Teure FachliteraturUnis rufen zum Boykott gegen Wissenschaftsverlage

Die Preise für Fachblätter steigen immens. Hochschulen und Institute attackieren nun Verlagsprimus Elsevier. Forscher sollen künftig in Open-Access-Journalen publizieren. von Astrid Herbold

Es sind nur zwei Zeilen auf der Homepage der Technischen Universität München , aber sie haben es in sich: "Aufgrund unzumutbarer Kosten und Bezugsbedingungen hat das Direktorium des Zentrums Mathematik beschlossen, alle abonnierten Elsevier-Zeitschriften ab 2013 abzubestellen." Elsevier ist nicht irgendein Zeitschriftenverlag, sondern einer der weltweiten Marktführer für wissenschaftliche Fachzeitschriften, inhaltlich wie wirtschaftlich bestens aufgestellt. Geschätzt um die 30 Prozent Rendite erwirtschaftet der Verlag jährlich.

Das Geld kommt vor allem aus öffentlichen Kassen. "Wir geben rund 60 Prozent unseres Budgets für Zeitschriften aus", erklärt Wolfgang Zick, Bibliotheksleiter der TU Berlin. "Und die Marktführer sichern sich davon wiederum einen Löwenanteil." Denn die Unis verhandeln nicht einzeln, sondern im Verbund, als sogenannte Konsortien, mit den Wissenschaftsverlagen. "So versuchen wir, bessere Rabatte zu bekommen." Abgeschlossen werden dann große Abo-Pakete, die den Universitäten kaum Spielraum für Kündigungen lassen. Zwar können einzelne Zeitschriften abbestellt, aber das Gesamtvolumen der Verträge kann nicht reduziert werden. "Wir dürfen immer nur ein Abo durch ein anderes ersetzen", erklärt Zick. Dazu kommt, dass die Preise vieler Zeitschriften jedes Jahr automatisch steigen. "Wenn wir nach den Gründen für diese Preiserhöhungen fragen, heißt es nur, das sei eben die Vorgabe des Managements."

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Tatsächlich mutet das Geschäftsmodell von Großverlagen wie Elsevier, Springer oder Wiley wie eine Lizenz zum Gelddrucken an: Wissenschaftler reichen ihre Aufsätze ein, andere Wissenschaftler übernehmen die Qualitätsprüfung, das sogenannte Peer-Review-System, wieder andere arbeiten als Herausgeber. Honorare fließen dafür in der Regel nicht. Trotzdem müssen die Universitäten für die Publikationen am Ende horrende Summen zahlen. "Unser Bibliotheksbudget ist seit 2002 um vier Prozent gestiegen, die Preise der Zeitschriften im gleichen Zeitraum durchschnittlich um 40 bis 50 Prozent", sagt Zick.

Angriff auf den Hauptsünder der Branche

Eine massive wirtschaftliche Fehlentwicklung, finden mittlerweile viele Wissenschaftler. Die Universität Harvard hat deshalb vor einigen Wochen an ihren wissenschaftlichen Stab appelliert, zukünftig vor allem in frei zugänglichen Open-Access -Journalen zu veröffentlichen. Die Elite-Universität greift damit eine Debatte auf, die ein bekannter britischer Mathematiker vor Monaten neu angeheizt hatte: Im Januar rief der Cambridge-Professor Timothy Gowers in seinem privaten Blog zu einem generellen Elsevier-Boykott auf. Über 11.000 Wissenschaftler sind seitdem seinem Beispiel gefolgt und haben auf der Webseite TheCostofKnowledge.com bekannt gegeben, zukünftig weder bei Elsevier publizieren noch sonst in irgendeiner Form für den Verlag tätig sein zu wollen.

"Wir greifen jetzt den an, den wir für den Hauptsünder in dieser Branche halten", sagt Martin Grötschel, Professor für Mathematik an der TU Berlin und Vizepräsident des Konrad-Zuse-Zentrums. Er hat den Aufruf ebenfalls unterzeichnet und bereits alle Elsevier-Abonnements des Konrad-Zuse-Zentrums gekündigt. "Wir wehren uns dagegen, dass mit öffentlichem Geld Wissen erzeugt wird, dass dann wiederum mit öffentlichem Geld zurückgekauft werden muss – ohne dass von Verlagen ein den hohen Kosten entsprechender Mehrwert erbracht wird."

Der Konflikt ist nicht neu, das Aktionsbündnis "Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft" weist seit Jahren auf die Missstände der gängigen Total-Buy-out- Praxis hin, bei der die Wissenschaftler alle Nutzungsrechte an die Fachverlage abtreten müssen, um ihre Aufsätze überhaupt veröffentlichen zu dürfen. Dringend müsse ein Zweitverwertungsrecht im Urheberrecht verankert werden, fordert das Bündnis in einer aktuellen Stellungnahme. "Es geht darum, dass wissenschaftliche Urheber nach der kommerziellen Erstveröffentlichung ihre Verwertungsrechte zur nicht kommerziellen Nutzung wiederbekommen", erklärt Bündnis-Sprecher Harald Müller, der die Bibliothek des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg leitet. Es müsse den Urhebern erlaubt werden, ihre Publikationen zeitversetzt auch auf Plattformen der Universitäten oder auf ihren eigenen Homepages zu veröffentlichen. Nur so könnten Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. "Und das ist nicht nur das erklärte politische Ziel der Max-Planck-Gesellschaft", sagt Müller, "das wird in der Wissenschaft von einer breiten Front mitgetragen."

Leserkommentare
  1. Ich wünsche viel Erfolg beim Vorgehen gegen Elsiver.

    Hier muss das Urheberrecht deutlich zu gunsten des Autors ausfallen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dirac
    • 02. Juni 2012 11:10 Uhr

    Finden Sie unter anderem auch hier:
    http://www.ub.tum.de/abbe...
    Allgemein läuft aber mit den elektronischen Lizenzen etwas schief.
    Wenn ich ein interessantes Buch des Springer Wissenschaftsverlags gefunden habe, ist es zu 70% nicht in der Lizenz enthalten, sondern in der Regel nur alte Kamellen vor 1995 oder so. Und das, obwohl wir angeblich die "Volllizenz" haben.

  2. ... Artikel die kostenfrei öffentlich zugänglich sind, werden auch viel leichter von denen gefunden, die es wirklich interessiert!

  3. "Unser Bibliotheksbudget ist seit 2002 um vier Prozent gestiegen, die Preise der Zeitschriften im gleichen Zeitraum durchschnittlich um 40 bis 50 Prozent"

    Tja, da hat wohl jemand den Bogen überspannt.

    Das kommt halt dabei raus, wenn ein System auf Wachstum, Wachstum, Wachstum angewiesen ist. Es reichen ja auch nicht mehr die Gewinnsteigerungen, es muss die Steigerung der Gewinnsteigerung sein.

    Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

  4. Sie schreiben von hohen zweistelligen Gewinnen. Ich bin mir sicher Sie meinten hohe zweistellige Millionengewinne? Denn 99€ sind in der heutigen Zeit keine wirtschaftlich sinnvolle Rendite :)

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    Mir ist gerade aufgefallen, dass man Renditen ja meist in Prozent angibt.. damit hat sich das auch erledigt.

    Selten das ich wegen eines Kommentars, so herrlich schmunzeln musste. Vielen Dank dafür!

    Redaktion

    Liebe(r) beezen2,

    In dem Satz ging es tatsächlich um den Prozentsatz für die Rendite. Allerdings hatten Sie schon recht, dass es missverständlich gewesen ist. Wir haben den Satz nun in Absprache mit der Autorin noch einmal konkretisiert.

    Ein genauerer Wert als "um die 30 Prozent" konnte die Autorin nicht verifizieren, da Elsevier keine Daten dazu veröffentlicht.

    Der angegebene Prozentsatz wurde aber von fachkundigen Experten geschätzt.

    Grüße aus der Redaktion

  5. Mir ist gerade aufgefallen, dass man Renditen ja meist in Prozent angibt.. damit hat sich das auch erledigt.

  6. Selten das ich wegen eines Kommentars, so herrlich schmunzeln musste. Vielen Dank dafür!

    • lgh
    • 23. Mai 2012 14:42 Uhr

    Das gesuchte Beispiel für Open Access Publishing gibt es bereits in der Teilchenphysik. Siehe: http://scoap3.org/ Es wäre gut, wenn andere Fachgebiete folgen würden.

  7. Redaktion

    Liebe(r) beezen2,

    In dem Satz ging es tatsächlich um den Prozentsatz für die Rendite. Allerdings hatten Sie schon recht, dass es missverständlich gewesen ist. Wir haben den Satz nun in Absprache mit der Autorin noch einmal konkretisiert.

    Ein genauerer Wert als "um die 30 Prozent" konnte die Autorin nicht verifizieren, da Elsevier keine Daten dazu veröffentlicht.

    Der angegebene Prozentsatz wurde aber von fachkundigen Experten geschätzt.

    Grüße aus der Redaktion

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