissenen Bereich der Mathematik recht gut und halte diesen für sehr anspruchsvoll. Trotzdem halte ich es für möglich, hier einen kurzen Einblick für Laien zu geben.

    7 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Mathematiker, schauen Sie doch mal auf http://www.zeit.de/schlag... . Dort werden die ZEIT-Artikel aufgelistet, die etwas mit Mathematik zu tun haben (es sind auch ein paar da reingerutscht, bei denen der Bezug zur Mathematik sich nicht direkt erschließt, aber egal). Da können Sie sehen, dass wir durchaus ab und zu versuchen, aktuelle Themen aus der Mathematik aufzugreifen - wobei ich gerne zugebe, dass es mehr sein könnten!

    • Crest
    • 30. Mai 2012 18:45 Uhr

    Das kommt in den besten Familien vor. ;-)

    (Sollte sie also nicht allzusehr beunruhigen und betrifft eigentlich alle Professionen. Erinnern Sie sich noch an die etwas weinerliche Dame, die sich vor kurzum darüber beklagte, dass ihre Politikstudenten nicht mal mehr die Reihenfolge der bundesdeutschen Kanzler "auf die Reihe" brächten.)

    Ich hab mal geblättert und nachgeschaut inwieweit die genannten Herren außerhalb ihrer Community irgendwie zitiert werden. In der Physik finden wir zumindest in der Literaturliste von Penrose ("Road to Reality") Michael Atiyah dreimal zitiert. Aber: Penrose ist (nach allen Standards) obwohl er gemeinhin als Physiker gilt, selbst auch Topologe.

    Von Atiyah finden Sie sogar in Bild der Wissenschaft (4/1969) einen Originalartikel (also aus der Zeit, als Bild der Wissenschaft noch nicht zu einem "Klatschblatt" versumpft war).

    Grothendieck ist menschenscheu geworden und lebt irgendwo als Eremit (wohl verzeifelt an der Politik. Das kann ich gut verstehen, denn das geht mir manchmal auch so - nur andersrum; was aber nur zeigt, dass man bei ähnlichen Interessen und ähnlicher Sozialisation ganz unterschiedliche Standpunkte entwicklen kann. :-)). Er war einer der allergrößten Hoffnungsträger (als Mathematiker nicht als Politiker).

    Und Hirzebruch wäre wohl ein Kandidat für die Fields-Medaille gewesen, hätte der zweite Weltkrieg etwas weiter zurückgelegen.

    In einem heute noch lesenswerten Reader 3-540-06898-8 finden Sie Anregungen. C.

    Antwort auf "Der Erfinder"
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    musste ich abbrechen, nachdem die Hopf-Faserung mir Knoten ins Hirn machte. Da die nachfolgenden Kapitel darauf aufbauten, musste ich auch die "Road to Reality" abbrechen.

    Wenn also jemand die Hopf-Faserung erklären könnte, wäre ich dafür sehr dankbar. Und ja, ich weiß, dass es sich um eine Abbildung von S3 in R4 auf S2 im R3 handelt. Aber bei C² hört mein Vorstellungsvermögen leider auf.

  5. Vielen Dank für den Artikel.

    Auch mich würde es freuen, wenn Wissenschaft und Mathematik einen höheren Stellenwert in der Hierarchie "der Zeit" bekommen würde.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Forschung | Japan | Tafel | Bonn | Berlin | Princeton
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