Open Science: "Wer Angst hat, dass ihm Ideen geklaut werden, der hat nicht genug"
Nicht erst das Ergebnis, sondern bereits der Prozess von Forschung sollte öffentlich sein, sagt Christian Spannagel. Der Didaktiker findet, Forscher müssen Kritik suchen.
ZEIT ONLINE: Aktuell wird in Deutschland, Großbritannien und den USA über Open Access diskutiert, also den freien Zugriff auf Forschungsergebnisse. Sie fordern jedoch etwas anderes: Open Science, offene Wissenschaft im Netz. Worin besteht der Unterschied?
Christian Spannagel: Open Access bedeutet, die Produkte von Forschung – etwa in Form von wissenschaftlichen Artikeln – frei zugänglich zu machen. Bei Open Science geht es darum, nicht erst das Produkt, sondern bereits den Forschungsprozess oder sogar die Ideenfindung öffentlich zu machen. Die Idee des Gedanken des (Mit)Teilens ist bei Open Science noch stärker.
ZEIT ONLINE: Sollte sich Open Science nur auf öffentlich geförderte Forschung beziehen, wie derzeit für Open Access gefordert?
Spannagel: Prinzipiell kann man sagen, dass Forschung insgesamt offener werden kann. Auch wenn das ausdrücklich nicht heißt, naiv alles zu veröffentlichen. Etwas Patent-relevantes würde ich auch nicht twittern. Man muss da je nach Thematik entscheiden, ob es für das potenzielle Publikum gute Möglichkeiten gibt, sich einzubringen. Mein Forschungsgebiet – die Mathematik- und Informatik-Didaktik – eignet sich dafür gut; ob sich Wissenschaften wie die Mathematik oder Physik per se dafür eignen, kann ich nicht sagen.
ZEIT ONLINE: Das Standard-Argument in beiden Diskussionen ist die Angst vor Ideenklau. Was meinen Sie dazu?
Christian Spannagel ist Professor für Mathematik- und Informatik-Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er gehört zu den aktivsten Open-Science-Wissenschaftlern in Deutschland und ist Autor der Sieben Todsünden eines Wissenschaftlers.
Spannagel: Ich sage immer: Wer Angst hat, dass ihm Ideen geklaut werden, der hat wohl nicht genug. Natürlich lebt ein Forscher davon, dass sein Name mit seiner Idee verknüpft wird. Aber wenn es darum geht, kann man seine Idee so früh wie möglich im Internet veröffentlichen und das Netz als Protokoll verstehen, wo die Idee zusammen mit dem eigenen Namen zum frühestmöglichen Zeitpunkt dokumentiert ist.
ZEIT ONLINE: Aber wie überzeugen Sie Kritiker ihres Modells davon, dass es sinnvoll ist?
Spannagel: Selbstverständlich macht man sich angreifbar, wenn man seine Forschung öffnet. Aber eigentlich sollte man als Wissenschaftler diese Art von Kritik suchen. Es ist doch eigentlich wertvoll, möglichst früh zu erfahren, wenn etwa ein Praktiker überhaupt keine Relevanz in der Forschung eines Akademikers sieht. Natürlich ist das im ersten Moment nicht angenehm, eine solche Fehlerkultur, die das aushält, muss sich in den meisten Fällen erst entwickeln. Außerdem empfinde ich persönlich es als bereichernd, meine Forschung auch für Laien verständlich zu formulieren – denn dadurch durchdenkt man das eigene Handeln besser.







@joergeisfeld ... und nicht nur die "wiederholt nicht erfolgreichen" Forschungsprojekte verbrauchen unnötig Ressourcen - wie sieht es denn mit den "vermeintlich erfolgreichen" Projekten aus, die letztlich aus akadischen Fragestellungen geboren sind und die akademische Fragestellungen lösen, deren Ergebnisse aber nach der Projektzeit wieder in der Versenkung verschwinden? Wie viele Prototypen entstehen, die letztlich niemand braucht und die nach der Projektzeit auch nicht mehr weitergepflegt werden? All das können durchaus Projekte sein, die im Projektbericht und in Tagungsbeiträgen als erfolgreich bezeichnet werden...
Natürlich ist Grundlagenforschung und Forschung ohne direkten Anwendungsbezug notwendig und nötig, und natürlich muss auch Forschung betrieben werden dürfen, die letztlich in die Leere läuft (weiß man ja vorher nicht). Nur - manches Mal denke ich mir, dass es hin und wieder nicht schlecht wäre, wenn die Relevanzfrage etwas früher ernsthaft gestellt worden wäre...
Bin selber Physiker und kenne dieses Lied zur genuege, obwohl ich nicht mehr im akademischen Betrieb taetig bin, deshalb waere dieser Vorschlag umgesetzt ein grosser Fortschritt.
Irre Diskussion. Dein Interview gefiel mir gut, von vielen der Kommentare und den implizit dort vorgetragenen Meinungen, was Wissenschaft eigentlich ist und wozu sie da ist (Karriereleiter, Wettbewerbsveranstaltung, Profitcenter) bin ich schlichtweg schockiert, obwohl mir die Situation sehr gut vertraut ist, und zwar von innen, von außen und von der Seite: ich war Student, Postdoc, in der freien Wirtschaft, Coach für Manager, Coach für Wissenschaftler, und schließlich selbst Professor. Es ist daher für mich besonders interessant, wie die Idee Open Science die Gemüter zum Kochen bringt: denn das ist ja zunächst, wie Du in Folgekommentaren selber ausführst, keine Piraterie, sondern etwas zu dem Du (und ich auch) mehr oder weniger natürlich geführt wurdest. Wenn man das Netz aufmerksam beobachtet, was ich seit 1989 aktiv tue, dann liegt so etwas wie Open Science nahe und setzt sich in vielen Bereichen auch einfach schleichend durch. Das Aussterben der Dinosaurier kann als sicher gelten. Die von Dir vorgetragene und in Deinen Wissensgebieten auch gelebte Haltung ist genau die, aus der das WWW überhaupt erst kam (ich habe dabei gestanden), und über dessen Existenz beschwert sich heute keiner, sondern es wird als Infrastruktur fast als selbstverständlich betrachtet.
Hallo zusammen,
letzte Woche habe ich einen Vortrag über Open Science in Hamburg gehalten, in dem vielleicht viele der Punkte, die im Interview zu kurz kamen, nochmal vertieft erläutert werden. Die Aufzeichnung des Vortrags steht seit heute online (danke an Michael Karbacher):
http://lecture2go.uni-ham...
Nun melde ich mich doch noch einmal. Ich hab ja prinzipiell nichts gegen öffentliche Wissenschaft (in den Gebieten, wo so etwas möglich wäre). Nur finde ich weitestgehend nichts weiter als Trivialitäten und Dünnbrettbohrerei, die zu Pseudowissenschaftlichkeit aufgebläht wird. Lieber Christian, vor lauter 0pen science Brüllerei kommst du doch überhaupt nicht mehr zu wissenschaftlichem Arbeiten. Geh doch irgendwo endlich auch mal in die Tiefe und kratze nicht ständig nur an der Oberfläche rum, um uns das dann als Wissenschaft zu verkaufen. Warum gibst du dich mit derart wenig an Erkenntnisgewinn ab? Kann es sein, dass vor allem Du und weniger die Wissenschaft die Öffentlichkeit braucht?
Viele Grüße
Micha
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